Um virtuelle Welten zu erleben, braucht es derzeit meist noch ein eigenes Headset.

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Noch fühlen sich die Headsets wenig natürlich an: Groß und schwer liegen sie am Kopf – und auch die virtuellen Welten, in die sie uns mithilfe der VR-Brillen transportieren, ähneln eher einem Computerspiel als der Realität. Doch das könnte sich sehr bald ändern, sagt David Chalmers, Professor für Philosophie und Neurowissenschaften an der renommierten New York University.

Die virtuelle Realität werde sich künftig so weiterentwickeln, dass es schwierig sein könne, überhaupt noch zwischen der virtuellen und der realen Wirklichkeit zu unterscheiden, sagt der australische Denker, der zu den weltweit bekanntesten Philosophen und Bewusstseinsforschern zählt und der vor kurzem das Buch "Reality+" veröffentlicht hat, in dem er sich mit den neuen virtuellen Realitäten auseinandersetzt. Ablehnen sollten wir diese virtuellen Welten nicht, denn das Leben dort könnte auch bereichernd für uns sein, sagt er. Und woher wissen wir, ob die Realität, wie wir sie kennen, nicht schon längst Teil einer großen Simulation ist?

STANDARD: Herr Chalmers, stellen Sie sich vor, Sie erfahren wie Neo im Film "Matrix", dass die Welt, wie Sie sie kannten, nur eine Simulation ist. Nun haben Sie die Wahl zwischen einer roten Pille, bei der Sie die Wahrheit akzeptieren und in die reale Welt eintreten, und einer blauen Pille, bei der Sie in der komfortablen virtuellen Welt bleiben und vergessen, dass es sich dabei um eine Simulation handelt. Welche Pille würden Sie wählen?

Chalmers: Ich würde die rote Pille wählen. Nicht unbedingt, weil es schrecklich ist, in einer Simulation zu sein. Sondern weil die rote Pille die Tür zu einem breiteren Bereich der Realität öffnet. Plötzlich stellt sich heraus, dass es da draußen all diese anderen Universen gibt. Vielleicht gibt es ein Universum, das unseres beinhaltet. Vielleicht gibt es noch viele andere virtuelle Welten. Es heißt aber auch nicht, dass es etwas Schlechtes ist, die blaue Pille zu nehmen. Es ist keine irrationale Entscheidung, in einer Simulation zu bleiben. Aber ich persönlich würde gerne diesen breiteren Bereich der Realität mithilfe der roten Pille erkunden.

STANDARD: Auch wenn die wirkliche Realität wahrscheinlich wesentlich unangenehmer ist als die Simulation?

Chalmers: Wenn die Außenwelt eine Welt extremen Leids und Elends für alle ist, dann würde ich mich vielleicht dafür entscheiden, die blaue Pille zu nehmen. Aber wenn es ab und zu schwierige Momente, aber auch viel Begeisterung gibt, dann würde ich wohl die rote Pille nehmen. Die Matrix wurde ja von den Maschinen geschaffen, um die Menschen zu täuschen und sie zu kontrollieren. Sie ist keine großartige virtuelle Welt, in der man sich aufhalten kann. Aber das liegt nicht daran, dass es eine virtuelle Welt ist. Es kann andere virtuelle Welten geben, die viel besser sind.

David Chalmers ist Philosoph an der New York University und vor allem für seine Arbeit zum menschlichen Bewusstsein bekannt. Nebenbei ist er Leadsänger der Band Zombie Blues, die immer wieder auch philosophische Gedanken musikalisch verarbeitet.
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STANDARD: Der US-amerikanische Philosoph Robert Nozick hat schon vor rund 50 Jahren ein anderes interessantes Gedankenexperiment aufgestellt: die Idee einer Erfahrungsmaschine, an die wir uns anschließen können, um in eine virtuelle Welt einzutauchen, in der wir uns alle unsere Wünsche erfüllen lassen können. Nozick fragte verschiedene Menschen, ob sie sich an eine solche Maschine anhängen würden, und wenn ja, für wie lang. Würden Sie eine solche Erfahrungsmaschine nutzen?

