Wir alle, die in der zivilisierten, freien Welt leben, sind über die Gräueltaten der russischen Besatzer in Butscha, Irpin, Borodjanka und in anderen Städten der Ukraine, zuletzt über die verheerenden Folgen der russischen Raketenangriffe gegen die auf Evakuierung wartenden Menschen am Bahnhof der ostukrainischen Stadt Kramatorsk, empört. Von den erschütternden und der russischen Armee nachgewiesenen zahlreichen Kriegsverbrechen berichten Augenzeugen, Opfer, unabhängige Journalisten, Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International in Film, Bild, Ton und Text.

Frau mit Hund inmitten zerstörter Gebäude in Kiew.
Foto: AP/Rodrigo Abd

Hinter dem offiziellen und in Russland selbst auch für Auslandskorrespondenten verpflichtenden Begriff der militärischen "Spezialoperation" ist ein Vernichtungskrieg gegen die ukrainische Nation im Gange. Was die von Wladimir Putin selbst angekündigte "Entnazifizierung" der von einem bei freien Wahlen mit überwiegender Mehrheit gewählten jüdischen Staatspräsidenten geführten Ukraine bedeutet, hat am Dienstag der frühere Premierminister und Präsident, derzeit stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrats, Dmitri Medwedew, klargestellt: Radikale hätten nach dem Zerfall der Sowjetunion eine "Pseudogeschichte der ukrainischen Staatlichkeit" geschrieben. Ihre Heldengalerie bestehe nur aus "zoologischen Nazis, Halsabschneidern und Kollaborateuren". Eine solche Ukraine werde dasselbe Schicksal erleiden wie das Dritte Reich.

In seinem Text "Über Fakes und echte Geschichte" behauptet Medwedew, das Massaker von Butscha sei von den Ukrainern verübt worden: "Zur Entmenschlichung Russlands und seiner maximalen Anschwärzung sind die toll gewordenen Bestien aus den Nazi-Bataillonen und der Territorialverteidigung bereit, im Vorübergehen die eigenen friedlichen Einwohner zu ermorden." Das täten sie, weil das "Ukrainertum, das von antirussischem Gift und einer alles verschlingenden Lüge über seine Identität genährt wird, ein einziger großer Fake ist". So wird auch der Raketenangriff gegen den Bahnhof in Kramatorsk mit 50 Toten und vielen Verwundeten bereits offiziell als "Provokation", begangen von der ukrainischen Seite, dargestellt.

Propagandaapparat

Die unsinnige Gleichsetzung der Ukraine mit dem NS-Regime und die von dem gesamten russischen Propagandaapparat verbreiteten Behauptungen, die Ukraine habe keine eigene Identität und Kultur, dienen als Vorbereitung und Rechtfertigung für den Vernichtungsfeldzug gegen einen großen Teil der "Massen", der aus "Nazis" bestehe und "schuldig" sei. In diesem Sinne ruft in einem von der offiziellen Agentur verbreiteten Aufsatz der Autor Timofej Sergejzew zu einer "gerechten Bestrafung" dieses Teils der Bevölkerung als "unvermeidliche Härte" des "gerechten Krieges gegen das Nazi-System" auf.

Zwei herausragende, seit einiger Zeit im Westen tätige russische Ökonomen, Wladislaw Inosemzew und Sergei Guriew, haben kürzlich in Gastbeiträgen in der FAZ und der NZZ (27. 3. und 10. 3.) die Mischung aus Lüge und Gewalt des Putin-Regimes im Ukraine-Krieg als Methode eines "klassischen faschistischen Staates" beziehungsweise eines "Angst-Diktators" verurteilt. Bei der Mehrheit der Russen allerdings (noch) ohne Wirkung. (Paul Lendvai, 12.4.2022)