Beim Microdosing konsumieren Anwender kleine Mengen LSD oder Psilocybin. Das Versprechen: Kreativer, wacher und glücklicher sein.

Illustration: Fatih Aydogdu

Alex hat sich seine Dosis selbst gemischt. Er löst ein kleines Plättchen LSD in Alkohol auf und mischt alles mit einem Liter Wasser. Das schmeckt zwar ziemlich bitter, aber zumindest kann er das Gemisch in der Küche dann leichter erkennen. Vormittags trinkt er einen kleinen Schluck aus der Flasche, etwa ein Zehntel. Genug, um die gewünschte Wirkung zu erreichen, aber zu wenig, um high zu werden.

Was Alex da praktiziert, ist gar nicht so selten. Seit etwa fünf Jahren erfährt das Phänomen des Microdosing zunehmend Aufmerksamkeit, in der Presse, im Internet, aber auch bei Forscherinnen und Forschern. Es geht dabei um die regelmäßige Einnahme von sehr kleinen Dosen psychedelischer Substanzen wie LSD oder Psilocybin, die fast überall auf der Welt als illegale Drogen eingestuft sind – der Grund, warum Alex seinen echten Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will.

Große Versprechen

Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann entdeckte im Jahr 1943 eher zufällig LSD.
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Wie viele Microdoser erhoffte er sich vom LSD keinen Rausch, keine bunten Farben, keine Visionen von verformten Möbeln oder Fledermäusen, die eigentlich gar nicht da sind. Die geringe Menge, die er zu sich nimmt, soll sich unterschwellig entfalten und nur ein wenig in seiner Stimmung bemerkbar machen.

Manche Microdoser wie Alex versuchen, auf diese Weise ihre Konzentration und Leistung zu verbessern, wacher und kreativer zu sein, andere wollen empathischer und sozialer werden. Viele setzen auf medizinische Effekte, wollen ihre Laune heben, Migräne oder Ängste lindern. Menschen mit Depression hoffen, sich im Alltag zufriedener und vitaler zu fühlen. Microdosing, das Glück in kleinen Dosen, verspricht Großes.

Die Menge macht’s

Noch ist die Forschung aber skeptisch, ob die winzigen Mengen LSD oder Psilocybin wirken. Die Studienlage ist dünn. Viele Daten beruhen auf Anekdoten von Microdosern aus Onlineumfragen, die oft wenig ins Detail gehen und sich nicht verallgemeinern lassen. Meist sind die Umfragen wenig repräsentativ und schwer zu validieren. Die meisten, die diese Umfragen ausfüllen, sehen Microdosing tendenziell positiv. Andere Studien stellen nur marginale Effekte bei Menschen fest.

Bisher gilt auch beim Microdosing: Die Menge macht’s. "Große Dosis, große Wirkung. Kleine Dosis, kleine Wirkung. Sehr kleine Dosis, sehr kleine Wirkung", sagt Torsten Passie, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, im Gespräch mit dem STANDARD. "Bisherige Studien widersprechen diesem Grundsatz nicht." Von geringen Dosierungen, wie sie beim Microdosing vorkommen, spüren Anwender im Grunde gar nichts. Bei LSD sind es etwa fünf bis 15 Mikrogramm. Zwar kommt es vor, dass Hirnscans Aktivität bei Microdosing-Anwendern zeigen – aber nur weil ein Hirnareal aktiv wird, wirkt sich das nicht unbedingt auf das gesamte Hirn aus.

"Magic Mushrooms" sind in den Niederlanden seit 2008 illegal. Von dem Verbot ausgenommen ist psychoaktiver Trüffel, den viele stattdessen konsumieren.
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Nur Placebo?

Daher zweifeln Expertinnen und Experten auch an den zahlreichen wundersamen Effekten, die sich Microdoser erhoffen. "Die wissenschaftliche Datenlage gibt nicht her, dass dadurch irgendeine Leistungsverbesserung auftritt", sagt Passie. Nehmen Anwender mehr der potenten Substanzen ein, sogenannte Minidosen von 20 Mikrogramm oder mehr, führe das natürlich zu spürbaren Effekten, da sie sich immer weiter dem Rausch annähern.