Chalmers: Das hängt davon ab, was ich in der Erfahrungsmaschine erlebe. Wenn es darin nur um Vergnügen oder Freude geht, wäre das Leben nicht besonders sinnvoll. Vielleicht kann ich mit der Maschine viele wunderbare Erfahrungen, Erfolg, Erfüllung, wunderbare Freunde und Familie haben oder zu einem sehr erfolgreichen Philosophen oder Sportweltmeister werden. Aber in diesem Fall war all das durch die Maschine vorprogrammiert. Ich hätte keinen freien Willen oder Autonomie mehr. Es kann aber auch sein, dass diese Erfahrungsmaschine einer gewöhnlichen virtuellen Realität gleicht. Ich betrete diese virtuelle Welt gemeinsam mit anderen Leuten und vielleicht auch mit meinen Freunden und meiner Familie. Es gibt kein Drehbuch, aber wir können unsere eigenen Handlungen wählen und unser eigenes Schicksal in dieser virtuellen Welt bestimmen. An eine solche Erfahrungsmaschine würde ich mich gerne von Zeit zu Zeit anschließen.

STANDARD: Technologien wie Virtual Reality oder das Metaverse versprechen, uns bald in solche virtuellen Welten zu führen. Wie könnten diese aussehen?

Chalmers: Obwohl Virtual-Reality-Technologien bereits einen langen Weg zurückgelegt haben, sind sie im Moment noch ziemlich primitiv. Man muss ein großes Headset am Kopf tragen, was unbequem und ein bisschen lächerlich ist. Aber im Laufe der Zeit, wahrscheinlich innerhalb von zehn bis zwanzig Jahren, werden wir nur noch eine schmale Brille tragen und damit mit virtuellen Objekten in der virtuellen und physischen Welt interagieren. Im weiteren Verlauf gelangen wir möglicherweise zu Gehirn-Computer-Schnittstellen, wo virtuelle Welten beginnen, direkt mit dem Gehirn zu interagieren, ohne dass wir unsere Sinnesorgane einsetzen müssen. Das könnte es möglich machen, ein völlig neues Körpergefühl in der virtuellen Welt zu entwickeln. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass wir unsere Gehirne eines Tages auf einen Computer hochladen können, um unsere Denkleistung zu steigern oder möglicherweise ewig leben zu können.

STANDARD: Wären diese virtuelle Welten einfach eine Kopie unserer realen Welt oder etwas gänzlich anderes?

Chalmers: Wenn Menschen virtuelle Welten erschaffen, sind sie meistens so gemacht, dass sie die physische Welt reflektieren. Aber das ist eine ziemlich begrenzte Herangehensweise, weil man in virtuellen Welten so viel mehr tun kann. Du kannst fliegen, dich teleportieren, seltsame Regionen des Weltraums erkunden oder andere Naturgesetzen erschaffen. Ich vermute, dass einige Leute wollen, dass sie die virtuellen Welten an die vertraute physische Welt erinnern. Aber im Laufe der Zeit werden viele verschiedene Lebensformen in virtuellen Welten erschaffen werden. Und einige Menschen werden vielleicht diese uneingeschränkteren virtuellen Welten gegenüber der realen Welt bevorzugen.

STANDARD: Das klingt für viele wohl eher beängstigend oder wie eine Scheinwelt.

Chalmers: Virtuelle Welten sind nicht unwirklich oder falsch. Diese Welten können vollkommen real sein. Wir können dort echte Beziehungen mit anderen Menschen haben, ein sinnvolles Leben führen. Denn Realität ist das, was wir dazu machen. Wir haben schließlich auch unserer physischen Welt Bedeutung zugeschrieben. Das können wir auch mit einer virtuellen Welt tun. Aber es kann auch vieles schiefgehen: etwa wenn virtuelle Welten von Unternehmen kontrolliert werden, die alles monetarisieren, uns als Produkt benutzen und uns manipulieren, um ihre eigenen Interessen zu befördern. Ich hoffe sehr, dass virtuelle Welten künftig nicht von Unternehmen, sondern von den Nutzerinnen und Nutzern kontrolliert und regiert werden.

STANDARD: Wie sähe eine "optimale" virtuelle Welt dann aus?

