Lotte de Beer bringt Mozart, Weill und eine neue Operette, ihr Musikchef gastiert mit dem Volksopernorchester auch im Konzerthaus.

David Payr

Es gab auch einen Plan B für ihre erste Pressekonferenz als Chefin der Wiener Volksoper. Hätte die Stimme von Lotte de Beer angesichts einer Stimmbandentzündung versagt, wäre der Öffentlichkeit per Video präsentiert worden, was die 40-jährige Niederländerin ab September – zusammen mit Musikchef Omer Meir Wellber – so vorhat. Die Stimme aber hielt.

Im Grundsatz – und etwas pathetisch – geht es der Regisseurin um ein flexibles Angebot. Sie will "Brücken bauen", das Haus am Gürtel soll der Utopie ebenso Platz einräumen wie der Nostalgie: Man wolle dabei "bezaubern und manchmal auch ganz schön scheitern", so de Beer, die Nachdenken fördern will und "hemmungsloses Lachen".

Dazu wird mutmaßlich "Spymonkey" Anlass geben. Lotte de Beer rückt die britische Truppe in die Nähe von Monty Python und lässt sie Offenbachs Orpheus in der Unterwelt inszenieren. De Beer sucht auch neue Operetten: So schreibt Moritz Eggert Die letzte Verschwörung. Sollte das Stück des 56-jährigen Tonsetzers so pointiert ausfallen wie dessen pianistisch begleitete Singkostprobe (bei der Pressekonferenz), wird das ein Hit.

Mit Harald als Ludwig

Heiteres auch aus der Opernecke: Otto Nicolais Die lustigen Weiber von Windsor werden von der jungen Niederländerin Nina Spijkers im Sinne der Provokation von Lachmuskulatur inszeniert. Der Saisonstart gehört allerdings der Operette, ab 3. September zeigt man Die Dubarry. Neben Annette Dasch tritt kein Geringerer als Talkhumorist Harald Schmidt auf. Carl Millöckers Stück erzählt vom sozialen Aufstieg des Mädchens Jeanne Bécu zur wohlhabenden Mätresse Ludwigs XV., den Schmidt spielt.

Ob es bei Mozart etwas zum Lachen gibt, muss sich weisen. Jedenfalls inszeniert der türkische Regisseur Nurkan Erpulat die Entführung aus dem Serail, während Maurice Lenhard, der Chef des neuen Opernstudios der Volksoper, die Dreigroschenoper gestaltet (u. a. mit Sona MacDonald). Wo das neue Opernstudio realisiert wird, ist noch nicht klar. Der bis dato einmal pro Saison bespielte Standort Kasino am Schwarzenbergplatz wird es eher nicht sein.

Mit den Festwochen

Weitere Neuheiten? Lotte de Beer, Musikdirektor Omer Meir Wellber und Choreograf Andrey Kaydanovskiy verflechten Tschaikowskis Oper Jolanthe und das Ballett Nussknacker zu einem Theaterabend. Auch gibt es eine Kooperation mit den Festwochen und einem Projekt von Anne Teresa De Keersmaekers Compagnie Rosas. Und eine Partnerschaft wird mit dem queeren Festival Vienna Pride (Stück Nicht die Väter) eingegangen. Auch neu: Omer Meir Wellber wird mit dem Volksopernorchester im Konzerthaus auftreten. Außerdem besetzt man die Funktion des "Ersten Gastdirigenten" dreifach: mit Ben Glassberg, Carlo Goldstein und Alexander Joel.

Und damit der Saisonstart bunt wirkt, wird Meir Wellber mit Freunden und Teilen des Orchesters in einem Late-Night-Konzert u. a. Musik von Piazzolla spielen. Auch presst man in einem Konzert ganze vier Operetten in 70 Minuten zusammen. Das Projekt von Künstler Steef de Jong lebt auch von dessen Pop-up-Bühnenbildern und Kostümen aus Pappkarton. Lotte de Beer nennt das "einzigartig" und ein Angebot an die ganze Familie. (Ljubiša Tošic, 21.4.2022)