Das Kalush Orchestra tritt heuer beim Song Contest für die Ukraine an. Bei den Buchmachern liegt sie in Führung.

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"Sollten wir gewinnen, wird der Eurovision Song Contest nächstes Jahr in einer neuen und blühenden Ukraine stattfinden, davon bin ich überzeugt."

Das sagte der ukrainische Rapper Kalush bei einer Pressekonferenz in Turin, wo er mit dem Kalush Orchestra sein Land bei dem diese Woche stattfindenden Eurovision Song Contest (ESC) vertritt. Ob die veranstaltende European Broadcasting Unit (EBU) zustimmt, bleibt abzuwarten. Bei den Buchmachern liegt der ukrainische Beitrag Stefania jedenfalls auf Platz eins.

Kalush ist ein Rap-Projekt des Künstlers Oleh Psiuk, das nach seiner Heimatstadt benannt ist. Mit dem Kalush Orchestra mixt er Hip-Hop und ukrainische Folklore. Als die Band am 12. Februar bei der ukrainischen Vorentscheidung mit "Stefania" gewann, wusste noch niemand, dass zwölf Tage später der Angriffskrieg Russlands beginnen würde. Im Krieg tauchten Bilder vom Kalush Orchestra in Uniform auf. Ein Mitglied der Gruppe reiste nicht nach Italien, weil es für die Verteidigung Kiews im Einsatz bleibt. Der Rest der Band bekam eine Sondergenehmigung für die Ausreise.

Eurovision Song Contest

Wichtige PR

Für die Öffentlichkeitsarbeit der Ukraine ist eine Teilnahme beim ESC wichtig, "denn an diesem Festival teilzunehmen und womöglich die meisten Stimmen aus Europa zu bekommen, zeigt die Zugehörigkeit zu und die Akzeptanz von Europa", sagt dazu der Politologe Gerhard Mangott, ein Experte für die Region.

Unterdessen schloss die EBU, die Dachorganisation der europäischen Sender, Russland von der Teilnahme am ESC aus. Zu groß wäre die Gefahr gewesen, dass eine Teilnahme den das friedliche Miteinander zelebrierenden Charakter des Wettbewerbs in Verruf gebracht hätte.

Die EBU war unter Druck geraten, da mehrere Länder – am vehementesten Finnland – mit einem Rückzug vom Song Contest gedroht hatten, wäre Russland ein Auftritt in Turin erlaubt worden. Die Entscheidung, ob der russische Sender grundsätzlich aus der EBU ausgeschlossen werden sollte und somit von weiteren Nachrichten-, Sport- oder Kulturprojekten Europas, traf die russische Seite selbst: Sie trat vorsorglich aus.

Keine Propaganda erlaubt

Im Jahr 2021 war das mit Russland verbündete Belarus ausgeschlossen worden. Belarus wollte nach den landesweiten Protesten gegen die Regierung einen Propaganda-Song nach Rotterdam zum Wettbewerb schicken, die EBU schob dem einen Riegel vor und schloss das Land aus.

Präsident Alexander Lukaschenko schaltete sich gern persönlich ein, um den ESC-Beitrag seines Landes zu bestimmen. Selbst dem russischen Präsidenten Wladimir Putin war die jeweilige Vertretung Russlands beim ESC wichtig.

Als Moskau 2009 den Wettbewerb als Gastgeber ausrichtete, inspizierte er persönlich die Arena. Das Interesse des Kreml an der größten Musikshow der Welt nahm aber bald ab, besonders seit Conchitas Sieg 2014. Gerhard Mangott: "Der Song Contest wurde in den letzten Jahren in Russland diskreditiert als Zeichen westlicher Dekadenz, als Prozession von LGBTIQs."

DER STANDARD

Die Geschichte Russlands und der Ukraine beim Song Contest begann freundschaftlich. Russland debütierte 1994, die Ukraine neun Jahre später. Russische Künstler waren in der Ukraine gerngesehene Stars, umgekehrt ebenfalls. Doch aus Freundschaft wurde Rivalität, ab 2014 herrschte nach der Krim-Annexion Russlands an der ESC-Front Krieg. Die Ukraine konnte bereits beim zweiten Antreten 2004 einen Sieg verbuchen, während das Russland erst 2008 gelang.

Buhrufe

Als 2016 die Ukrainerin Jamala in Schweden mit einem Lied über die Vertreibung der Krimtataren im Zweiten Weltkrieg den zweiten ukrainischen Sieg einsackte, lieferte sie sich ein Kopf-an-Kopf-Duell mit dem russischen Sänger Sergey Lazarev – nur kurz nach Beginn des Kriegs in der Krim und im Donbas. Zu Beginn der Rivalität waren es noch harmlose Wortspiele: Als 2007 die ukrainische Dragqueen Verka Serduchka Dancing Lasha Tumbai sang, hörte man nicht zufällig "Russia Goodbye" durchklingen.

Russische Künstler mussten sich ab 2014 Buhrufe des Publikums anhören. Anfangs wegen neuer antihomosexueller Paragrafen, später wegen der Annexion der Krim.

Friedenshymne

Ausgerechnet danach schickte Russland Polina Gagarina zum ESC 2015 nach Wien, um die Friedenshymne A Million Voices zu schmettern. Noch heute singt die Künstlerin gern auf Kreml-Events. Ein ukrainisches Gesetz besagt, dass Einreisen in die Krim nur über die Ukraine erlaubt sind, über Russland auf die Halbinsel einzureisen ist verboten. Das wurde der russischen Künstlerin Yuliya Samoylova zum Verhängnis, die davor in der Krim auftrat und somit nicht zum ESC in Kiew anreisen konnte.

Auch ukrainische Künstler mussten sich vom Eurovision Song Contest zurückziehen, darunter Alina Pash. Sie gewann dieses Jahr die ukrainische Vorentscheidung, konnte aber nicht nachweisen, wie sie 2015 in die Krim gereist war. Somit kam das zweitplatzierte Kalush Orchestra zum Ticket nach Turin. (Marco Schreuder*, 9.5.2022)

Der Fahrplan ins ESC-Finale

Das erste Semifinale beim diesjährigen 66. Eurovision Song Contest in Turin findet am Dienstag statt. Der österreichische Beitrag von Lum!x und Pia Maria wird mit der Startnummer 13 ins Rennen gehen. Das zweite Semifinale folgt am Donnerstag, 12. Mai. Am Samstag, 14. Mai, findet das Finale statt.