Der Teichmolch (Lissotriton vulgaris) ist bei der Wahl seiner Wohnstätte nicht so heikel und siedelt sich auch in naturnahen Gartenteichen an.

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Denkt man an moderne Metropolen, erscheinen nicht unbedingt Bilder artenreicher Lebensräume vor dem geistigen Auge. Dabei ist es insbesondere in Wien nicht abwegig, einige besondere Raritäten des Tierreichs zu Gesicht zu bekommen.

Amphibien zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Entwicklung im Wasser abläuft, sie als Erwachsene aber auch an Land leben können. Rund 6000 Arten gibt es weltweit, wobei der weitaus größte Teil zu den Froschlurchen zählt, die Frösche, Kröten und Unken umfassen. Deutlich weniger umfangreich ist die Gruppe der Schwanzlurche, zu denen Salamander und Molche gehören. Bei den Reptilien – hierzulande durch Echsen, Schlangen und eine Schildkrötenart, die Europäische Sumpfschildkröte, vertreten – sind rund um den Globus mehr als 9000 Arten beschrieben.

Es dürften deutlich mehr sein, doch fast ein Drittel aller weltweit vorkommenden Amphibien und ein Fünftel aller Reptilien sind gefährdet. Verantwortlich dafür ist in erster Linie der Lebensraumverlust. In einer zunehmend intensiv genutzten und versiegelten Welt werden die Habitat-Ansprüche vieler Amphibien und Reptilien kaum noch erfüllt. Gleichzeitig setzen Umweltgifte und der dramatische Rückgang der Insekten und damit des Nahrungsangebots den beiden Gruppen zu.

Refugien im Ballungsraum

Als wäre das alles nicht genug, grassiert unter den Amphibien der Welt seit den 1990er-Jahren auch noch die Chytridiomykose, eine Pilzerkrankung, die die Hautfunktion der Tiere beeinträchtigt und bis zum Tod führen kann. Auch in Österreich wurde der verantwortliche Pilz in allen Bundesländern nachgewiesen. Zu Massensterben, wie sie aus einigen anderen Ländern bekannt sind, kam es aber noch nie. Von den 20 in Österreich vorkommenden Amphibienarten finden sich 17 auch in Wien, ebenso wie neun der 14 heimischen Reptilienarten.

Dass es so viele sind, liegt natürlich zu einem Gutteil daran, dass auch Teile des Wienerwaldes und der Donau-Auen zum Wiener Stadtgebiet zählen, aber wie die Verbreitungskarten im aktuellen Buch des Naturhistorischen Museums Amphibien und Reptilien in der Großstadt zeigen, finden sich etliche Arten auch tiefer in der Stadt, wie Teichmolch, Erdkröte oder Zauneidechse.

Jeder Spezies ist in dem Buch ein Kapitel gewidmet, das neben ihrer Verbreitung in Wien auch Merkmale, Lebensweise, Lebensraum, Nahrung sowie Gefährdung und Schutz behandelt, alles illustriert. Vor allem in den Unterkapiteln zur Lebensweise finden sich zahlreiche interessante Details, etwa dass Kammmolche oft im Handstand um ein Weibchen balzen und sich bei dieser Gruppe nur die Hälfte der befruchteten Eier zu erwachsenen Tieren entwickelt.

Aufgeblasene Kröten

Zu erfahren ist auch, dass sich die Knoblauchkröte bei Bedrohung aufbläht, um größer zu erscheinen, und die harmlose Ringelnatter bei einer potenziellen Gefahr sich neben diversen anderen Abwehrmechanismen wie eine Kobra gebärden kann.

Unter dem Titel "Hörenswert" gibt es außerdem bei allen Amphibienarten, die Lautäußerungen von sich geben, QR-Codes, über die man sich den jeweiligen Ruf anhören kann. Interessant bis unterhaltsam zu lesen sind auch die nicht direkt den Arten zugeordneten Bereiche.

Von Konzerten und Küssen

Deren Themen reichen von Basiswissen zur Wiener Landschaft und der Gefährdung beziehungsweise dem Schutz der heimischen Amphibien und Reptilien über Wissenswertes zum Phänomen "Froschlärm" bis hin zum Biologen, Exzentriker und Lebemann Paul Kammerer, der als "Krötenküsser" in die Geschichte einging. Abseits dessen kommt jedoch auch immer wieder der prekäre Status dieser Tiergruppen in der Welt allgemein und in einer Großstadt im Besonderen zur Sprache.

Neben den eingangs genannten Problemen fallen in Siedlungsgebieten Kröten, Frösche und Molche auf ihren Wanderungen zu den Laichgewässern oft massenhaft dem Straßenverkehr zum Opfer. Auch der Konflikt zwischen Bauträgern und Bewohnern des Donaufeldes im 21. Bezirk um den Lebensraum der Wechselkröte, der in letzter Zeit immer wieder in den Medien thematisiert wird, bleibt in dem Werk nicht unerwähnt.

Wer mithelfen will, die Situation für Kröten, Eidechsen und Co zu verbessern, findet Empfehlungen für eine entsprechende Gartengestaltung ebenso wie Möglichkeiten zu Beobachtungsmeldungen im Rahmen von Citizen-Science-Projekten. Für all jene, die Amphibien und Reptilien gerne in freier Natur sehen möchten, gibt es Tipps für Beobachtungspunkte entlang der Wiener Stadtwanderwege, inklusive eingebetteter Wanderkarten.

Wiener Exoten

Zusätzlich werden Einrichtungen vorgestellt, in denen einige der heimischen Arten (so gut wie) sicher zu sehen sind. Zu diesen gehören etwa die Blumengärten Hirschstetten oder das Besucherzentrum des Nationalparks Donau-Auen in der Lobau. Daneben kommen auch Orte zur Sprache, an denen die Sichtung exotischer Spezies garantiert ist, wie im Tiergarten Schönbrunn oder im Haus des Meeres. So finden alle Interessierten einen Weg, den kuriosen Tieren nachzuspüren. (Susanne Strnadl, 14.5.2022)