Pünktlich zum Karfreitag kam diese Woche aus Deutschland christlicher Rat für Kiew: "Waffenlieferungen sind in jesuanischer Perspektive keine Option", verkündete der Friedensforscher Egon Spiegel. Er sprach sich für eine ukrainische Kapitulation aus, gefolgt von gewaltlosem Widerstand.

Der Vorschlag zeigt, dass die Weltreligion, die um das Bild eines wehrlosen Mannes am Kreuz entstanden ist, mit den Realitäten von Mariupol und Butscha einige Schwierigkeiten hat. So schlingert auch Papst Franziskus zwischen Ethik, Politik und Kitsch, wenn er einerseits den Krieg ein "Sakrileg" nennt, andererseits für die Kriegsparteien symbolisch eine vorschnelle Versöhnung inszeniert: Eine Ukrainerin und eine Russin, also Repräsentantinnen des angegriffenen und des angreifenden Staates, sollten bei der Karfreitagsprozession in vorgeblich brüderlicher Eintracht das Kreuz ein Stück gemeinsam tragen.

Papst Franziskus schlingert zwischen Ethik, Politik und Kitsch, wenn er einerseits den Krieg ein "Sakrileg" nennt, andererseits für die Kriegsparteien symbolisch eine vorschnelle Versöhnung inszeniert.
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Der russische Angriffskrieg lässt grundlegende Spannungen innerhalb der christlichen Kirchen wieder deutlich erkennbar werden. Seit dem Ersten Weltkrieg mit seinen vielen Einpeitschern von der Kanzel gab es wohl keine Konstellation, in der sich Europa deutlicher auf die Brüchigkeit seiner religiösen Ressourcen verwiesen sah. In Russland beruhte die Herrschaft von Wladimir Putin von Anfang an auf einem zynischen Pakt mit der orthodoxen Kirche. Der Moskauer Patriarch Kyrill zahlt dem Kreml diesen Bedeutungsgewinn mit Frontfrömmigkeit zurück und übernimmt jede seiner Kriegslügen. Mit der Bekämpfung der gesellschaftlichen Freiheiten im Westen lässt sich Putins Aggression fast heilsgeschichtlich als gottbefohlen antiliberal lesen.

Westeuropäisches Friedensethos

In der Ukraine standen 2014 auch Geistliche auf den Bühnen des Maidan, die lokale Orthodoxie wurde 2018 zu einem wichtigen Faktor in der Abgrenzung von Moskau. In beiden Fällen handelt es sich um zweckorientierte Varianten von Staatskirchentum in eigentlich nachreligiösen Gesellschaften.

In Mitteleuropa hingegen geht der Trend schon lange zu einer spirituellen Kirche als moralischer Anstalt. Papst Franziskus bemüht sich auf diese Weise nach dem reaktionären Vorgänger Benedikt XVI. um eine Verkörperung des Ethos von Jesus, mit dem aber schwer Politik zu machen ist. Nicht von ungefähr gibt es schon in der christlichen Bibel Zugeständnisse an die damals römische Macht und entwickelte sich später eine Lehre vom gerechten Krieg, die mit der Bergpredigt nicht mehr viel zu tun hatte.

Die Friedensbewegungen im Kalten Krieg konnten dagegen gerade den Vorwurf der Naivität immer positiv und prophetisch ummünzen: War es nicht die politische Rationalität, die zu einem Leben am atomaren Abgrund geführt hatte? In der deutschen Gesinnungsaußenpolitik, von der sich die Ukraine schon seit Jahren verraten fühlt, fand diese Naivität dann eine sozialdemokratisch gewendete Form: Gut zu sein ist wichtiger, als frei zu sein – solange man selbst durch die Nato geschützt ist.

So wird in einer tragischen Nebenironie der russischen Aggression gegen die Ukraine das westeuropäische Friedensethos, das sich jahrelang nicht zuletzt in Ostermärschen ausdrückte, als historischer Luxus erkennbar. Und für Christen und Humanisten bleibt neu zu denken, wie man Kriegen nicht nur mit Aufrüstung, sondern vielleicht schon viel früher und mit tatsächlich politischen Mitteln begegnen könnte. (Bert Rebhandl, 16.4.2022)