Andrijiwka, 45 Kilometer von Kiew entfernt, ist eines der Dörfer, die bis zum Rückzug der russischen Truppen besetzt waren. Von hier aus belagerte die russische Armee Kiew. Hier verschanzten sich die Soldaten, gleich neben den Dorfbewohnern. Zunächst seien sie sehr höflich gewesen, erzählt Wiktor, ein Bauer, der nicht vor den Besatzern geflohen war. "Sie baten mich, sie in meinem Keller wohnen zu lassen. Was sollte ich bewaffneten Leuten antworten? Besetzen Sie den Keller! Dort gibt es auch was zu essen." Die russischen Soldaten lehnten ab, sie hätten selbst genug Lebensmittel. Sogar ihre Militärrationen teilten sie mit den Bewohnern, erzählt Wiktor.

Nach dem Abzug der Invasoren versuchen Dorfbewohner in der Ukraine, ihre Häuser wieder bewohnbar zu machen.
Foto: Jo Angerer

Doch nach zehn Tagen sei die Stimmung umgeschlagen: "Sie fingen an, die Häuser zu durchsuchen, nahmen uns Fahrräder und Motorräder weg. Dann kamen Artilleriegeschütze. Dort drüben, hinter dem Gemüsegarten, stand ein Panzer."

Schließlich begannen die Kämpfe um Andrijiwka und die anderen Dörfer in der Umgebung von Kiew. Andrijiwka ist heute fast vollständig zerstört. Betongerippe stehen dort, wo früher Häuser waren. Angekohlte Mauern, auf dem Boden liegen die Stromleitungen. Überall zerstörte Militärfahrzeuge, Panzerwracks. Die Kämpfe um Andrijiwka müssen die Hölle gewesen sein. Schließlich zogen die Russen ab und nahmen mit, was nicht niet- und nagelfest war. "Sie fingen an zu plündern. Besonders in den Häusern, deren Bewohner geflohen waren", sagt Wiktor. "Bei einem Nachbarn haben sie sogar den Gasherd mitgenommen."

Nachprüfen kann man Wiktors Geschichte nicht. Dass es Plünderungen, dass es Kriegsverbrechen gegeben hat, das dementiert die russische Militärführung. Sicher ist: Es hat zivile Opfer gegeben. 160 Tote haben sie in den Dörfern der Gegend beerdigt.

Andrijiwka nach dem Abzug der russischen Truppen: Die Menschen wollen ihr Dorf wiederaufbauen. Wollen zurück in die Normalität. Wollen in ihrer Heimat leben. Doch viele Häuser, viele Gärten und Felder dürfen sie nicht betreten. Denn die russische Armee hat Hochgefährliches hinterlassen: nicht explodierte Munition. Von überall tragen sie russische Granaten an den Straßenrand, zum Abtransport.

Anfangs seien die russischen Soldaten höflich gewesen, das habe sich nach einigen Tagen geändert, erzählen die Bewohner von Andrijiwka.
Foto: Jo Angerer

Noch gefährlicher sind Sprengfallen und – vor allem – Minen. Nach Angaben der Internationalen Kampagne für das Verbot von Landminen starben 2020 weltweit über 7000 Menschen aufgrund dieser gefährlichen Hinterlassenschaft diverser Kriege – oft Jahrzehnte nach Ende des jeweiligen Konflikts. 80 Prozent der Opfer waren Zivilisten, wiederum knapp die Hälfte davon Kinder. Hinzu kommt: Die Dunkelziffer ist hoch, viele Länder erheben keine Daten zu Minenopfern.

Auch in der Ukraine setzten russische Truppen diese tödlichen Zeitbomben ein. Das bestätigt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Eine ukrainische Einheit zur Kampfmittelbeseitigung habe in der Nähe von Charkiw Antipersonenminen vom Typ POM-3 gefunden. Diese Art Minen ist besonders gefährlich. Die Sprengkörper sind mit Bewegungssensoren ausgestattet. Nähert sich eine Person, wird die Detonation ausgelöst. Die Mine ist im Radius von 16 Metern tödlich oder ruft schwere Verletzungen hervor. Besonders perfide: Vor der Explosion springen die Minen ein Stück weit in die Höhe, die Splitter verteilen sich großflächig.

Der Tod kommt per Fallschirm

Für die Militärs haben Minen dieses Typs einen immensen Vorteil: Herkömmliche Landminen müssen mühsam in den Boden eingegraben werden. Die POM-3-Minen werden mit einem Raketenwerfer verschossen. Aus einem Transportbehälter verteilen sie sich, landen mit einem Fallschirm und bleiben in der Erde stecken. Große Gebiete können damit in kürzester Zeit vermint werden.

Antipersonenminen sind nach der Ottawa-Konvention von 1997 international geächtet. Russland hat sich dem Verbot nie angeschlossen. "Diese Waffen unterscheiden nicht zwischen Soldaten und der Zivilbevölkerung", sagt Steve Goose von Human Rights Watch. "Sie bleiben eine tödliche Gefahr, über Jahre hinweg." Diese Gefahr kennen die Menschen in der Ostukraine schon seit langer Zeit. Seit 2014, seit der Annexion der Krim durch Russland, herrscht dort Krieg. Oftmals können Bauern ihre Äcker nicht bestellen, die reiche Ernte garantieren würden. Überall die roten Warnschilder: Minengefahr.

Granaten und Minen sind eine Bedrohung für die Lebensgrundlage vieler Menschen.
Foto: Jo Angerer

Auch in Andrijiwka ist man sich der Gefahr bewusst. Und so ist es mehr ein Wunsch, Hoffnung, wenn Wiktor sagt: "Wir schauen, dass wir das Frühjahr überleben. Dann machen wir die Aussaat. Wir werden alles wiederaufbauen. Und vielleicht werden uns auch andere Länder dabei helfen." Tanja, seine Nachbarin, trägt mit ihrem Mann Ziegelsteine aus ihrem zerstörten Haus. "Alles wird in Ordnung kommen. Unsere Kinder, unsere Eltern sind gesund und am Leben. Wir haben hier gelebt, vor dem Krieg. Das alles gehört uns. Das ist unser Heimatland." Tanja bricht das Gespräch ab, geht weg. Die Tränen in ihren Augen sollen wir nicht sehen. (Jo Angerer aus Andrijiwka bei Kiew, 21.4.2022)