Sanktionen und der freiwillige Rückzug westlicher Unternehmen setzen Russland zu.

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Schon heute ist Tadschikistan das, was man gemeinhin als bitterarmes Land bezeichnen würde. In der Uno-Rangliste für die menschliche Entwicklung rangiert die ehemalige Sowjetrepublik mit ihren 9,5 Millionen Einwohnern auf Platz 125 von 189 Ländern. Das durchschnittliche Einkommen pro Kopf liegt kaufkraftbereinigt bei 4000 US-Dollar pro Jahr. In Österreich sind es 56.000 Dollar. Die Lebenserwartung ist mit 71 Jahren im Vergleich niedrig.

Der in der Ukraine tobende Krieg ist zwar weit weg: 3500 Kilometer beträgt die Distanz zwischen Kiew und der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe. Doch die wirtschaftlichen Auswirkungen des Konflikts sind in Zentralasien spürbar.

Das ist eine Folge der Arbeitsmigration. 1,6 Millionen Tadschiken arbeiten in Russland, vor allem auf Baustellen. Das Geld, das diese Menschen Monat für Monat zu ihren Familien nach Hause schicken, ist für einen Gutteil der Wirtschaftsleistung (BIP) in Tadschikistan verantwortlich. In Summe entsprechen die Zahlungen der Gastarbeiter 26,7 Prozent des tadschikischen BIPs.

Diese Geldströme brechen nun ein: Denn die russische Wirtschaft soll heuer als Folge der kriegsbedingten Sanktionen um rund elf Prozent schrumpfen. Die Investitionen und die Bautätigkeit werden zurückgehen. Viele der Gastarbeiter werden nicht länger gebraucht.

Rezession in vielen Ländern

Ähnlich geht es hunderttausenden Arbeitern aus Kirgisistan und Usbekistan. Die Folge ist ein Einbruch der Wirtschaftsleistung dieser Staaten. Statt zu wachsen, so wie das zu Jahresbeginn vorhergesagt wurde, soll die kirgisische Wirtschaft heuer um fünf Prozent schrumpfen, jene Tadschikistans um zwei Prozent.

Diese Zahlen stammen aus einem neuen Bericht der Weltbank, der die Folgen des Krieges in der Ukraine für die Weltregion Asien und Europa analysiert. Die schlimmsten Folgen hat der Krieg natürlich in der Ukraine selbst, wo die Wirtschaftsleistung heuer um 45 Prozent einbrechen soll. Selbst das ist nur eine grobe Schätzung, getroffen auf Basis von Daten zum Elektrizitätsverbrauch. Aus diesen Zahlen lässt sich die Entwicklung abschätzen.

Doch die Rezession in Russland, die Unterbrechung von Lieferketten und Geldströmen werden in zahlreichen weiteren Ländern Rezessionen auslösen: neben Tadschikistan und Kirgisistan auch in Belarus und Moldau. Einen starken Einbruch erwartet die Weltbank in Armenien, Georgien, Rumänien und Serbien.

Luftfracht stark betroffen.

Die Weltbank listet auf, wie der wirtschaftliche Schock Länder unterschiedlich trifft:

· Nicht so sehr für die EU, aber für viele asiatische Staaten ist Russland ein wichtiger Absatzmarkt (siehe Grafik). Armenien exportiert 20 Prozent seiner Waren nach Russland. Weil Russlands Wirtschaft schrumpft, werden diese Staaten mit in die Tiefe gezogen.

· Die EU wird durch Unterbrechungen in Lieferketten betroffen sein. Global betrachtet sind Russland und die Ukraine unbedeutend: Drei Prozent der weltweiten Exporte kommen aus diesen Ländern. Doch Russland und die Ukraine haben Bedeutung für bestimmte Lieferketten. Die Ukraine versorgt Europas Autobauer mit Kabelbäumen. Bei Kupfer, Aluminium, Stahl und Eisen kommen 30 Prozent einiger Vorprodukte, die in der Automobil- und Elektronikindustrie verwendet werden, aus Russland. Die Weltbank rechnet hier mit Ausfällen.

· Der Krieg wird die Transportkosten weiter nach oben treiben. 20 Prozent der globalen Luftfracht gehen über russische Airlines, die nun in Europa und den USA keine Landeerlaubnis haben. Zehn Prozent der Container in Rotterdam werden von russischen Schiffen entladen, die ebenfalls sanktioniert sind.

· Ein Viertel der globalen Weizenexporte kommt aus Russland und der Ukraine. Der Preisanstieg bei Lebensmitteln könnte weltweit 40 Millionen Menschen zusätzlich unter die niedrigste Armutsschwelle treiben. Unter der Schwelle leben Menschen, die mit maximal 1,90 Dollar am Tag lebensnotwendige Ausgaben abdecken müssen. Weltweit leben etwa 700 Millionen Menschen unter dieser Schwelle. (András Szigetvari, 12.4.2022)