Die Omikron BA.4-Variante schiebt aktuell in Südafrika eine neue Infektionswelle an, auch in Österreich werden die Fälle damit langsam mehr. Zumindest bis zum Sommer sollen die Fallzahlen aber stabil bleiben.

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Die Omikron-BA.4-Variante macht weiter Schlagzeilen. In Südafrika verursacht sie nämlich gerade eine neue Covid-Welle mit wieder steigenden Krankenhauseinweisungen. Auch in Europa ist die Variante schon angekommen, in Österreich gibt es im europäischen Vergleich sogar recht viele BA.4-Fälle – und sie werden laufend mehr. Was bedeutet das konkret? Baut sich da gerade die nächste Infektionswelle auf?

Nicht unmittelbar. Die Corona-Neuinfektionen dürften in Österreich bis in den Sommer auf dem aktuellen Level bleiben, teilten die Experten des Prognosekonsortiums am Mittwoch in ihrem wöchentlichen Update mit. Das ist sehr hoch im Vergleich zu den vergangenen Jahren. Aber es ist "nicht davon auszugehen, dass die Infektionszahlen auf die Niveaus der Sommer 2020 oder 2021 sinken werden." Die Zweiwochenprognose für die Spitalsbelegung zeigt aber immerhin noch einen deutlichen Abwärtstrend.

"Den derzeit dämpfend wirkenden, saisonalen Effekten steht die fortschreitende Abnahme des erworbenen Immunschutzes vor Neu- oder Wiederinfektion entgegen. Darüber hinaus haben die Lockerungen vom 16. April mittlerweile vollständig ihre Wirkung entfaltet", begründeten die Forscher den stockenden Abwärtstrend bei den Neuinfektionen. Für den Sommer wird "eine Stagnation auf dem gegenwärtigen Niveau bzw. mittelfristig ein allmählicher Fallanstieg" erwartet, blickten die Experten diesmal auch weiter in die Zukunft.

Südafrika lässt in die Zukunft blicken

Doch was hat es jetzt mit der Omikron-BA.4-Variante auf sich, die sich auch bei uns auszubreiten beginnt? Um zu verstehen, was da genau passiert, helfen ein paar Hintergrundinformationen. Die Omikron-Mutation mit ihren Subvarianten ist nämlich eine Art Premiere im Verlauf der Pandemie, wie Molekularbiologe Ulrich Elling von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erklärt: "Wenn man sich den Wildtyp von Sars-Cov-2 als Baum vorstellt, sind alle bisherigen Mutationen ein Ast, der aus diesem Stamm herausgewachsen ist. Es gibt den Alpha-Ast, den Beta-Ast, je einen für Gamma und Delta und auch einen für Omikron."

Doch der Omikron-Ast entwickelt sich etwas anders als die bisherigen Äste, er verzweigt sich weiter. "Anstatt dass die neuen Varianten, wie bisher, direkt aus dem ursprünglichen Stamm entstehen, haben sich die aktuellen Varianten BA.1, BA.2, BA.4, BA.5, aber auch Untergruppen von BA. 2 wie die New-York-Variante BA.2.12.1, vom Omikron-Ast aus weiterentwickelt. Das kennt man vom Influenza-Virus und anderen Corona-Arten. Bei Sars-CoV-2 passiert das aber zum ersten Mal", weiß Elling.

In Südafrika baut sich aktuell mit den Subvarianten BA.4 und BA.5 – diese unterscheiden sich nur sehr gering und laufen parallel zueinander – eine neue Welle auf. "Die Welle ist derzeit noch eher flach mit einer klaren Tendenz nach oben. Allerdings wird in Südafrika sehr wenig getestet, deshalb ist das Bild nicht sehr exakt." Die Besonderheit dort: Südafrika hatte keine BA.2-Welle, nur eine mit der Variante BA.1. Und Genesene letzterer Mutation haben nur einen sehr geringen Schutz gegen die aktuell grassierenden Varianten – neue Labordaten belegen, dass BA.4 und BA.5 den Immunschutz durch BA.1 sehr gut umgehen können.

Das führt auch dazu, dass die Hospitalisierungszahlen in Südafrika wieder steigen. Es ist aber noch zu früh, um abzuschätzen, wie hoch sie raufgehen werden. Gleichzeitig sei es eine für die restliche Welt sehr spannende Situation, betont Elling: "Die große Frage derzeit ist ja, ob Covid zum normalen Schnupfen wird, wenn wir uns alle mehrmals infiziert haben oder mehrmals geimpft wurden. Das kann man jetzt in Südafrika womöglich erstmals beobachten. Weil statt eines neuen Asts dort gerade auf eine Omikron-Welle eine weitere Omikron-Welle folgt. Das wird für den weiteren Verlauf der Pandemie sehr aufschlussreich."

