Grasende Pferde, ockerfarbene Gebäude – flache aus Holz, daneben mächtige Gemäuer, die sichtlich Jahrzehnte auf dem Buckel haben –, gesäumt von Weiden, die sich beschaulich im Wind wiegen, dahinter hochaufgerichtet eine Mühle. Die sich vorbeischlängelnde Schwechat ist hinter Büschen und Bäumen versteckt. Mitten in der Pampa im Industrieviertel südlich von Wien findet sich mit dem Gut Kanzelhof in Maria Lanzendorf ein kleines Paradies.

Vor dem Bioladen werben mit Kreide bemalte Schilder um Aufmerksamkeit. Maria Lanzendorfer Kürbiskernöl wird ebenso angepriesen wie Angusrind. Eine freundliche Dame drückt der Besucherin ein Schaff mit Grünzeug in die Hand. Ob man denn nicht rasch die Ziegen, Schafe und Hühner im Streichelzoo füttern könne? "Stress", sagt sie entschuldigend und bittet, dass man die Blätter doch gut verteilen möge, sonst bekomme nur der freche schwarze Ziegenbock etwas ab.

Regional und bio

Es duftet nach Pferd – und damit ein bisschen nach Wohlstand. Wer im Bioladen Angusrind kauft, muss wohl nicht so genau auf sein Geld schauen. Legt man noch Butter, Käse oder Gemüse in den Einkaufskorb, gibt man wohl dreimal so viel aus wie im örtlichen Supermarkt. "Ich glaube, dass es sich jeder leisten kann, die Frage ist, was ich konsumieren möchte" sagt Arthur-Alexander Schmid mit fester Stimme.

Die Angusrinder bekommen kein Kraftfutter. Deswegen dauert es, bis sie Fleisch ansetzen. Geschlachtet wird einmal pro Woche.
Foto: Regina Bruckner

Schmid, schlanke Gestalt, dunkle Brille über dem ergrauten Bart, ist Herr über das Gut Kanzelhof. Er bittet mit einladender Geste in sein Reich. Eine Mischung aus Wohnzimmer und Büro – mit schweren Fauteuils, gemütlichem Sofa, einem Samowar, der jederzeit Tee ausspucken kann, einem Schwedenofen, in dem ein Feuer flackert, einem mächtigen nüchternen Schreibtisch. Darauf ein Seepferdchen als Briefablage, allerlei Krimskrams und Ordner. Das Büro eines Gutsherrn stellt man sich akkurater vor.

Alles bio

Schmid gehört zu den großen Ackerbauern im Osten Österreichs. 850 Hektar bewirtschaftet er – 700 davon gepachtet, ein Großteil im Burgenland –, alles Bio, sogar das Heu im Reitstall. Arthur-Alexander Schmid ist der Fünfte in der Ahnenreihe. Vater, Großvater, Urgroßvater, sie alle vergrößerten den Betrieb, kauften oder pachteten Fläche dazu, dachten ans Wachsen. Den Gutshof Trausdorf nahe Eisenstadt gibt es heute noch, er ist der operative Standort der Landwirtschaft, dort befinden sich alle Maschinen. Der Hof dient auch als Winterquartier für die Angusrinder. Ende des 19. Jahrhunderts waren viele Mühlen entlang der Schwechat im Besitz der Familie. Über die Jahre hat man sie verkauft – und sich auf die Landwirtschaft konzentriert.

Arthur V. redet schnell und lacht gerne. Er macht sich viele Gedanken: über die Landwirtschaft an sich, die Förderpolitik im Speziellen, den Wert der Lebensmittel, Gesellschafts- und Lokalpolitik. Es gibt offensichtlich wenig, worüber Arthur-Alexander Schmid noch nicht gründlich nachgedacht hat. Eigentlich wollte er Entwicklungshelfer werden, seine Dissertation hat er in Namibia verfasst. Dann kam er doch zurück nach Maria Lanzendorf.

Neues Förderregime

Derzeit treiben ihn besonders die Pläne für die neue Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) um. Die EU richtet das Förderregime für die neue Periode ab 2023 neu aus – unterstützt von den Nationalstaaten. Die Landwirtschaft soll klimafitter und nachhaltiger werden. Und die Gelder sollen stärker von Groß zu Klein umverteilt werden. Erstmals sollen direkte Fördermittel gekappt werden. Schmids Landwirtschaft zählt zu den wenigen Betrieben hierzulande, die so groß sind, dass sie eine Deckelung der Flächenprämie mit 100.000 Euro treffen würde. Sie ist in Österreich ein Großbetrieb.

