Lego, Puppen, Bauklötze, Bausätze: Was davon wirklich wichtig ist, darüber scheiden sich in Familien oft die Geister.
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Rund 300 Spielsachen besitzt ein westliches Kind im Schnitt. Aber was davon braucht es wirklich? Volker Mehringer ist Spielforscher an der Universität Augsburg und meint: "Noch mehr vom Gleichen ist wenig sinnvoll." Durch noch mehr Spielfiguren oder noch mehr Autos würden die Spielmöglichkeiten würden nicht mehr. Der Experte sagt auch, dass sich Eltern im Spielzeuggeschäft auch gerne mal überzeugen lassen können – denn in erster Linie müsse das Spielzeug Kindern Spaß machen. Deren Präferenzen liegen nicht wie die vieler Eltern bei Holzspielzeug. "Ihnen geht es um andere Dinge."

Für die Pädagogin Heidi Rossak muss gutes Spielzeug vor allem eines: möglichst viel Freiraum für die Fantasie lassen. Von Bausteinen mit Bauanleitung oder elektronischem Spielzeug hält die Pädagogin deshalb nicht so viel. Sowohl sie als auch Spielforscher Mehringer sagen: Oft ist das beste Spielzeug gar kein Spielzeug. Auch Alltagsgegenstände – wie Klopapierrollen, Körbe, Knöpfe, Steine oder Zapfen – könnten hervorragend als Spielzeug herhalten.

"Gutes Spielzeug ist absichtslos"

Gutes Spielzeug lässt möglichst viel freien Raum für die Fantasie. Es bietet einem Kind die Möglichkeit auszuprobieren, ist nicht einem bestimmten Zweck gewidmet, sondern ‚absichtslos‘. Das bedeutet: Es gibt dafür keine Bauanleitung, sondern das Spielzeug kann sehr variabel eingesetzt werden. Ein Beispiel wären schlichte Holzbauklötze. Damit können Kinder alles bauen, ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Sie lernen dabei wahnsinnig viel. Die italienische Pädagogin Maria Montessori nannte das freie Spiel deshalb auch ‚die große Arbeit‘. Die ungarische Kinderärztin und Kleinkindpädagogin Emmi Pikler sprach von der ‚Hochschule der Säuglinge und Kleinkinder‘.

Qualitativ hochwertige Spielsachen sind stabil und lange haltbar. Sie begleiten das Kind über mehrere Jahre, sodass es eine Beziehung dazu aufbauen kann. Mit langlebigem Spielzeug wird ein sorgfältiger Umgang vermittelt – anders als mit billigen Sachen, die schnell kaputtgehen und dann immer durch etwas Neues ersetzt werden. Auch Naturmaterialien wie Sand, Wasser, Zapfen oder Steine eigenen sich ganz hervorragend zum Spielen. Alltägliche Gegenstände wie Schüsseln, Körbe oder Knöpfe können ebenfalls sehr gut als Spielzeug dienen. Gerade Kleinkinder lieben es zu sammeln, zu ordnen und umzuschütten. Zwischen drei und fünf Jahren bauen sie diese einfachen Gegenstände auch fantasievoll in ihr Spiel ein – eine Kastanie wird dann zum Beispiel zur Seife beim Baden der Puppe, eine Eichel zur Milchflasche.

Das beste Spielzeug ist oft gar kein Spielzeug, sagt Pädagogin Heidi Rossak – es sind Sand, Steine, Wasser, Zapfen oder anderes aus der Natur.
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Von elektronischem Spielzeug würde ich ganz stark abraten, vor allem wenn Kinder noch klein sind. Klar, blinkende Würfel und singende Stofftiere üben eine große Faszination auf sie aus. Der große Nachteil daran ist aber: Kinder können dieses Spielzeug nur bedienen – ohne wirklich zu durchschauen, was da vor sich geht. Sie wissen nicht, warum es blinkt und Geräusche macht, wenn sie diesen oder jenen Knopf drücken. Sie sind bloße Zuschauerinnen und Zuschauer und lernen nicht viel dabei. Ist das Kind selbst aktiv, schafft es etwas, der natürliche Spieltrieb ist angeregt, und das Kind ist hinterher auch zufriedener.