Massiver Wachstumsvorteil für BA.4

Zurück nach Österreich: Hier breitet sich die BA.4-Variante gerade aus, ihre Verbreitung steigt bereits exponentiell. Das liegt daran, dass sie gegenüber BA.2 einen massiven Wachstumsvorteil hat – dieser dürfte irgendwo zwischen 50 und 100 Prozent liegen, meint Elling, das entspräche in etwa dem Unterschied von BA.1 zu BA.2. Die Fallzahlen sind derzeit aber noch zu gering, um das genauer zu bestimmen.

Dennoch besteht hierzulande keine unmittelbare Gefahr einer neue Welle. Elling: "Derzeit sind die Infektionszahlen konstant, die BA.2-Fälle werden weniger, die BA.4-Fälle beginnen langsam zu steigen. Dazu kommt, dass der Sommer in den Startlöchern steht, dieser saisonale Effekt dämpft eine potenzielle neue Welle – anders als in Südafrika, wo jetzt der Winter kommt."

Ein wichtiger Faktor sind dabei die BA.1-Genesenen, weil BA.4 im Besonderen den Schutz nach einer BA.1-Infektion umgeht. "In Österreich sind etwa 15 Prozent der Bevölkerung von BA.1 genesen, 15 weitere Prozent von BA.2. Die ersten 15 Prozent haben nun nur noch einen geringen Infektionsschutz, ebenso wie jene, die gar kein Omikron hatten. Dazu kommt, dass viele Drittstiche bei den Impfungen schon länger zurückliegen. Das bedeutet, unsere aktuell recht hohe Herdenimmunität geht laufend zurück."

Neues Mutationspotenzial

Es ist also absehbar, dass die Infektionszahlen wieder steigen werden – und sicherlich vor dem Herbst, wie Elling meint. "Man muss davon ausgehen, dass sich das exponentielle Wachstum von BA.4 im Sommer bemerkbar machen wird. Das ist jetzt keine dramatische Situation, und es geht sicher nicht so los wie in Südafrika. Aber das wird kommen."

Die Schwere der Krankheit dürfte aber vermutlich mit den bisherigen Omikron-Wellen vergleichbar sein, auch wenn die Hospitalisierungen in Südafrika aktuell steigen. Das ist auch bedingt durch die höhere Zahl an Neuinfektionen. Elling betont: "Solange der Omikron-Ast des Covid-Baums weiter verästelt, wird sich wahrscheinlich nichts ändern an der Schwere der Erkrankung. Aber dieser Ast wird irgendwann fertig verzweigt sein. Und dann kann es passieren, dass wieder ein ganz neuer Ast austreibt oder dass eine frühere Variante weiter mutiert. Das war ja auch bei Omikron der Fall. Diese Variante ist nämlich aus einer Mutation entstanden, die ursprünglich von Alpha verdrängt wurde. Treibt so ein neuer Ast aus, dann sind die Karten wieder ganz neu gemischt."

Omikron nicht genauso gefährlich wie Delta

Bleibt noch eines zu klären: Zuletzt ist auf Research-Square eine noch nicht Peer-reviewte Studie zur Schwere der Verläufe bei einer Omikron-Infektion gekommen. Der Sukkus der Studie: Auch die Omikron-Variante sei so tödlich wie vorhergehende Mutationen. Ausgewertet wurden dafür die Daten von 130.000 Covid-Infizierten in Massachusetts, Informationen wie der Impfstatus, die das Ergebnis verfälschen könnten, seien herausgerechnet worden.

Allein ein Blick auf die Hospitalisierungszahlen in Österreich zeigt, dass die in der Studie transportierte Information nicht korrekt sein kann. Denn durch die Omikron-Welle sind die Hospitalisierungen hierzulande zwar vergleichbar mit Delta gestiegen, es gab jedoch ein Vielfaches an Infektionen, was durch das hohe Testvolumen bestätigt ist. Die Corona-bedingte Belegung der Intensivstation ist sogar gesunken.

Den wahrscheinlichen Hauptgrund für dieses irreführende Ergebnis, den auch Molekularbiologe Elling betont, erwähnen die Autoren bereits in ihrer Studie: Personen, die zu Hause einen Schnelltest durchgeführt hatten, wurden in die Auswertung der Zahlen nicht eingeschlossen. Damit stimmt aber die Hospitalisierungsrate, also das Verhältnis an Hospitalisierten zu Infizierten nicht, und das gilt besonders für die Omikron-Welle. In den USA wurden im Gegensatz zu Österreich viel weniger PCR-Tests gemacht, und deshalb liegen die registrierten Omikron-Fälle viel niedriger als die tatsächlichen.

Das sieht man auch an den Abwasserdaten, die eine ganz andere Infektionslage anzeigen – und diese Daten lügen nicht, auf die Toilette müssen alle. Das Abwasser ist da sehr demokratisch. (Pia Kruckenhauser, 11.5.2022)