Viele Städte, wie hier Jakarta in Indonesien, sinken jedes Jahr einige Zentimeter ab, weil sie zu viel Grundwasser nutzen. Zugleich steigt durch den Klimawandel der Meeresspiegel.

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Die Veränderung passiert nur langsam, so, dass man es kaum merkt: Um 3,6 Millimeter steigt der Meeresspiegel jedes Jahr an. Erst über die Jahre betrachtet zeigt sich das volle Ausmaß der Veränderung. So sind die Meere seit den 1880er-Jahren bereits um ungefähr 23 Zentimeter gestiegen, wovon mehr als ein Drittel allein auf die vergangenen 25 Jahre zurückgeht – allen voran durch den Klimawandel und das Schmelzen riesiger Gletscher überall auf der Welt. Je nach Szenario könnten die Meere bis Ende des Jahrhunderts bereits um einen Meter höher sein.

Die Konsequenzen einer solchen Entwicklung könnten laut den meisten Experten düster aussehen: Hunderte Millionen Menschen, die an den Küsten dieser Welt leben, könnten ihre Heimat verlieren, Häuser, Straßen und andere Infrastruktur verschwinden, die Trinkwasserversorgung gefährdet werden, indem Salzwasser ins Grundwasser eindringt und ganze Ökosysteme beschädigt werden, wenn Schadstoffe aus küstennahen Mülldeponien, Raffinerien oder Chemiefabriken gespült werden.

Neue Ideen

Seit Jahren versuchen Städte und Länder deshalb, gegen die steigenden Wassermassen vorzugehen, haben Uferdämme, Mauern und bessere Abfluss- und Kanalsysteme errichtet, Straßen erhöht, neue Überschwemmungsgebiete ausgewiesen oder planen bereits den Umzug ganzer Dörfer und Kleinstädte ins Landesinnere.

Doch vielen Expertinnen gehen die Maßnahmen nicht weit genug. Sie fordern neue Ideen, die sich an die jeweiligen Gegebenheiten anpassen und der wachsenden Herausforderung zugleich aus verschiedenen Perspektiven begegnen. Denn allein die Emissionen zu reduzieren kann den Meeresspiegelanstieg nicht mehr rückgängig machen – zumindest nicht in den nächsten Jahrzehnten, dafür bleiben die Treibhausgase zu lange in der Atmosphäre. Viele Staaten und Orte müssen sich also bereits jetzt Anpassungsmaßnahmen überlegen.

Vorreiter Niederlande

Wenn es darum geht, sich an steigende Meere anzupassen, findet kaum ein Land so viel Beachtung wie die Niederlande. Der Erfindergeist des Landes rührt auch aus der eigenen Existenznot: Denn weite Teile liegen unterhalb des Meeresspiegels, insgesamt leben in dem Land mehr als neun Millionen Menschen in besonders niedrigen Gegenden. Schon vor mehr als 70 Jahren haben die Niederlande begonnen, Dämme und Barrikaden als Hochwasserschutz zu errichten, dutzende von ihnen schützen heute Menschen vor anschwellenden Flüssen und dem steigenden Meeresspiegel.

Das Problem: Um die Dämme intakt zu halten und künftig sogar noch zu erhöhen, muss das Land Berechnungen zufolge bis 2050 jedes Jahr bis zu 1,6 Milliarden Euro investieren. Und was passiert, wenn einer der Dämme eines Tages trotz der Instandhaltungsmaßnahmen brechen sollte? Die Folgen für die Bewohner und die Umwelt wären wohl verheerend.

Milliarden an Euro müssen die Niederlande in Zukunft in den Bau und die Instandhaltung von Barrikaden und Dämmen investieren.
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Schwimmende Häuser

Schon allein deshalb setzt das Land auf einige zusätzliche Strategien. Eine davon: Immer mehr Wohnungen und ganze Siedlungen sollen auf dem Wasser schwimmen und sich damit an den steigenden Meeresspiegel anpassen. Geschützt vor Wellen und Gezeiten und gleichzeitig über flexible Brücken mit dem Land verbunden, bieten die schwimmenden Gemeinschaften bereits Platz für tausende Wohnungen, Büros und sogar einen schwimmenden Kuhstall. Auch andere Länder haben die schwimmenden Häuser bereits inspiriert: So soll etwa auf den Malediven bis 2027 eine eigene Stadt auf dem Wasser entstehen.

Hausboote gehören schon jetzt zum Stadtbild Amsterdams dazu.
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Zugleich schütten die Niederlande ganze Sandbänke vor den Ufern auf. Eine als "Sandmotor" bezeichnete künstlichen Sandinsel im Süden des Landes, für die der Sand zehn Kilometer vor der Küste vom Meeresboden aufgesaugt und zum Ufer gepumpt wurde, soll die Küste vor Hochwassern und Erosionen schützen, Raum für neue Pflanzen bieten und zudem als Erholungsraum dienen. Nachdem eine Studie den Erfolg der künstlichen Sandbank, die dortige Küste zu erhalten, aufgezeigt hat, könnte sie nun auch in anderen Ländern angewendet werden.

