Die Druckwelle der ersten Atomexplosion war 160 Kilometer weit zu spüren, die Pilzwolke wuchs zwölf Kilometer empor. Das war aber erst der Anfang.

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Mehr als 300.000 Menschen gingen 1981 in Bonn gegen die Stationierung neuer Atomwaffen in Westeuropa auf die Straße. Auch in anderen Ländern gab es Massendemonstrationen der Friedensbewegung.

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Die Druckwelle der ersten Atomexplosion war 160 Kilometer weit zu spüren, die Pilzwolke wuchs zwölf Kilometer empor. Das war aber erst der Anfang.
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Den Beginn einer weltgeschichtlichen Epoche auf die Sekunde genau zu datieren klingt unmöglich. Im Fall des Atomzeitalters lässt sich aber genau das machen: Am 16. Juli. 1945 um 5 Uhr 29 Minuten und 45 Sekunden wurde in der Wüste New Mexicos die erste Atombombe der Welt gezündet und erschütterte nicht nur das Testgelände des US-Militärs, sondern in gewisser Weise den ganzen Planeten. "Wir wussten, die Welt würde nicht mehr dieselbe sein. Ein paar Leute lachten, ein paar Leute weinten, die meisten waren still", erinnerte sich J. Robert Oppenheimer, der wissenschaftliche Leiter des Manhattan-Projekt genannten US-Atomwaffenprogramms, später an den Moment.

Zu den Augenzeugen des geheimen nuklearen Urknalls, der als Trinity-Test in die Geschichte einging, zählte auch der Physiker Otto Robert Frisch. Der gebürtige Wiener war eng mit dem Bau der ersten Atombombe verbunden. Gemeinsam mit seiner Tante Lise Meitner war er in Zusammenarbeit mit Otto Hahn und Fritz Straßmann 1938 an der Entdeckung der Kernspaltung beteiligt gewesen, durch die eine Nutzung von atomarer Energie überhaupt erst denkbar geworden war.

Gleichgewicht des Schreckens

Eine Atomwaffe hielten viele Fachleute zunächst aber für technisch nicht umsetzbar. 1940 kamen Frisch und sein Kollege Rudolf Peierls, beide waren vor den Nationalsozialisten nach England geflohen, jedoch zu einem anderen Schluss: Wie ihre Experimente und Berechnungen zeigten, war die Entwicklung einer "radioaktiven Superbombe" zwar extrem herausfordernd, aber durchaus machbar. Aus Sorge, in Nazideutschland könnte bereits an einer solchen schrecklichen Waffe gearbeitet werden, alarmierten sie die britischen Behörden. Ihr "Memorandum" war ein wichtiger Anstoß für das britische und bald auch das noch viel ambitioniertere US-amerikanische Atombombenprogramm, an dem beide Physiker ab 1943 auch direkt mitarbeiteten.

Frisch und Peierls hatten sich in ihrer Warnung von 1940 aber nicht nur mit Physik beschäftigt, sondern in ihren Überlegungen auch gleich das Prinzip der nuklearen Abschreckung vorweggenommen: Der effektivste Schutz im Fall einer atomaren Bedrohung wäre es, mit einer vergleichbaren Waffe eine Art Bedrohungsgleichgewicht herzustellen, hielten die beiden Physiker fest – und dachten dabei konkret an eine deutsche Atombombe, die es in Schach zu halten gelte.

Folgenreiche Spionage

Tatsächlich war das deutsche Kernwaffenprojekt trotz einiger Anstrengungen nicht weit gediehen, vom Bau einer Atombombe blieben die deutschen Physiker weit entfernt. Ein atomares Gleichgewicht des Schreckens sollte aber die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg prägen, in denen sich die USA und die Sowjetunion im Falle eines Angriffs gegenseitige Vernichtung zusicherten.

Dass die Sowjetunion zum Entsetzen des Westens nur vier Jahre nach den USA ihrerseits erstmals eine Atombombe zünden konnte, war nicht zuletzt umfangreicher Spionage im Manhattan-Projekt geschuldet. Während die USA und Großbritannien ihrem Verbündeten im Kampf gegen Nazideutschland misstrauten und die UdSSR über die eigenen nuklearen Anstrengungen vollkommen im Dunkeln gelassen hatten, wusste man in Moskau schon ab 1941 erstaunlich gut Bescheid.

Moskaus Mann in Los Alamos

Eine wichtige Rolle kam dabei ausgerechnet einem engen Kollegen und Freund von Peierls und Frisch zu, der auch beim Trinity-Test 1945 dabei gewesen war: Klaus Fuchs. Der Physiker und überzeugte Kommunist, der ebenfalls 1933 vor den Nazis aus Deutschland geflohen war, arbeitete acht Jahre lang in den Atomwaffenprojekten Großbritanniens und der USA – und gab über die gesamte Zeit geheime Informationen an Moskau weiter.

