Der 56-jährige Gerhard Krisch hat große Sorgen.

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Der 51-jährige Manfred Schmid hat maximal kleine Sorgen.

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Es gibt derzeit zwei Austria Wien. Die eine spielt Fußball, und zwar sehr guten, die Erfolge sind fast verblüffend, sie liegt in der Meistergruppe an vierter Stelle. Schuld daran ist nicht zuletzt Trainer Manfred Schmid, der aus den Jungspunden das Maximum rausholt. Und auch aus den Routiniers.

Die andere Austria hat von der Bundesliga vorerst keine Lizenz für die nächste Saison erhalten. Das kam weniger überraschend als der Lauf in den Stadien. Wirtschaftsvorstand Gerhard Krisch hat sich Freitagmittag den Medien gestellt, er saß in der Generali-Arena neben Schmid, der auf das Match am Ostersonntag gegen Red Bull Salzburg vorausblickte. Und sich darauf sehr freute, was überhaupt nichts mit Masochismus zu tun hatte. Krisch hätte gerne über die Leistungen der Mannschaft und das gewachsene Zuschauerinteresse gesprochen, wohlwissend, "dass das jetzt nicht meine Themen sind. Aber die Spieler zeigen vor, wie es geht, sie rennen auf dem Platz." Um Punkte.

Krisch rennt quasi um den Fortbestand des Vereins. Die Verbindlichkeiten betragen rund 70 Millionen Euro. Vor einem Jahr stand die Austria unmittelbar vor der Insolvenz, aktuell ist die Lage nicht ganz so schlimm. Krisch: "Der Rucksack, den wir mitschleppen, ist nach wie vor schwer. Es ist ein Mehrjahresprojekt bis zu Genesung." Entwarnung konnte der Vorstand keine geben. "Der Sanierungsprozess läuft, es wir überall gespart, wir haben uns von neun Mitarbeitern getrennt." Er sei trotzdem überzeugt, "dass wir die Lizenz in zweiter Instanz erhalten. Es gehe eher um juridische Kleinigkeiten, so fehle etwa ein Stempel des Wirtschaftsprüfers. Aber ja, man habe einige Unterlagen zu spät eingereicht. "Unser Fehler." Auch einige Fragen zu den neuen Investoren (Gruppe um Freunde der Austria, u. a. Jürgen Werner) werde man noch konkreter beantworten.

Keine Notverkäufe

Die Austria gab im 25-Millionen-Budget die Summe aus Transfererlösen mit 1,5 Millionen Euro an, Krisch bewertete den Schnitt aus den vergangenen zehn Jahren, die Liga rechnete nur drei Jahre, da waren es 1,2 Millionen. Die Austria wurde mit einem Abzug von vier Punkten und einer Geldstrafe von 20.000 Euro belegt. Auch das wird man beeinspruchen. "Beides tut weh. Trotzdem schließe ich Notverkäufe aus."

Es fehlt ein Brustsponsor, es fehlen die von dem ominösen Investor Insignia versprochenen sieben Millionen. Der Vertrag soll am 15. August offiziell Geschichte sein. Von Beträgen über sieben Millionen hätte Insignia 70 Prozent kassiert. Aber 70 Prozent von null sind null. Krisch wird eher nicht klagen, ein Prozess würde mehrere Jahre dauern, die Austria bliebe nachhaltig gelähmt. Zuständig wäre vermutlich ein Gericht in Singapur. Das nie erhaltene Geld ist für immer und ewig weg.

Uns dann gibt es ja noch die Verbindung mit Gazprom. Das russische Erdgasförderunternehmen steht spätestens seit dem Ukraine-Krieg auf der tiefschwarzen Liste. Die Austria (ihre Akademie) hatte einen Fünfjahresvertrag über insgesamt 25 Millionen abgeschlossen, ein Fünftel der Summe fehlt. Krisch: "Der Krieg ist eine menschliche Katastrophe. Aber wir können auf die fünf Millionen wirtschaftlich eigentlich nicht verzichten, so ehrlich muss man sein." Der Ausgang ist offen, zumal es schwierig ist, mit Gazprom in Kontakt zu treten.

Trainer Schmid hörte sich all das an. Nahezu stoisch. Es war für ihn nichts Überraschendes dabei. Ihm ist die Lage bewusst, er ist Meister der Improvisation und Motivation. "Wir konzentrieren uns aufs Wesentliche. Die Mannschaft brennt auf das Salzburg-Spiel. Es ist eine traumhafte Aufgabe. Werfen wir alles rein, haben wir eine reelle Chance." Die ersten beiden Partien gingen jeweils knapp 0:1 verloren. "Hut ab vor Salzburg, die Lücke zur Konkurrenz ist groß. Aber in einem Spiel kann man die Lücke schließen." Der Ostersonntag biete sich förmlich an.

Krisch hingegen hat es mit ganz anderen Lücken zu tun. (Christian Hackl, 15.4.2022)