Vermittler Stephan Turmalin und die Jugendlichen von Jugend am Werk beim Rundgang.

Foto: Elisa Tomaselli

Hinter dem äußeren Wiener Burgtor zeigt Vermittler Stephan Turmalin auf den Balkon und den Heldenplatz. Hier jubelten vor 84 Jahren 250.000 Österreicherinnen und Österreicher, als Adolf Hitler den "Anschluss" ans Deutsche Reich verkündete. Nach dem Kriegsende 1945 hielt sich dennoch für Jahrzehnte der Opfermythos, wonach Österreich das erste Opfer Nazideutschlands gewesen sein soll. "Klingt das für euch stimmig?", fragt Turmalin die dreizehn Lehrlinge, die sich um ihn versammelt haben. Ein paar Burschen und Mädchen schütteln den Kopf, einer wendet ein, dass ja nicht alle Österreicher am Heldenplatz waren. Natürlich waren es nicht alle, sagt sein Kollege Erik Stettler, aber viele würden reichen.

Bedeutung des 8. Mai

Heldenplatz, Krypta, Deserteursdenkmal: Dass Turmalin und Stettler am Donnerstag diese Orte und die Geschichte dahinter mit den Jugendlichen ab- und durchgehen, hängt mit einem nahenden, geschichtsträchtigen Datum zusammen: dem 8. Mai – jenem Tag, der mit der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht das Ende des NS-Schreckensregimes besiegelte. Seit 2013 veranstaltet daher das Mauthausen-Komitee Österreich (MKÖ) das Fest der Freude am Heldenplatz – dieses Jahr mit dem Schwerpunkt politischer Widerstand. Im Vorfeld des Festes will das MKÖ Jugendlichen mit geführten Rundgängen die Bedeutung des 8. Mai näherbringen.

Dazu gehört auch die zähe und von massiven Widerständen geprägte historische Aufarbeitung dieser Zeit. Die NS-Verbrechen und die von Burschenschaften betrauerte Niederlage spielen daher auch bei den Spaziergängen eine wichtige Rolle, wie MKÖ-Geschäftsführerin Christa Bauer bei der Pressekonferenz festhält. "Gerade Jugendlichen soll dieses Angebot helfen, ein besseres Verständnis über die geschichtlichen Hintergründe des Fests der Freude zu bekommen." Diese Sensibilisierungsarbeit sei auch für die Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen und daher für das MKÖ äußerst wichtig, sagt Bauer.

Verantwortung aller

Vor der Prinz-Eugen-Reiterstatue mit Blick zum "Hitler-Balkon" ist der nächste Halt. Zwar könne man die Vergangenheit nicht mehr rückgängig machen, sagt der 19-jährige Sebastian, der neben zwei Kollegen steht, "aber wir müssen schauen, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passiert". In der Berufsschule, sagen die drei Gärtnereilehrlinge von Jugend am Werk, hätten sie "nur politische Bildung", die Geschichte des Dritten Reichs und der Zweiten Republik werde im Unterricht nicht vermittelt. Weil es sie dennoch interessiere, würden sie sich privat einlesen. Das sei auch darum wichtig, da man sich bei Denkmälern dann nicht nur denkt, "Schaut super aus", sagt der 18-jährige Lehrling Maximilian.

Um die Geschichte des symbolisch stark umkämpften Heldenplatzes zu verdeutlichen, reicht Stettler ein paar Fotos herum. Auf dem einen ist die Trauerfeier für Ernst Kirchweger zu sehen, der im Jahr 1965 bei einer Demonstration von einem Rechtsextremen tödlich verletzt wurde – er war das erste politische Todesopfer nach 1945. Ein weiteres Fotos zeigt den Protest 1986 am Heldenplatz gegen Kurt Waldheim, der wie kein Zweiter den Opfermythos verkörperte – und den letzten Anstoß zur gesellschaftlichen Aufarbeitung gab. "Das ist Österreich, aber auch das", zeigt Stettler auf zwei Bilder: den Hitlerjubel 1938 und das Lichtermeer 1994 gegen das rassistische "Österreich zuerst"-FPÖ-Volksbegehren – zu dem 300.000 Menschen auf den Heldenplatz strömten. "In jedem von uns schlummert beides, da müssen wir aufpassen."

Offizieller Feiertag gewünscht

Die Befreiung von diesem NS-Terrorregime soll nun in zwei Wochen beim Fest der Freude am Heldenplatz im Fokus stehen. Während aber bei der Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen am 15. Mai die Botschafter von Russland und Belarus wegen des Ukraine-Kriegs gebeten wurden, nicht teilzunehmen, können bei dem Fest der Freude "alle kommen", sagt Bauer. Explizit eingeladen werde nämlich niemand zu dieser Veranstaltung.

Säßen die drei Burschen an Entscheidungshebeln, dann wäre der 8. Mai jedenfalls ein offizieller Feiertag in Österreich. So könnte man sich die Geschichte des Zweiten Weltkriegs noch stärker ins Gedächtnis rufen und der Opfer und Gefallenen gedenken, sagt Sebastian. Indes sehen sie "gerade für Jüngere" in den Rundgängen eine gute Gelegenheit, sich mit der Geschichte Österreichs auseinanderzusetzen. Was sie von der aktuellen Politik halten, daraus machen die drei keinen Hehl. "In Österreich wechseln wir mittlerweile mehr unsere Bundeskanzler als unsere Unterwäsche." (Elisa Tomaselli, 21.4.2022)