Schwammstädte

Denn Lösungen braucht es vor allem in weniger entwickelten Ländern in Lateinamerika, Afrika und Asien, in denen durch das Bevölkerungswachstum laut Berichten bald hunderte Millionen Menschen in Städten vom steigenden Meeresspiegel bedroht sein könnten. Anstatt nur auf einzelne riesige und teure Dammprojekte zu setzen, müssen die Lösungen vor Ort günstiger und zugänglicher für alle Bewohner und Wirtschaftsakteure sein, argumentieren Experten.

Eine Möglichkeit, mit den steigenden Wassermassen und den vermehrten Regenfällen besser umzugehen, sind sogenannte Schwammstädte. Anstatt Regenwasser über Asphalt einfach in die Kanalisation abzuleiten, sollen größere Grünflächen und Feuchtgebiete in Städten Wasser aufnehmen und speichern und so Überflutungen verhindern. Auch Pflastersteine können wasserdurchlässig gemacht werden. Vorreiter bei Schwammstädten ist China, wo bisher 30 Städte nach dem Konzept gestaltet wurden und dadurch vor Ort 70 Prozent des Regenwassers aufgefangen und wiederverwendet werden sollen. Gleichzeitig könnten Schwammstädte auch die Wasservorräte in der Stadt erhöhen, sie vor dem Absinken bewahren und damit auch besser vor dem steigenden Meeresspiegel schützen, glauben Experten.

Schwammstädte sollen mehr Wasser, etwa nach heftigen Regenfällen, aufnehmen können.
Foto: Turenscape

Kaufen, vermieten, abreißen

In einigen Orten wird es allerdings auch trotz einiger Maßnahmen keinen ausreichenden Schutz vor den steigenden Wassermassen geben – wie etwa in einigen kalifornischen Küstenorten, wo einigen Bewohnern durch die Erosion bereits im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Füßen weggezogen wird oder nur ein schmaler Sandstreifen die Häuser vom Meer trennt.

Weil viele dieser Häuser bald nicht mehr bewohnt werden können, experimentiert der Bundesstaat Kalifornien nun mit einer Gesetzesänderung, die es lokalen Behörden erlaubt, Häuser, die durch den steigenden Meeresspiegel in den nächsten Jahrzehnten bedroht sind, aufzukaufen, an die dortigen Bewohner zu vermieten und eines Tages dann ganz abzureißen. Hausbesitzer können sich freiwillig dazu entscheiden, ihr Haus zu einem Zeitpunkt zu verkaufen, zu dem es noch Wert besitzt und den Zeitpunkt ihres Umzuges planen, während Steuerzahler nicht die gesamten Kosten für das Versinken von Küstengebieten auf einmal zahlen müssten.

Blockchain als Back-up

Auch vielen Inselstaaten wird wohl kaum eine andere Wahl bleiben, als eines Tages ihr untergehendes Land zu verlassen. Wie etwa Tuvalu, einer Insel im Pazifik, die selbst im günstigsten Szenario in den nächsten hundert Jahren von den Wassermassen verschlungen sein wird. Die rund zehntausend Bewohner wollen deshalb aber nicht ihre Kultur und Identität zurücklassen. Stattdessen will die Regierung künftig die Blockchain nutzen, eine Technologie, bei der Datensätze in einzelnen Blöcken in einem dezentralen Netzwerk gespeichert werden, um die eigene Kultur und Identität zu bewahren.

Um auf die Gefahr durch den steigenden Meeresspiegel aufmerksam zu machen, nahm Tuvalus Außenminister Simon Kofe im vergangenen Jahr eine Videobotschaft auf, bei der er fast hüfttief im Wasser stand.
Foto: Photo by Handout / MINISTRY OF JUSTICE-COMMS AND FOREIGN AFFAIRS TUVALU / AFP

Die Blockchain soll der Regierung Tuvalus dabei helfen, auch nach dem Umzug weiter zu funktionieren, Staatsbürgerschaftsanträge zu bearbeiten und andere Services bereitzustellen. Zudem könnte eines Tages auch die nationale Währung durch eine Kryptowährung auf der Blockchain ersetzt werden, sagen einige Befürworter im Land.

Die Technologie soll gewissermaßen als Back-up für die Regierung fungieren und die Unabhängigkeit und schiere Existenz des Staates bewahren. Nicht zuletzt sollen laut den Befürwortern auch Bücher, Kunstwerke und kulturellen Traditionen des Landes digitalisiert und auf der Blockchain gesichert werden, und alle Bewohner, unabhängig ihres späteren Wohnorts, Zugriff auf diese Daten haben.

Maßnahmen brauchen Zeit

Welche Maßnahmen gegen den steigenden Meeresspiegel funktioniert, ist von Ort zu Ort unterschiedlich, sagen Experten. Doch alle Maßnahmen werden Zeit brauchen, um voll umgesetzt zu werden. Umso wichtiger ist es laut Fachwelt, alle Bevölkerungsgruppen in die Entwicklung einzubinden – von kleinen Unternehmen, der Industrie, Gemeinschaften und Regierungen.

Nicht zuletzt müssen vor allem die Emissionen gesenkt werden, um den Klimawandel und den Meeresspiegelanstieg zumindest zu verlangsamen. Über das Risiko eines steigenden Meeresspiegels und Überschwemmungen wird am Ende aber wohl jeder nachdenken müssen. (Jakob Pallinger, 19.4.2022)