Andere Forschende sehen Microdosing differenzierter. "Es ist ja auch der Sinn von Microdosing, dass der Effekt nicht deutlich, sondern eher subtil ist, weil die Leute ja oft damit arbeiten wollen", sagt Ana Weidenauer von der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie an der Med-Uni Wien. "In Summe gehen wir davon aus, dass es einen Effekt gibt. Aber der wird sich nicht so stark vom Placebo unterscheiden."

Gerade wegen diesen Placeboeffekten ist Microdosing umstritten. Eine umfassende Studie des Londoner Imperial College, in der manche Anwender LSD und andere Placebos bekamen, stellte zwischen den beiden Gruppen keine statistisch signifikanten Unterschiede fest. Was Nutzer vom Microdosing erwarten, spielt für die Wirkung laut Forschenden eine große Rolle. Je höher die Erwartung, dass der Stoff wirkt, desto größer fallen auch die Placeboeffekte aus.

Hohe Dosierungen riskant

Wie riskant Microdosing ist, ist bisher wenig erforscht. Regelmäßig illegale Drogen zu konsumieren, auch in geringen Mengen, ist jedenfalls nicht ungefährlich. Neben normalen Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Blutdruckschwankungen können Panikzustände auftreten, Angststörungen sich sogar verstärken. Herz-Kreislauf-Probleme bergen ebenso ein Risiko, weshalb Microdosing für Vorerkrankte kritisch sein kann. Forschende plädieren dafür, potenzielle Risiken von Microdosing verstärkt zu prüfen. Dazu gehört, Auswirkungen auf Herz, Lunge, aber auch Gedächtnis und Aufmerksamkeit zu untersuchen.

Obwohl LSD und Psilocybin im Vergleich zu anderen illegalen Rauschmitteln prinzipiell nicht körperlich abhängig machen, laufen Anwender zudem Gefahr, von den Substanzen psychisch abhängig zu werden: etwa wenn sie glauben, ihre Arbeitsleistung nur noch durch das Microdosing erreichen zu können. Und zu hohe Dosierungen, die beim Microdosing durchaus auftreten, können enorme Folgen haben. "LSD führt, wenn es in wirksamen Dosen ab 20 Mikrogramm und mehr eingenommen wird, praktisch immer zu Defiziten bei der kognitiven Leistung", sagt Passie.

Psychedelische Therapie, bei der Patienten unter Aufsicht Psilocybin einnehmen, könnte künftig eine gängige Praxis sein.
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Hype statt Heilmittel

In den vergangenen Jahren gewann Microdosing enorm an Popularität. Auf der Online-Plattform Reddit tauschen sich fast 200.000 Menschen zu dem Phänomen aus. Viele Unternehmen und Investoren stecken ihr Geld in die Forschung, obwohl viele Experten vermuten, dass hinter Microdosing mehr Hype als Heilmittel steckt. In den meisten Fällen braucht es keine Drogen, wenn stattdessen eine Therapie, ein Jobwechsel, Sport oder gesündere Ernährung helfen können. "Microdosing wirkt wie das große Wundermittel, das ist es nicht", sagt Alex. "Ich kann mir aber vorstellen, dass es Leuten trotzdem helfen kann."

Prinzipiell sind Psychedelika für die Psychotherapie vielversprechend. Verschiedene Studien zeigen, dass Psilocybin antidepressiv wirkt. Allerdings setzen Therapeuten den Wirkstoff in höheren Dosen und innerhalb klinisch kontrollierter Sitzungen ein. Microdosing ist das nicht. "Psilocybin als antidepressives Medikament ist kein Hype, sondern realistische Zukunftsmusik", sagt Weidenauer. "Spätestens in ein paar Jahren wird es üblich sein, dass Leute zweimal wöchentlich eine Psilocybin-Session machen."

Vielen Anwendern ist es jedenfalls nicht so wichtig, was die Wissenschaft über den Sinn und Unsinn von Microdosing sagt. Solange sie positive Effekte wahrnehmen und anderen davon berichten, hält der Hype an. Alex selbst hörte nach kurzer Zeit wieder mit dem Microdosing auf. "Ich wäre schon offen dafür gewesen, es mehr in den Alltag zu integrieren, hätte ich bessere Ergebnisse erzielt", sagt er. "Ich habe aber immer gezweifelt, ob es wirklich etwas bringt." Dass er dem LSD-Gemisch am Vormittag künftig noch einmal eine Chance geben könnte, schließt er aber nicht aus. (Florian Koch, 7.5.2022)