Chalmers: Wichtig ist, dass Nutzerinnen und Nutzer eine Gemeinschaft, Meinungsfreiheit, Autonomie und ein gewisses Maß an Souveränität, vielleicht sogar einige Formen der Demokratie haben. Zudem müssen wir auch die Privatsphäre der Nutzer schützen, so wie wir es auch in der physischen Welt tun. Die meisten unserer Rechte, die wir in der wirklichen Welt haben, sollten wir auch in virtuellen Welten haben. Virtuelle Welten bieten aber auch andere Möglichkeiten: Dort kann jeder sein eigenes Haus, seinen eigenen Planeten haben, was auch zu einem gewissen Egalitarismus führen könnte. Virtuelle Welten werden dadurch nicht zur Utopie. Aber sie bieten die Möglichkeit, bestimmte Formen sozialer Gerechtigkeit und Gleichberechtigung zu ermöglichen.

STANDARD: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass ein Leben in virtuellen Welten eine gute Option sein könnte, falls es mit der Erde aufgrund von Naturkatastrophen oder neuen Pandemien bergab geht. Ist das nicht eine Flucht davor, Probleme in der realen Welt anzugehen?

Chalmers: Wir sollten die virtuelle Welt nicht als Grund sehen, die physische Welt zu vernachlässigen. Es wäre verrückt zu sagen, wir müssen uns keine Sorgen mehr um den Klimawandel machen, weil wir jetzt virtuelle Welten als Alternative haben. Es gibt viele virtuelle Welten, aber nur eine physische Welt, auf die wir achtgeben müssen. Trotzdem ist es wertvoll, eine virtuelle Welt zu haben, genauso wie es wertvoll ist, andere Planeten zu entdecken und zu besiedeln. Damit werden die Probleme der Erde nicht außer achtgelassen.

STANDARD: Kann die virtuelle Realität eines Tages die reale Welt ersetzen?

Chalmers: Nein, denn die physische Welt ist ja die Grundlage für die virtuelle Welt. Zudem wird es immer Leute geben, die die physische Welt bevorzugen. Aber einige Menschen werden vielleicht einen Großteil ihres Lebens in virtuellen Welten verbringen, so wie ja bereits heute viele Menschen viel Zeit im Internet verbringen. Das kann auch eine Bereicherung sein und uns neue Perspektiven eröffnen. Wahrscheinlich werden wir eines Tages virtuelle Welten haben, die so gut sind, dass sie sich von der realen Welt nicht mehr unterscheiden.

STANDARD: Ist das nicht auch problematisch?

Chalmers: Es ist wichtig, dass die Leute wissen, ob sie sich in einer virtuellen Welt oder in der physischen Welt befinden, weil wir mit physischen und virtuellen Objekten auf sehr unterschiedliche Weise interagieren. Zudem könnte es zu potenziellen Täuschungen kommen, bei denen Menschen glaubhaft gemacht wird, sie seien in der physischen Welt und tatsächlich in einer virtuellen Welt, und wer weiß, zu welchem Unheil das führen könnte. Es braucht in Zukunft daher eine Art Regulierung, die diese Transparenz vorschreibt.

STANDARD: Woher wissen wir, ob wir nicht bereits in einer Simulation – ähnlich wie die Matrix – leben?

Chalmers: Es ist durchaus möglich, dass wir in einer Simulation leben. Ich schätze, dass die Wahrscheinlichkeit dafür irgendwo zwischen zehn und 25 Prozent liegt, wobei ich die Zahlen nicht zu ernst nehmen würde. Die Simulationstechnik wird immer besser, in Kürze werden wir die Kapazität haben, Simulationen zu erstellen, die so detailliert wie die physische Welt sind. Es wird eines Tages vielleicht ziemlich üblich, simulierte Universen zu erstellen, in denen dann vielleicht simulierte Menschen häufiger vorkommen als nichtsimulierte Menschen. Und es ist durchaus wahrscheinlich, dass auch Bewusstsein in einer Simulation möglich ist.

Nicht erst seit dem Film "Matrix" machen sich Philosophinnen und Philosophen Gedanken über die sogenannte Simulationshypothese.
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STANDARD: Könnten wir jemals sicher wissen, ob wir uns in einer Simulation befinden?

