Washington D.C. im November 1918: Eine Krankenschwester fühlt einem Patienten, der unter der Spanische Grippe leidet, den Puls. Neue Virenanalysen lassen vermuten, warum die Welle im Herbst 1918 besonders tödlich war.

AP / Library of Congress

Berlin/Wien – Während der Covid-19-Pandemie wuchs in der Wissenschaft das Interesse an der letzten Pandemie, die noch schlimmer war: Die Spanische Grippe, die von 1918 bis 1920 in mehreren Wellen wütete, forderte bei einer Weltbevölkerung von nur etwa 1,8 Milliarden Menschen rund 50 Millionen Tote. Zudem starben durch die damaligen Influenzaviren sehr viel mehr junge Menschen als durch Covid-19.

Es gibt aber auch einige Parallelen: Auch die Spanische Grippe trat in Wellen auf, die auf veränderte Viren zurückgingen, und auch vor über 100 Jahren war nicht die erste Welle die schlimmste. Hoffentlich gibt es noch eine weitere Ähnlichkeit: 1920, nach knapp drei Jahren, verebbten rund um den Globus die Wellen der Spanischen Grippe.

Woran aber lag es, dass die Pandemie endete? Und was passierte mit dem Virus, das so katastrophale Folgen hatte? Bereits im Jahr 2005 konnten Forschende das damalige Grippevirus aus Leichen isolieren, die im Permafrost Alaskas konserviert worden waren. Diese Analysen zeigten, dass der Erreger der Spanischen Grippe eine besonders bösartige Variante des Influenza-A-Virus H1N1 gewesen sein dürfte.

Wenig altes Virenmaterial

Bis vor kurzem gab es weltweit aber nur 18 Virengenome der Spanischen Grippe, nur zwei davon waren komplett, und keines davon stammte aus Europa. Deshalb machte sich ein internationales Team um Thorsten Wolff und Sébastien Calvignac-Spencer (Robert-Koch-Institut in Berlin) auf die Suche nach weiteren Präparaten und wurden in deutschen und österreichischen Sammlungen fündig.

Konserviertes Lungengewebe von Opfern der Spanischen Grippe – aber auch von Grippetoten davor und danach – findet sich etwa auch in der pathologisch-anatomischen Sammlung im Narrenturm, die ursprünglich zur Universität Wien gehörte, nun aber Teil des Naturhistorischen Museums Wien ist. In den beiden Wiener Präparaten, die von Grippetoten vor und nach der Spanischen Grippe stammen, hatten sich zwar keine Viren erhalten, wohl aber in Lungenpräparaten der Charité in Berlin. In einem Fall konnte das Team das Virenerbgut komplett sequenzieren, bei zwei weiteren Proben teilweise.

Die Präparatesammlung der Charité in Berlin, wo das Team fündig wurde.
Foto: Navena Widulin, Berlin

In weiteren Schritten verglichen die Forschenden die ermittelten Virensequenzen mit den bereits sequenzierten Grippeviren von Opfern in den US-Bundesstaaten New York und Alaska und rekonstruierten unter anderem die Veränderungen der Virenvarianten im Lauf der Pandemie. Dabei bestätigten sie im Wesentlichen die bisherigen Erkenntnisse über die Veränderungen des Virus und über die damaligen Pandemiewellen.

Neues Wissen über H1N1

In seinem neuen Beitrag im Fachblatt "Nature Communications" wartete das internationale Team aber auch mit einigen neuen Vermutungen auf. Dass das H1N1-Influenzavirus, das vor allem in Vögeln zu finden ist, im Herbst 1918 so tödlich wurde, lag laut der neuen Studie vermutlich an zwei Mutationen, die das Erbgut der Grippeviren besser vor dem menschlichen Immunsystem schützten als die Virenvarianten davor. Zudem fanden die Forschenden Hinweise darauf, wie sich das Virus im Lauf der Pandemie an seine neuen Opfer angepasst und das Erbgut für die Vermehrung in menschlichen Zellen optimiert hat.

Die wichtigste neue Hypothese betrifft aber die weitere Entwicklung der Grippeviren, die von 1918 bis 1920 so viele Opfer gefordert hatten. Wolff, Calvignac-Spencer und ihr Team fanden nämlich mehrere Hinweise darauf, dass die moderne saisonale H1N1-Grippe nicht nur zum Teil, sondern sogar komplett von dem Influenzavirus der Spanischen Grippe abstammen dürfte.

Was wiederum bestätigen würde, dass die Spanische Grippe 1920 vor allem deshalb zu Ende ging, weil sich die Menschheit gegen dieses Virus und seine Varianten aufgrund der enormen Zahl an Infektionen besser immunisiert hatte. (Klaus Taschwer, 12.5.2022)