Junge Leute tappen heute öfter in Schuldenfallen als früher. Allerdings ist auch der Berufseinstieg um einiges holpriger.

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"Für uns war es ein unglaubliches Jahr", zog Peter Poenisch, Chef der Santander Consumer Bank, vor rund zwei Wochen Bilanz über das Vorjahr. Trotz der Widrigkeiten der Corona-Pandemie konnte das auf Konsumentenkredite spezialisierte Institut nach 2019 das zweitbeste Ergebnis der Firmengeschichte einfahren. "Im Kreditneugeschäft haben wir sogar ein All-Time High hingelegt", ergänzt Poenisch. Auch das erste Quartal 2022 sei gut angelaufen. Klar, mit diesen Krediten wird Konsum vorgezogen und damit das Wirtschaftswachstum gestärkt. Allerdings hat dies auch seine Schattenseiten, wie sich bei der Präsentation des "Schuldenreports 2022" zeigt.

"Konsumkredite und Kontoüberziehungen sind die Einstiegsdroge in die Schuldenfalle", sagt Clemens Mitterlehner, Chef der ASB Schuldenberatung. Zielgruppe fast aller Konsumkredite sind ihm zufolge Leute mit wenig Barmitteln. "Das ist problematisch", betont Mitterlehner. Und so kommt es, dass insgesamt 53.000 Menschen in Österreich im Vorjahr die Hilfe von Schuldenberatungen in Anspruch nehmen mussten. Wie viele Personen hierzulande tatsächlich überschuldet sind, ist nicht bekannt – ein Umstand, den der grüne Sozialminister Johannes Rauch, selbst früher als Schuldenberater tätig, ändern will.

Treffsichere Entlastung

Mit der Statistik Austria läuft demnach bis Jahresende ein Projekt, um diese Daten zu erheben. Denn auf diese Menschen müsse man bei Inflation genau schauen, deshalb seien treffsicherere Entlastungsmaßnahmen wichtig. Der Bericht der Preiskommission soll nun einen Monat früher, also Ende Mai vorliegen. Rauch kündigte zudem bis Herbst weitere Entlastungsschritte an. Auch eine Diskussion über die Einführung von Vermögenssteuern darf dem Sozialminister zufolge kein Tabu sein.

Wie sich die Inflation auf einkommensschwache Personen auswirkt, rechnet ASB-Chef Mitterlehner vor: Vom Existenzminimum für Alleinstehende von derzeit 1030 Euro frisst die derzeitige Teuerung im Lauf eines Jahres so viel Kaufkraft weg, dass der Betrag dann nur noch 960 Euro entspricht.

Diese Schwelle ist insofern von Bedeutung, da erst das darüber liegende Einkommen von Gläubigern gepfändet bzw. bei Privatkonkursen abgeschöpft werden darf. Sprich, mit den 1030 Euro müssen Betroffene trotz sehr hoher Inflation derzeit auskommen. "Jeder in Privatkonkurs lebt in Armut", sagt Mitterlehner, der eine Erhöhung des Existenzminimums auf die Armutsgefährdungsschwelle, die derzeit bei 1371 Euro liegt, fordert. Denn nach der vorübergehenden Flaute bei den Privatkonkursen während der Corona-Krise erwartet der ASB-Chef eine Rückkehr auf frühere Niveaus, also 8.000 bis 10.000 Fälle pro Jahr.

Auffallend ist zudem, dass immer mehr junge Menschen in finanzielle Schieflage geraten, knapp ein Viertel der Klientel der Schuldenberatungen ist 30 Jahre oder jünger. Ein Problem dieser Generation: Ihr Start ins Berufsleben erfolgt wesentlich holpriger, als es früher der Fall war. Das Risiko, 18 Monate nach Pflichtschulabschluss arbeitslos zu sein, ist stark gestiegen, geht aus einer Studie des Arbeitsmarktservice hervor. Von jenen, die 2017/18 die Pflichtschule absolvierten, waren eineinhalb Jahre später 64 Prozent ohne Job. Knapp zehn Jahre zuvor war die Quote mit 49 Prozent deutlich tiefer gelegen.

Schwieriger Berufseinstieg

Die Folge: Unter den Menschen bis 30 Jahre, die bei Schuldenberatungen vorstellig werden, sind vier von zehn Personen arbeitslos, und etwas mehr als die Hälfte hat nur einen Pflichtschulabschluss. Eine Matura können gerade einmal vier Prozent vorweisen. Viele junge Leute finden Mitterlehner zufolge daher nur prekäre Jobs. Mehr als ein Drittel der überschuldeten jungen Menschen verdiene weniger als das Existenzminimum.

Der Lösungsweg besteht für Rauch und Mitterlehner in Finanzbildung. "Je früher, desto besser", betont der Sozialminister, der aber dies nicht automatisch den Schulen aufbürden will. Mitterlehner verweist auf den Finanzführerschein, der praxisnahe Finanzbildung für Jugendliche vermittle. Zudem fordert der ASB-Chef: "Die Finanzmarktaufsicht sollte auch die Vergabe von Konsumkrediten genauer ins Visier nehmen." (Alexander Hahn, 2.5.2022)