Im Alltag mit Kindern schläft oft vor allem eines ein: das Sexleben der Eltern. Das lässt sich aber ändern, sagt der Familienrat.
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Frage:

Was tut man als Paar, wenn man kleine Kinder hat und es einfach nicht mehr so richtig läuft? Also auf der sexuellen Ebene. Wenn immer einer von beiden zu müde ist? Wenn die Libido nicht mehr so heftig ist wie früher? Wenn das Kind im Elternbett schläft und es auch nicht wirklich einen Ort gibt, wo man Sex haben könnte (außer das Sofa, und das ist auch nicht immer fein)? Wenn es keine Großeltern gibt zum Aufpassen? Wie schafft man es dann wieder zu einem erfüllten Sexleben?

Antwort von Hans-Otto Thomashoff:

Sie beschreiben hier sehr treffend die Spitze des Eisbergs der heutigen Kindererziehung, eine verbreitete Folge des Problems, dass in unserer Gesellschaft die Kindererziehung ganz auf dem Paar oder sogar nur auf den Schultern eines einzelnen Elternteils lastet. Das entspricht nicht unserer Natur, denn wie ein Blick zu Urvölkern und zu den meisten unserer nächsten Verwandten zeigt, leben wir von Natur aus in der Horde, und dort sind an der Kindererziehung immer auch Verwandte und Bekannte beteiligt.

Nun lässt sich das bei Ihnen wohl nicht ändern, da selbst die Großeltern nicht in Reichweite sind. So bleibt Ihnen in der frühen Erziehungsphase, in der es um den Aufbau einer psychischen Grundsicherheit bei einem Kind geht, nur, dem Motto zu folgen: Gut genug ist gut genug. Ein Kind braucht nicht die Daueranwesenheit seiner Bezugspersonen, sondern deren verlässliche Abrufbarkeit. Mit der Erfahrung "Wenn ich dich brauche, bist du für mich da" baut sich in der kindlichen Psyche eine Grundsicherheit auf, das sogenannte Urvertrauen. Daher ist es in Ordnung, wenn ein Kind ein eigenes Bettchen bekommt, gegebenenfalls neben dem der Eltern, mit der Möglichkeit, bei Bedarf zu den Eltern dazuzukommen oder in deren Bett geholt zu werden.

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
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Auf diese Weise gibt es dann ein wenig Raum für die traute Zweisamkeit der Eltern. Dazu gehört auch, dass ein Kind auch einmal abwarten kann, wenn die Eltern gerade etwas anderes zu tun haben, wenn sein Urvertrauen im Kern stabil aufgebaut ist, was ab einem Alter von etwa eineinhalb Jahren der Fall sein sollte.

Nicht nur was den Sex angeht, ist es legitim, wenn die Eltern ihre eigene Beziehung an die erste Stelle setzen. Die Pflege der Partnerschaft hat höchste Priorität. Auch das ist heute keine Selbstverständlichkeit, wenn wir meinen, für die Kinder "alles" tun zu müssen. Eine solche Einstellung ist, obgleich in bester Absicht, ein fataler Fehler in gleich mehrfacher Hinsicht. Nicht nur leben Eltern als Vorbild ihrem Kind dann vor, dass es immer an erster Stelle steht (eine Erfahrung, die früher oder später von der Wirklichkeit eingeholt werden wird) und dass Eltern für ein Kind alles aufgeben müssen (weswegen es später selbst wenig Freude an der Aussicht auf eigene Kinder haben wird), sondern zugleich gefährden sie ihre Partnerschaft und damit die stabile Elternfamilie für ihr Kind (die Schuldgefühle des Kindes, wenn dann die Ehe der Eltern scheitert, sind wiewohl unberechtigt dann oft eine heftige Hypothek).

Also, die Partnerschaft geht vor. Wenn sich dann trotzdem die Libido nicht bei beiden in gleichem Ausmaß einstellen will, sind kreative Lösungen gefragt. Zuerst einmal sollte offen geklärt werden, wer was will und wie man damit umgeht, wenn beide nicht dasselbe wollen. Dann gilt es, die Vielfalt an kreativen Möglichkeiten in der Sexualität auszuschöpfen, wo der eine dem anderen Freude bereiten kann auch abseits der Pfade, die die Missionarsstellung bietet. Entscheidend, damit das Herantasten an für beide passende Alternativen gelingt, sind Offenheit und das Vermeiden von Machtspielen, die sonst eine Beziehung recht zuverlässig gegen die Wand fahren lassen. (Hans-Otto Thomashoff, 23.4.2022)

Antwort von Linda Syllaba:

Eingangs möchte ich erwähnen: Sie sind nicht allein! Die Geburt eines Kindes verändert das Leben eines Paares auf so vielen Ebenen, es ist mit so vielen neuen Herausforderungen verbunden, und dann bleibt ganz oft kaum noch Platz für das, was einst selbstverständlich war. Sie sind als Paar durch die neue Elternschaft auch als Team neu gefordert, allein schon was die Organisation alles Notwendigen angeht. Daran scheitern bereits viele Paare, weil oft nicht klar ist, wer was macht bzw. wie energieraubend allein schon das Denken und Planen (Stichwort "Mental Load") ist. Es sieht oft so leicht aus und ist doch ganz schön anstrengend. Sie sind zusätzlich als Paar in Ihrer Verbindung zueinander gefordert. Damit meine ich Ihre Beziehung, den Kontakt zueinander, die Zuneigung, die Sie füreinander empfinden. Sie war die Basis dafür, dass überhaupt ein Kind entstanden ist.

