Hans Karl Peterlini, Professor an der Universität Klagenfurt und Mitglied des dortigen Zentrums für Friedensforschung und Friedensbildung, schreibt in seinem Gastkommentar über die Friedensarbeit und Handlungsmöglichkeiten im Ukraine-Krieg.

Ein Sieger steht wohl schon fest: Im Krieg gewinnt immer der Krieg. Darüber, wer sonst noch gewinnen könnte, wer gerade welche Kampfzone mit wie viel getöteten Feinden erobert hat, berichten die meisten Medien fast schon wie über Sportereignisse – es gibt Punkte da, Punkte dort und Wetten auf den Gesamtsieg. Das mag zynisch klingen und tut einfühlsamen Reportagen ebenso unrecht wie den helfenden Händen an den zivilen Fronten, ist aber eine nüchterne Einschätzung der Stimmungslage nach über zwei Monaten Ukraine-Schlacht. Europa ist in einem Albtraum erwacht und merkt, dass er Wirklichkeit ist.

Soll man der Ukraine auch schwere Waffen liefern? In Deutschland sorgt gerade ein offener Brief, der sich dagegen richtet, für heftige Debatten.
Foto: Getty Images

Zerstoben ist nur eine Illusion. Die Vorstellung, dass wir in einem Jahrhundert des Friedens lebten, geläutert von den zwei Weltkriegen, verdankt sich vor allem der Kunst der Verdrängung. Der vermeintliche europäische Jahrhundertfrieden stand schon unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg unter jener Bedrohung, für die George Orwell 1945 den Begriff des Kalten Krieges prägte, als einen "Frieden, der kein Frieden ist". Die Chance auf eine neue Weltordnung durch die Öffnungspolitik Michail Gorbatschows, den Mauerfall und die jungen Demokratien im Osten wurde nicht tiefgreifend genutzt. Die europäische Friedensära bestand in der Abwesenheit von Krieg auf dem eigenen Boden, nicht in der Haltung eines "aktiven Friedens", wie sie die Friedensforschung als Gesamtorientierung von Politik fordert.

"Die Vorstellung, dass wir in einem Jahrhundert des Friedens lebten, geläutert von den zwei Weltkriegen, verdankt sich vor allem der Kunst der Verdrängung."

Es besteht kein Zweifel, dass der Angriffskrieg Wladimir Putins gegen die Ukraine durch nichts zu rechtfertigen ist. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass in den umstrittenen Gebieten frühzeitige Konfliktarbeit stattfinden hätte müssen statt restriktiver Ethnopolitik und feindseliger Grenzregimes. Ratlos macht jene Frage, die schon anlässlich der Jugoslawienkriege die Friedensbewegung zerrissen hat: Kann das grausame Schlachten in pazifistischer Zurückhaltung sich selbst überlassen werden oder muss interveniert werden zugunsten der angegriffenen und schwächeren Partei? Kann auf Verhandlungen im Kugelhagel gehofft werden – oder soll der Krieg nicht doch besser durch Waffen beendet werden?

Die Frage kommt auch diesmal spät: Friedensarbeit bedarf geduldiger Aushandlungsprozesse, mühsamer Kompromisse, Vermeidung von Gesichtsverlust, solange dies möglich ist. Sobald geschossen wird, steht sie ohnmächtig da und wird als naiv belächelt.

Von der Ukraine zu erwarten, dass sie sich unbewaffnet dem Aggressor entgegenstellt, auf aktiven Pazifismus vertrauend, wäre wohl Fantasterei, wenn es vorher nicht möglich war, in den Konfliktregionen Aussöhnung und Autonomie zu versuchen. Auch wäre es selbst in pazifistischer Haltung vermessen, einem Staat vorzuschreiben, wie er sich schützen darf. Den vielen Opfern, den zerstörten Leben wäre es zu wünschen gewesen. Ob es glimpflich abgegangen wäre, ob Spielräume für Eigenständigkeit bestanden hätten, wie willkürlich die Besatzungsmacht vorgegangen wäre, lässt sich daran erahnen, wie diese daheim mit der Opposition umspringt.

Geschwächte Uno

Was trotzdem besorgt, ist die plumpe Kriegslogik, die in den Argumentationen für Waffenlieferungen und Verteidigungsausgaben zutage tritt, wie es auch im offenen Brief von 28 Intellektuellen auf Initiative von Alice Schwarzer an den deutschen Kanzler eindringlich als Sorge vor einem dritten Weltkrieg zum Ausdruck kommt. Der Druck nach militaristischer Hilfe veredelt am traurigen Ernstfall jene Hinnahme von Krieg, die hemmungslosem Waffenhandel und zynischer Weltpolitik vorher schon stillschweigend innewohnte. Kriegstechnik und Aufrüstung wurden ungeniert weitergetrieben, an den Fronten boomt der Profit der mächtigsten Lobby der Welt. Die Uno, zum Schutz des Weltfriedens gegründet, wurde nie mit ausreichender Macht ausgestattet, zuletzt wurde sie systematisch geschwächt.

Nüchtern ließe sich die neue Kriegsrhetorik als Rückkehr zu einer realistischen Weltsicht verbuchen, wonach Krieg eben doch ein Mittel der Politik ist und der Frieden nur so lange hält, solange die gegenseitige Bedrohung das Schlimmste verhindert. Das "Nie wieder Krieg", das nach dem Zweiten Weltkrieg geschworen wurde, verliert seine Feigenblätter. Putins Krieg mit Krieg zu beantworten heißt, auf seine Provokation einzugehen. Hilfe für das angegriffene Land heiligt den Zweck, aber nicht jedes Mittel. Krieg gehorcht dem Recht des Stärkeren – eine krude Dynamik, die dazu zwingt, das Crescendo mitzumachen, bis der Sieg errungen oder die Kapitulation unausweichlich ist. Auf der Strecke bleibt der Glaube daran, dass es zum Krieg eine Alternative gibt.

Nationaler Egoismus

Diese liegt allein in einer Weltordnung, die sich zu Gerechtigkeit auf allen Ebenen durchringt – sozialem Ausgleich, ökonomischer Partnerschaft, ethnokultureller Fairness, ökologischer Balance statt fortgesetzter kolonialer Ausbeutung. Krieg ist nicht der Vater aller Dinge, sondern die perverse Folge aller Übel, an denen die Menschheit leidet, jener Entweder-oder-Teilungen, die Wirtschaftsmodelle, Geschlechterordnungen, nationale und ideologische Konstrukte schaffen und dabei ausblenden, dass alles mit allem verbunden ist und entweder alle gewinnen oder alle verlieren. Ein Krieg kann vielleicht mit Waffen beendet werden, der immerwährende Krieg wird dadurch weiter gewinnen.

Wer Krieg verhindern will, muss seine Ursachen aushebeln – solidarisches Handeln nach innen und außen anstelle jenes nationalen Egoismus, der Empathie an den Grenzen enden lässt und nicht erkennt, dass sich an diesen vielleicht Menschen, nicht aber die existenziellen Bedrohungen aufhalten lassen.

Ein solcher Pakt zum Überleben in unserem "Heimatland Erde" (Philosoph Edgar Morin) würde es ermöglichen, sich wehrlos zu machen und den Krieg schlicht zu ächten, ihn als Verletzung von Recht, Würde und Menschlichkeit aus den Handlungsmöglichkeiten auszuschließen. Eine Utopie vielleicht – aber die einzige Möglichkeit, wenn sich die Tragödie unserer Wirklichkeit nicht ewig wiederholen soll. (Hans Karl Peterlini, 3.5.2022)