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Politiker sprechen von einer Zeitenwende, Industrievertreter von einem Schock, der länger nachwirken wird. Die Rede ist von Putins Angriffskrieg in der Ukraine. Gemeint sind neben den Zerstörungen und dem menschlichen Leid auch die hohen Energiepreise, die mit der russischen Aggression einhergehen.

"Wir müssen uns auf einen stark beschleunigten Strukturwandel einstellen", sagt die deutsche Ökonomin Veronika Grimm im Gespräch mit dem STANDARD. Um kurzfristige Belastungen infolge des möglichen Lieferstopps russischer Energieträger abzufedern, verfügten die europäischen Staaten über "ausreichend fiskalische Spielräume". Die Strukturen in der Industrie so zu erhalten, wie sie sind, sei aber eine Illusion, meint Grimm, die dem Sachverständigenrat der deutschen Bundesregierung angehört.

Auf billiges Gas vertraut

Viele Unternehmen hätten ihre Transformationspfade hin zur Klimaneutralität auf günstiger Energie, insbesondere billigem Gas aufgebaut – und Russland sei mit seinen gewaltigen Reserven ein Garant dafür gewesen, dass das auch lange Zeit so bleibe. Bis zum 24. Februar, als über Nacht Putins Truppen im Nachbarland einmarschierten, sei Russland auch ein verlässlicher Lieferant von Energie gewesen. Diese Erzählung ist spätestens seit Unterbrechung der Gaslieferungen an Polen und Bulgarien in der vergangenen Woche widerlegt.

Veronika Grimm, Ökonomin aus Deutschland und Mitglied des Sachverständigenrats der deutschen Bundesregierung.
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"Man wird jetzt über verschiedene Transformationspfade zu einer nachhaltigen, möglichst CO2-freien Wirtschaft nochmals nachdenken müssen", sagt Grimm. Bisher sei man davon ausgegangen, dass Gas im Transformationsprozess hin zu Klimaneutralität weiter günstig verfügbar sei. Davon müsse man sich verabschieden. Nicht alles an Produktionen, die man in Europa bis vor kurzem noch halten wollte, werde man im Lichte der jüngsten Entwicklung auch halten können.

Stahlproduktion zentral

"Wir sollten den Strukturwandel proaktiv angehen und uns fragen, was die strategischen Vorprodukte und Infrastrukturen sind, die wir auf jeden Fall in Europa haben sollten. Die müssen dann entsprechend abgesichert und wettbewerbsfähig gehalten werden", sagt Grimm.

Als Beispiel nennt die an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg lehrende Ökonomin die Stahlproduktion. Darauf seien große Teile des Maschinenbaus und der Automobilindustrie angewiesen.

Auch bei erneuerbaren Energien sei Europa ein Schrittmacher, wiewohl in der Vergangenheit begangene Fehler vermieden werden sollten. Grimm bezieht sich auf die Solarbranche: In Deutschland groß geworden, hat diese Industrie nicht zuletzt durch Fehler in der Förderpolitik den Anschluss verloren. Heute kommen Module zum Großteil aus China. Die Unterstützung dürfe nicht abreißen, solange eine junge Industrie nicht groß geworden sei und Skaleneffekte erzielen könne.

Wasserstoff statt Gas

Auch in Automatisierung, Medikamentenentwicklung, künstlicher Intelligenz und Digitalisierung sieht Grimm innovationsstarke Bereiche, die Europa in Zukunft neue Chancen eröffnen könnten. Frühzeitig müsse bereits dafür gesorgt werden, dass genügend Fachkräfte dann zur Verfügung stünden, wenn man sie brauche. Die Ökonomin nennt ein Beispiel: "Es werden große Chipfabriken in Europa gebaut, aber die Fachkräfte, die dort arbeiten sollen, fehlen. Das ist kontraproduktiv." Auch müsse man bei alldem darauf achten, dass keine neuen Abhängigkeiten entstehen, wie dies bei Gas der Fall war.

Bei grünem, aus überschüssigem Solar- oder Windstrom gewonnenem Wasserstoff sieht Grimm diese Gefahr nicht. Europa werde auf Importe angewiesen sein, weil es in anderen Regionen der Welt mehr Flächen und insgesamt günstigere Bedingungen zur Herstellung von grünem Wasserstoff gibt. Die Zahl der Länder, die als Lieferanten infrage kämen, sei aber ungleich größer als bei fossilem Gas. (Günther Strobl, 7.5.2022)