Deshalb zitiere ich an dieser Stelle gerne meinen Lehrer Jesper Juul: "Hütet eure Paarbeziehung, als wäre sie euer erstgeborenes Kind." Sie ist das Fundament der Familie, das den Kindern Sicherheit gibt und ein entspanntes Aufwachsen ermöglicht. Wenn es den Eltern miteinander gut geht, sind sie darüber hinaus auch Vorbild für eine funktionierende Liebesbeziehung, fürs Mannsein, fürs Frausein, fürs Konflikte-Austragen u. v. m. Natürlich gilt das auch für schlecht laufende Beziehungen, denn wir sind als Eltern immer Vorbild.

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Sie ist Autorin der Bücher "Die Schimpf-Diät" (2019) und "Selfcare für Mamas" (2021).
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In den meisten Beziehungen läuft es sexuell so gut, wie es als Team und auf der Beziehungsebene läuft. Es ist oftmals ein Spiegel dessen, sozusagen. Es gibt auch Paare, die reparieren alles mit Sex, und manchmal degradiert die Sexualität zum Machtinstrument für etwas, das z. B. auf der Teamebene nicht gut funktioniert ("Wenn du mir bei xy nicht hilfst, kannst du das mit dem Sex vergessen ..."). Sehr schade, wenn das passiert.

Darüber hinaus kommt es in Langzeitbeziehungen schlichtweg vor, dass das, was anfangs sexuell toll war, sich mit der Zeit abnutzt, weil man gewisse Muster eingespurt hat und aus diesen nicht mehr herauskommt. Oder die bisherigen Vorgehensweisen sind nicht mehr kompatibel mit der neuen Lebenssituation. Ein Baby braucht sehr viel Körperkontakt, dadurch werden Bindungshormone ausgeschüttet, die Sie vorher gemeinsam mit Ihrem Partner bzw. Ihrer Partnerin erzeugt haben. Doch nun bleibt einer von den Erwachsenen außen vor. Klassischerweise ist die Mutter überflutet von Oxytocin, der Vater hingegen auf Entzug. Das ist ganz schön schwierig.

Dann kommt hinzu, dass "die schnelle Nummer", die früher mal ganz spontan möglich war, nun eben nicht mehr so einfach umsetzbar ist. Wenn die Erregungsmuster der Betroffenen gut zusammenpassen, kann es natürlich immer noch gut klappen, denn Platz ist in der kleinsten Hütte, und es muss ja auch nicht immer lange dauern, um Spaß zu machen oder Befriedigung zu verschaffen. Stichwort Erregungsmuster: Bei vielen Frauen verändert sich nach der Geburt eines Kindes auch das. Was vorher aufregend war, wird plötzlich als aufdringlich oder nervig erlebt. Umso wichtiger ist es, sich als Paar auch diesbezüglich nicht aus den Augen zu verlieren, sondern unbedingt in Kontakt zu bleiben. Also darüber zu sprechen, was sich jetzt gut anfühlt und was nicht. Es ist enorm wichtig, den Mut zu fassen und zu zeigen, wenn etwas unangenehm ist. Das bedeutet, zu sich zu stehen und dem anderen zu vermitteln, dass es keine Ablehnung ist, sondern eine Veränderung, zu der auch die Paarbeziehung eingeladen ist. Leben ist Veränderung, das darf auch sexuell sein.

Ich denke, es braucht viel Vertrauen zueinander, sich auch auf der sexuellen Ebene verletzlich zu zeigen. Und es ist wie immer eine Kunst, sich so zu artikulieren, dass man den anderen nicht verletzt oder mit Vorwürfen überhäuft. Wir sind als Menschen so verschieden, manchmal zeigt sich etwas erst im Laufe der Jahre – das kann auch ein neues Bewusstsein für die eigenen sexuellen Vorlieben sein. Denn was ist ein erfülltes Sexualleben? Wie häufig muss es da zur Penetration kommen für Sie? Und wie ist das bei Ihrem Partner? Ist überhaupt Penetration notwendig? Vielleicht ist Ihr Parter bzw. Ihre Partnerin gar nicht so unromantisch oder konservativ, wie Sie immer dachten.

Versuchen Sie es als Chance zu erkennen, einander völlig neu als sexuelle Wesen zu begreifen. Was auch immer für Sie okay ist, ist erlaubt, und gar nichts muss sein. Damit nehmen Sie den Druck raus. Es kann bereits anturnen, wenn man jemanden nur ansieht, abstrahlende Körperwärme wahrnimmt, ohne berührt zu werden, oder etwas sehr Persönliches ins Ohr geflüstert bekommt. Stellen Sie Intimität her, ohne das mit Sex im klassischen Sinn zu verbinden. Dazu braucht es "nur" ein wenig Achtsamkeit für sich selbst und den jeweils anderen. Und das Bewusstsein dafür, dass Ihre Beziehung Priorität hat. Das ist nur bedingt eine Zeitfrage und lässt sich immer einfügen ins gemeinsame Leben. Dann ist es kein weiteres To-do auf der ohnehin schon langen Liste, sondern eine Grundhaltung.

Und wenn es dann immer noch nicht befriedigend läuft, will ich Sie ermutigen, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Gemeinsam. Was sind die individuellen Themen hinter den Verhaltensmustern? Gehen Sie auf Forschungsreise und lassen Sie sich gegebenenfalls professionell dabei begleiten. (Linda Syllaba, 24.4.2022)