Am besten ist es übrigens, wenn wir Erwachsenen uns nicht zu sehr in das Spiel unserer Kinder einmischen. Wenn wir ihnen nicht zeigen, wie es die Bauklötze stapeln soll, wie das Spiel – unserer Meinung nach – funktioniert. Ideal wäre, wenn wir uns ab und zu hinsetzen und dem Kind einfach nur zuschauen – ohne Absicht, ohne Hintergedanken. Wenn seine Eltern sich dafür interessieren, was es macht, bereitet ihm das Freude – und uns selbst auch.

Heidi Rossak ist Pädagogin mit Montessori-Ausbildung, Mutter, Großmutter und Autorin des kürzlich erschienenen Buches "Sinnvolles Spielzeug".

"Kinder sollten Spaß haben, nicht wir"

In erster Linie ist ein Spielzeug dann sinnvoll, wenn wirklich damit gespielt wird. Denn Spielzeug ist im Grunde ja bloß ein Mittel, das zu einer Tätigkeit hinführt: dem Spielen. Das Spielen ist wichtig für die kindliche Entwicklung. Es gilt also zu schauen: Passt das Spielzeug zu den Interessen meines Kindes? Macht es ihm Spaß? Wenn das zutrifft, ist das schon einmal die halbe Miete.

Neben dem Spaßfaktor ist wichtig, dass ein Spielzeug alters- und entwicklungsgerecht ist. Gelegentlich tendieren Eltern dazu, ihr Kind zu überfordern. Per se ist das aber keine schlimme Sache – denn vielleicht spielt das Kind in ein paar Monaten damit. Eltern sollten sich bemühen, das Kind da abzuholen, wo es gerade steht, in seinen Interessen, in seiner Entwicklung – und gleichzeitig perspektivisch zu denken und überlegen: Was bietet ihm eine Herausforderung? Sie müssen aber keine Expertinnen und Experten der Entwicklungspsychologie werden, ein wenig Beobachtung reicht.

Die wenigsten Kinder würden sagen, dass ihre Präferenz klar bei Holzspielzeug liegt, sagt der Erziehungswissenschafter Volker Mehringer. Ihnen gehe es um ganz andere Dinge.
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In meiner Forschung habe ich gesehen, dass sich der Blick von Erwachsenen auf ein Spielzeug – was sie für schön und gut empfinden – oft deutlich von dem unterscheidet, was Kinder toll finden. Die wenigsten Kinder würden sagen, dass ihre Präferenz klar bei Holzspielzeug liegt. Ihnen geht es um andere Dinge. Deshalb ist es wichtig, sich als Eltern immer wieder daran zu erinnern: Es sind die Kinder, die damit Spaß haben sollen, und nicht wir. Aber natürlich muss man auch nicht jedem Kinderwunsch folgen und alles kaufen. Es darf auch Grenzen geben.

Diese Grenzen sollte man aber nicht im stillen Kämmerchen festlegen, sondern dem Kind seine Bedenken mitteilen. Es sollte eine offene Diskussion stattfinden, bei der Kinder die Möglichkeit haben, ihre Eltern vielleicht auch noch von dem Spielzeug zu überzeugen. Hat man den Eindruck, dass das Kind sich das gut überlegt hat, dass es wirklich Lust auf etwas hat, ist es völlig okay, sich nochmals umstimmen lassen. Eine Regel für den Kauf von Spielzeug: Noch mehr vom Gleichen – noch mehr Spielfiguren, noch mehr Autos – ist wenig sinnvoll. Die Spielmöglichkeiten werden dadurch nicht mehr.

Oft ist das beste Spielzeug gar kein Spielzeug – Klopapierrollen, Tupperware oder leere Kartons sind durchaus spannende Spielzeuge, vor allem für Kleinkinder. Vielleicht stellt man ja auch mal gemeinsam ein Spielzeug selbst her, wie es die Menschen früher gemacht haben? Manchmal haben Kinder damit viel mehr Freude. Wenn ein Kind sich mal an einem Spielzeug ‚festgespielt hat‘, kann man auch versuchen, einen Impuls in eine andere Richtung zu setzen. Denn auch Kinder sind Gewohnheitstiere.

Volker Mehringer ist Erziehungswissenschafter an der Uni Augsburg und forscht zum Thema Spielzeug und Spielen. (Lisa Breit, 15.4.2022)