Chalmers: Wenn die Simulation eine unvollkommene Simulation ist, die Schlupflöcher oder vielleicht sogar rote Pillen wie in der Matrix hat, könnten wir bemerken, dass wir uns in einer Simulation befinden, und die Simulatoren könnten sich uns offenbaren. Wenn es hingegen eine perfekte Simulation ist, die von der physischen Realität nicht zu unterscheiden ist, dann werden wir es wohl nie erfahren.

STANDARD: Und wir müssten auf wohlgesonnene Simulatoren hoffen, die nur das Beste für uns wollen?

Chalmers: Vielleicht nimmt der Simulator am Ende unseres Lebens unseren Code und lädt uns in eine andere virtuelle Welt hoch. Vielleicht wäre das sogar die Himmelssimulation. Aber all das bleibt sehr viel Spekulation.

STANDARD: Das hört sich nicht sehr beruhigend an ...

Chalmers: Sie machen sich Sorgen, dass jemand einfach die Simulation beenden könnte? Am Ende wäre unsere Welt auf dieselbe Art einem Schöpfer ausgesetzt, wie wenn sie von einem allmächtigen Gott erschaffen wurde und dieser die Fähigkeit hat, die Welt an jedem Punkt zu beenden. Immerhin haben wir Beweise dafür, dass die Simulation – beziehungsweise die Welt, wie wir sie kennen – schon sehr lange läuft. Vielleicht sind die Simulatoren auch nur Wissenschafter, die die Simulation über Nacht laufen lassen. Vielleicht haben sie eine Million verschiedene Universen simuliert und schauen nicht einmal genau auf jedes einzelne. Sie kommen einfach am nächsten Morgen, um die Statistiken zu erfassen.

STANDARD: Sie haben sich auch viel mit künstlicher Intelligenz (KI) beschäftigt. Viele Menschen haben da wohl schnell Bilder aus Filmen wie Terminator im Kopf – von einer Intelligenz, die uns vielleicht eines Tages überlegen sein könnte. Wie können KI und Menschen in einer zukünftigen Gesellschaft gut miteinander leben?

Chalmers: Auf lange Sicht besteht durchaus die Chance, dass KI-Systeme genauso intelligent oder sogar intelligenter sein werden als wir Menschen. Und wir werden uns der Frage stellen müssen, ob sie selbst bewusste Wesen sind. Vielleicht werden sich einige Leute dagegen wehren, aber sobald wir in einer Welt leben, in der diese Systeme allgegenwärtig sind, wird es offensichtlich sein, dass sie bewusste Wesen sind, die ihre eigenen Rechte verdienen. Und wahrscheinlich gibt es an diesem Punkt einen sehr schwierigen sozialen, politischen und rechtlichen Kampf, um zu sehen, inwieweit wir die Menschenrechte auf diese künstlichen Systeme ausdehnen können. Ich sehe nicht ein, warum künstliche Systeme nicht eines Tages denselben moralischen Status wie Menschen haben können.

STANDARD: Sie glauben, dass auch Maschinen ein Bewusstsein besitzen werden?

Chalmers: Wir verstehen noch nicht, wie uns Gehirne unser Bewusstsein geben, aber irgendwie tun sie es. Die Frage ist, ob es etwas Besonderes am biologischen Aufbau des Gehirns gibt? Ich verstehe nicht, warum theoretisch etwa Silizium schlechter sein sollte als Biologie, wenn es darum geht, Bewusstsein zu erzeugen. Was letztendlich zählt, sind die Interaktionen zwischen den Teilen. Solange Siliziumchips auf die richtige Weise interagieren, werden sie denselben Bewusstseinszustand erreichen wie unser Gehirn. Es gibt daher ziemlich gute Gründe zu der Annahme, dass auch KI-Systeme ein Bewusstsein wie Menschen haben können.

STANDARD: Wie lange wird es noch dauern, bis wir all diese Technologien erleben?

Chalmers: Es würde mich nicht überraschen, wenn wir in den nächsten 30 Jahren menschenähnliche KIs haben. Diese KI-Systeme können am Ende wiederum die virtuellen Welten der Zukunft entwerfen. Möglicherweise haben wir schon in hundert Jahren virtuelle Welten, die der realen Welt bis ins Detail ähneln. (Jakob Pallinger, 2.5.2022)