Im August 1990 traf Kurt Waldheim (2. v. re.) den irakischen Diktator Saddam Hussein in Bagdad – inklusive Handshake.

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Österreich als "Brückenbauer", als neutraler Vermittler bei internationalen Konflikten und vor allem aus humanitären Gründen: Dieses Bild wird von der heimischen Diplomatie seit Jahrzehnten gern bemüht. So gesehen ist die Reise von Bundeskanzler Karl Nehammer nach Moskau zum russischen Präsidenten Wladimir Putin gar nicht so überraschend.

Sie erinnert in einigen Aspekten an eine Mission eines österreichischen Staatsoberhaupts, die in Medien und Staatskanzleien anderer Länder ebenfalls umstritten wie aufsehenerregend war: die Reise des damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim nach Bagdad zum irakischen Präsidenten Saddam Hussein im Sommer 1990.

Auch wenn die Umstände nicht ganz vergleichbar sind, gibt es doch Ähnlichkeiten: Ein Präsident, der sich zum brutalen Diktator entwickelt hat, überfällt mit seiner Armee ein Nachbarland, bricht alle Regeln. Er beruft sich dabei auf eine historische Mission. Die Staatengemeinschaft reagiert mit scharfen Sanktionen, isoliert den Diktator. Und dann kommt ein Österreicher, bricht mit der internationalen Isolation und bricht zu einer persönlichen Vermittlungsmission auf.

Geiseln des Diktators

1990 hatte Saddam überraschend Kuwait überfallen, das er als "altes irakisches Land" beanspruchte. In dem unterworfenen, ölreichen Staat schafften es mehrere tausend Menschen aus aller Welt, die dort lebten und arbeiteten, nicht mehr rechtzeitig, das Land zu verlassen, darunter etwa hundert Österreicherinnen und Österreicher. Der irakische Diktator nahm sie schlicht als Geiseln.

Waldheim, der frühere UN-Generalsekretär, der wegen seiner Aussagen und seiner verleugneten Biografie in der NS-Zeit selbst international isoliert war, sah seine Chance gekommen. Er flog, begleitet von einer Mediendelegation, nach Bagdad. Es war eine Geheimaktion, kurzfristig vorbereitet, von der niemand wusste, ob sie Erfolg haben würde. Anders als Nehammer heute hatte Waldheims Mission freilich ein klares, relativ eng abgestecktes Ziel: Österreicherinnen und Österreicher nach Hause zu holen.

Und so kam es: Saddam zelebrierte den Waldheim-Besuch propagandistisch mit allem, was dazugehört. Waldheim, so der irakische Diktator, sei schließlich nicht nur ein Gast, sondern "ein Freund". Präsident und Medien, auch der STANDARD, wurden entsprechend herzlich empfangen. Ein "spontanes" Pressegespräch wurde im irakischen Fernsehen in Dauerschleife gesendet. Das Regime wollte damit beweisen, dass es international gar nicht isoliert sei.

Erfolg für Waldheim

Waldheim bekam von Saddam schließlich, was er wollte. Binnen weniger Stunden wurden die im Irak festgesetzten Österreicher eingeflogen, der Bundespräsident konnte sie in einer AUA-Maschine sofort mitnehmen. Nicht nur sie: Einigen Deutschen, die von der Aktion Wind bekamen, wurden von der Botschaft österreichische Pässe ausgestellt, auch sie konnten dann mitfliegen.

So umstritten die Aktion war – als Waldheim die befreiten Geiseln in den Westen gebracht hatte, zogen andere Staaten nach.

Neben dem US-Bürgerrechtler Jesse Jackson und der Boxikone Muhammad Ali machte auch der deutsche Altkanzler Willy Brandt Saddam seine Aufwartung – und flog so wie die anderen mit westlichen Geiseln wieder nach Hause. Auf die Annexion an sich hatte all das aber keinen Einfluss. Im Jänner 1991 trat eine internationale Streitmacht mit UN-Mandat und unter US-Führung zum Krieg gegen den Irak an, Kuwait wurde befreit.

Markenkern Österreichs

Die Vermittlerrolle gehört aber auch abseits des Nahen Ostens zum Markenkern, den Österreich seit Jahrzehnten wieder und wieder in der Welt zu verbreiten versucht. Als 1997 tausende Albanerinnen und Albaner ihr Erspartes in einem betrügerischen Pyramidenspiel verloren und die darauf folgenden Massenproteste in einen Bürgerkrieg mündeten, war es SPÖ-Altkanzler Franz Vranitzky, der als OSZE-Sonderbeauftragter vermittelte.

Sein Vorvorgänger Bruno Kreisky gilt ohnehin als Prototyp, was Gespräche mit international geächteten Politikern betrifft. 1979 traf er zum ersten Mal offiziell Yassir Arafat, den PLO-Chef, der sich damals nicht und nicht vom Terror abwenden wollte. Fotos zeigen Kanzler und Guerillaführer in inniger Umarmung, die Beziehungen Wiens zu Israel erkalteten in dieser Zeit merklich – Frieden in Nahost vermochte Kreisky nicht zu erwirken.

Dass der Westen und der Iran heute im Wiener Palais Coburg über einen Atomdeal feilschen, unterstreicht aber die Vermittlerrolle, die das kleine Österreich im großen Weltgeschehen so gern spielen möchte. (Thomas Mayer, Florian Niederndorfer, 11.4.2022)