Der viele Müll in Rom lockt unter anderem auch Wildschweine an.

Foto: AP/Gregorio Borgia

Sozialdemokrat Roberto Gualtieri regiert seit vergangenem Oktober auf dem Römer Kapitolshügel. Sein wichtigstes Wahlkampfversprechen war, die italienische Hauptstadt ein für allemal von den allgegenwärtigen Müllhaufen in den Straßen und auf den Trottoirs zu befreien. Ein Jahr später können die Römerinnen und Römer feststellen, dass sich die Situation zwar ein wenig gebessert hat, aber eben nur ein wenig. Deshalb holt Gualtieri nun in der Schlacht gegen den Müll zum Entscheidungsschlag aus: Er hat den Bau einer Verbrennungsanlage angekündigt. "Die schändliche Müll-Saga, unter der Rom seit Jahren leidet, muss endlich auf strukturelle Weise beendet werden", erklärte das Stadtoberhaupt.

Dazu muss man wissen, dass die Dreimillionenstadt Rom, die täglich 4.000 bis 5.000 Tonnen Müll produziert, bisher über keine einzige Müllverbrennungsanlage auf ihrem Gemeindegebiet verfügt. Der größte Teil des Römer Abfalls wird für teures Geld mit Lastwagen und Güterzügen in andere Regionen und ins Ausland exportiert, gerade einmal zwei Prozent (!) des Römer Mülls werden laut Gualtieri in Rom selbst entsorgt. Der Rest landet auf den Straßen und lockt Heerscharen von Wildschweinen, Möwen und Ratten an.

Der Ruf als Teufelswerk

Das Fehlen einer Verbrennungsanlage ist die Folge einer irrationalen Phobie, von der ganz Italien betroffen ist und die auch keine Parteigrenzen kennt: Die Anlagen gelten vielen Italienern wegen ihrer Abgase als todbringendes Teufelswerk. In Italien stehen deshalb nur 37 Verbrennungsöfen, bei 60 Millionen Einwohnern. Frankreich, dessen Bevölkerungszahl nur unwesentlich größer ist, kommt auf 126.

Die tiefsitzende Angst vor den Verbrennungsanlagen hat nach Gualtieris Ankündigung umgehend die üblichen Abwehrreflexe ausgelöst: "Nicht machbar", erklärte etwa die Umweltministerin der Hauptstadtregion Latium, Roberta Lombardi, von der vermeintlich grünen Fünf-Sterne-Bewegung. Warum die Anlage nicht machbar sei, sagte sie zwar nicht, aber die Protestpartei, die im nationalen Parlament immer noch stärkste politische Kraft ist, hatte schon immer gegen die Müllverbrennungsanlagen gekämpft. Oft mit Erfolg: Einer ihrer Kandidaten hatte vor ein paar Jahren die Stadtpräsidentenwahl von Parma mit dem Versprechen gewonnen, dass unter ihm die nagelneue Müllverbrennungsanlage vor den Toren der Stadt niemals in Betrieb genommen werde.

Auch Gualtieris Vorgängerin im Kapitol, Virginia Raggi, wollte nichts von den Öfen wissen. Die Fünf-Sterne-Politikerin hatte bei der Müllentsorgung auf das Standardrezept der Verbrennungsgegner gesetzt: hundert Prozent Mülltrennung, hundert Prozent Recycling, Problem gelöst. Eine Verbrennungsanlage würde da nur schaden, weil sie den Bürgerinnen und Bürgern ein Alibi dafür bieten würden, weiterhin allen Müll in eine Tonne zu werfen, fand die damalige Bürgermeisterin.

Raggis Strategie gescheitert

In der Theorie ist die 100-Prozent-Recycling-Strategie sehr effizient, in der Römer Praxis war sie es etwas weniger: In den fünf Jahren unter Raggi ist der Anteil des getrennt eingesammelten Hausmülls in Rom nie auf über 50 Prozent gestiegen, trotz des Fehlens einer Verbrennungsanlage.

Gualtieri will jedenfalls an seinen Plänen festhalten und den neuen Ofen möglichst schon zu Beginn des Jahres 2025 in Betrieb nehmen – immerhin handle es sich um ein Jubiläumsjahr der katholischen Kirche, und an einem solchen könne sich Rom den Millionen Pilgern und Gläubigen nicht derart heruntergekommen präsentieren. Er erinnert außerdem daran, dass dank der modernen Anlage die durch den Export des Abfalls und von den Mülldeponien verursachten Immissionen massiv gesenkt und gleichzeitig Strom für 150.000 Römer Haushalte produziert werden könnte. Insgesamt soll der Ofen laut dem Bürgermeister jährlich 600.000 Tonnen ungetrennten Abfalls verbrennen können.

Warten auf die Hängebrücke

Ob Rom in drei Jahren tatsächlich eine Müllverbrennungsanlage haben wird, steht im Moment aber noch in den Sternen. Es ist gut möglich, dass Gualtieris Projekt das gleiche Schicksal erleiden wird wie die drei Kilometer lange Hängebrücke über die Meerenge von Messina, über die in Italien seit Garibaldis Zeiten geredet wird und von der weiterhin nichts zu sehen ist.

Andererseits: In einer Umfrage hat sich in Rom eine klare Mehrheit der Befragten für den Bau des Ofens ausgesprochen – ein Beleg dafür, dass die Bürgerinnen und Bürger oft intelligenter und realistischer sind als die Parteien und Politiker. Und dass sie, im Fall von Rom, von dem Gestank ganz einfach die Nase voll haben. (Dominik Straub aus Rom, 28.4.2022)