Fuchs war nicht der einzige Spion, der Details über die westlichen Atomprojekte verriet, aber der wichtigste. Seine außergewöhnliche Laufbahn ermöglichte es ihm, kontinuierlich und aus erster Hand über die wichtigsten Entwicklungen zu berichten – von den frühen Machbarkeitsstudien in Großbritannien über das Manhattan-Projekt in Los Alamos bis hin zum britischen Atomwaffenprogramm nach dem Krieg.

Als Fuchs 1950 aufflog und verhaftet wurde, hatte er aus Sicht des USA längst "größeren Schaden angerichtet als jeder andere Spion in der Geschichte", wie es in einem Bericht des US-Kongresses hieß. Er selbst hatte sein erklärtes Ziel erreicht: beim Aufbau jenes atomaren Gleichgewichts mitzuhelfen, das eine düstere Stabilität in das Zeitalter der nuklearen Zerstörungswaffen brachte. Zu riskant sei ihm eine einseitig aufgerüstete Welt erschienen, sagte Fuchs später, zu groß die Gefahr eines Angriffs auf die Sowjetunion. Otto Robert Frisch war davon überzeugt, dass Fuchs "in voller Aufrichtigkeit" gehandelt hatte. Wie etliche der am Manhattan-Projekt Beteiligten war auch Frisch über den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 entsetzt und engagierte sich später für nukleare Abrüstung.

Nukleares Wettrennen

Doch bekanntlich war das Gegenteil der Fall. In den folgenden Jahrzehnten übertrumpften sich die Atommächte, zu denen bald auch Großbritannien, Frankreich und China zählten, mit immer verheerenderen Kernwaffen, deren umfangreiche Tests bis heute Spuren auf unserem Planeten hinterlassen haben. Den wahnwitzigen Höhepunkt der Aufrüstungsspirale markierte 1961 die Explosion der sowjetischen "Zar-Bombe" in der Arktis, deren Sprengkraft 4000 Hiroshima-Bomben entsprach. Der Atompilz dieser Wasserstoffbombe wuchs mit 65 Kilometern in die siebenfache Höhe des Mount Everest empor und ragte bis in die Mesosphäre hinauf, die mittlere der fünf Schichten der Erdatmosphäre. Der Lichtblitz der Explosion war noch mehr als tausend Kilometer weit zu sehen.

Immerhin einigten sich die USA, die Sowjetunion und Großbritannien schließlich auf ein Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser. Weitere Tests im Ausmaß der Zar-Bombe blieben der Erde erspart. Ideen, zur Machtdemonstration Atomwaffen auf dem Mond zu zünden, waren ebenfalls vom Tisch – kurzzeitig hatte man sowohl in Moskau wie auch in Washington mit dem Gedanken gespielt.

Aufrüstung und Friedensdemos

Die Logik des atomaren Wettrüstens ging indes mit der Stationierung von US-amerikanischen und sowjetischen Atomwaffen auch in verbündeten Ländern einher. Das sorgte nicht nur für einige heiße Phasen im Kalten Krieg, etwa während der Kubakrise 1962, sondern führte auch zu einer Hochblüte der Friedensbewegung. In Westeuropa und den USA kam es in den 1970er- und 80er-Jahren zu bis dahin beispiellosen Massendemonstrationen, die sich gegen die Aufrüstung und Stationierung neuer Atomwaffen richteten.

Die Zahl der Länder mit eigenen Kernwaffen nahm stetig zu: Auch Indien, Südafrika, Israel, Pakistan und Nordkorea entwickelten Bomben. Bis auf Südafrika, das nach dem Ende des Apartheid-Regimes 1991 sein Programm wieder beendete und das vorhandene Arsenal zerstörte, sind auch diese Länder noch heute Atommächte. Aktuell existieren weltweit rund 13.000 Atomwaffen, die meisten davon gehören Russland und den USA.

Ukrainischer Waffenverzicht

Kurzzeitig waren noch drei weitere Staaten im Besitz von Kernwaffen: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion "erbten" die Ukraine, Kasachstan und Belarus sowjetische Sprengköpfe auf ihren Gebieten. Die Ukraine verfügte damit sogar über das drittgrößte Atomarsenal der Welt. Das Land hatte in seiner Souveränitätserklärung 1990 festgehalten, darauf verzichten zu wollen, Bedenken gab es aber mit Blick auf den Verbleib Russlands als Atommacht. 1994 verpflichteten sich Russland, die USA und Großbritannien, die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine im Gegenzug zur Abrüstung zu achten.

Zwei Jahrzehnte später zeigte sich, wie berechtigt die ukrainische Sorge war, als Russland die Vereinbarung durch die Annexion der Krim brach. Dass nukleare Drohgebärden kein Relikt des 20. Jahrhunderts sind, stellt der aktuelle russische Krieg gegen die Ukraine einmal mehr unter Beweis. So viel steht fest: Das Atomzeitalter ist nicht vorbei. (David Rennert, 8.5.2022)