Arthur Schmid V. sieht Bio nur als Zwischenschritt hin zu noch mehr Ökologie, mehr Regionalität, mehr Nachhaltigkeit.
Foto: Regina Bruckner

Rund 1,8 Milliarden Euro fließen über die GAP jährlich an Förderungen an die knapp 156.000 Betriebe. Gemeinsam mit Bundes- und Landesmitteln ist der Topf mit 2,3 Milliarden jährlich gefüllt. Schmid bekommt davon 540.000 Euro. 56 Prozent der heimischen Betriebe erhalten knapp 20 Prozent aller Direktzahlungen (EU-weit sind es 80 Prozent), an die oberen vier Prozent fließt gut ein Fünftel.

Mehr Aufwand, weniger Geld

Schmid ist Profiteur dieser Politik – und sieht sich dennoch als Verlierer. 70.000 Euro würden ihm künftig fehlen: "Kommt das Capping, macht es Betriebe wie mich kaputt", sagt er. Auch die Bioprämie soll von 230 auf 205 Euro je Hektar (Ackerland) gekürzt werden. Dazu müssen zusätzlich Biodiversitätsflächen eingerichtet werden. Das gehe sich alles nicht aus, schüttelt Schmid energisch den Kopf.

Zwölf Mitarbeiter beschäftigt er ganzjährig. Ob das mit der Förderkürzung so bleibt? "Ich kann es nicht sagen. Das wird vielleicht die Zeit weisen", sagt Schmid. Er klagt, dass am Futtertrog so heftig lobbyiert werde: Groß gegen Klein, bio gegen konventionell, Nebenerwerb gegen Haupterwerb. Interessenvertreter würden einen Keil in die so unterschiedlich strukturierte Branche treiben, anstatt das Gemeinsame zu suchen. Für die Capping-Debatte hat er kein Verständnis. "In Österreich stellt sich die Problematik in Wahrheit nicht." Eine extreme Spreizung sieht er eher zwischen Landwirten und Konzernen, Richtung Tschechien und Ungarn.

Weniger Personal

Wifo-Agrarexperte Franz Sinabell räumt ein, dass man die genauen Auswirkungen auf Großbetriebe nicht kenne. Klar sei aber schon, dass "weniger Direktzahlungen die Profitabilität großer Betriebe einschränken". Das könnte tatsächlich dazu führen, dass diese weniger Personal beschäftigen.

Mit dem neuen Förderregime sollen Großbetriebe weniger Mittel bekommen, kleine Bauern dafür etwas mehr. Arthur Schmid findet, man solle keinem etwas wegnehmen, sondern mehr vernetzen, die Betriebe beim Investieren in Zukunftsfelder unterstützen.
Foto: APA/HELMUT FOHRINGER

Schmid denkt darüber nach, welche Antworten er für seinen Betrieb finden kann. Intensivieren "will ich nicht, weil ich damit nicht leben kann". Vielleicht kaufe er künftig punktuell Dienstleistungen zu. Und er hofft, dass die Produktpreise steigen. Die Preise für Lebensmittel müssten ohnehin höher sein, sagt er: "Das Downsizing ist furchtbar." Seine Rinder werden im Burgenland geschlachtet, einzeln, eines pro Woche, einen Tag nach der Anreise. Damit das stressfrei ist. Die auf den Feldern gedeihenden Kürbisse werden in der Steiermark zu Kürbiskernöl gepresst. Bald könnten es Oliven sein, sinniert er, wegen des Klimawandels. Bio sieht er nur als Zwischenschritt zu mehr Ökologie.

Neue Antworten

Warum ist einer wie er dagegen, dass man die Kleineren mehr unterstützt? "Von den tausend Euro mehr haben kleine Betriebe auch nichts", ist Schmid überzeugt. Sinabell sieht das anders: "Es wird dazu führen, dass wir in Österreich weiterhin tendenziell kleine Betriebe haben, deren Einkommen zu einem guten Teil aus öffentlichen Förderungen kommen." Diese Förderungen wurden übrigens in den vergangenen zwei Jahrzehnten nominell kaum angepasst. Sinabell schätzt, dass aufgrund der Inflation die Zahlungen im Jahr 2029 (Ende der GAP-Periode) um ca. 40 Prozent weniger wert sein werden als vor 20 Jahren. In diesem Sinne ist die gesamte Landwirtschaft Verlierer.

Schmid macht sich aber noch ganz andere Sorgen – etwa um den Regen. Heuer – so fürchtet er – wird die Ernte wieder schlecht. Wegen der Trockenheit. "Es ist bald eine Steppe hier", sagt der Gutsherr. Er probiert es jetzt mit Lavendel. Seinen Kindern will er die Landwirtschaft nicht ans Herz legen, schüttelt er bestimmt den Kopf. (Regina Bruckner, 19.4.2022)