Wird neuer Chefredakteur der "New York Times": Joseph Kahn.

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Seit beinahe einem Vierteljahrhundert schreibt er für die New York Times, seit 2016 ist er geschäftsführender Chefredakteur und damit Nummer zwei der wohl angesehensten Zeitung der Welt. Mit Juni steigt er zur Nummer eins auf: Der 57-jährige Joseph Kahn folgt auf Chefredakteur Dean Baquet, der die Redaktion acht Jahre lang führte. Kahn wird ab Mitte Juni eine Redaktion mit mehr als 1700 Journalistinnen und Redakteuren leiten, die größte in der Geschichte des 1851 gegründeten Blattes.

Er gilt als enger Vertrauter von Baquet, Mitarbeiterinnen und Kollegen beschreiben ihn als ruhigen, kühlen, ehrgeizigen Strategen. Der Herausgeber, A. G. Sulzberger, bezeichnet ihn als einen "der Architekten der digitalen Transformation" der Zeitung. Er trieb nicht nur die Weiterentwicklung des Onlineangebots von Podcasts über Videos bis hin zu Spielen und Kochrezepten voran – die traditionsreiche Zeitung hält mittlerweile bei rund zehn Millionen Digitalabonnenten –, er kümmerte sich auch um den Ausbau der internationalen Redaktionen, etwa in London oder Südkorea, und leitet die Auslandsredaktion.

Kahn, geboren 1964, wuchs gemeinsam mit seinen zwei Geschwistern in Boston auf, sein Vater Leo war ebenfalls Journalist und später Gründer des Büroartikelhändlers Staples. Seine Mutter Dorothy starb mit 47 Jahren an Krebs, da war Kahn zehn.

Nach einem Geschichtsstudium an der Harvard University begann er als Lokalreporter in Texas. 1987 beschloss er, Mandarin zu lernen und nach China zu gehen, wo er auch über die Proteste am Tian’anmen-Platz berichtete – und dann ausgewiesen wurde.

Für seine Berichte über Gewalt gegen Frauen gewann Kahn 1994 gemeinsam mit seinem Team bei den Dallas Morning News seinen ersten Pulitzerpreis, die weltweit wichtigste Auszeichnung für Journalisten.

Später schrieb er für das Wall Street Journal aus Schanghai, ab 1998 für die New York Times. 2006 ging der Pulitzerpreis ein zweites Mal an ihn, zusammen mit seinem Kollegen Jim Yardley gewann er die Auszeichnung für seine kritische Berichterstattung in der New York Times über das chinesische Justizsystem.

In China lernte er seine Frau Shannon Wu kennen, mit der er zwei Söhne hat, seit 2008 lebt er wieder in New York. Als eine seiner wichtigsten Aufgaben als neuer Chefredakteur sieht Kahn die Wahrung der redaktionellen Unabhängigkeit "in einer Zeit der Polarisierung und Parteilichkeit". (Astrid Ebenführer, 20.4.2022)