Marko Arnautović bei einem seiner ersten Teamtrainings im Oktober 2008.
Foto: APA/ROBERT JAEGER

Als Bogi Løkin in der 47. Minute zum Torjubel abdrehte, wurden böse Erinnerungen wach. Løkin schoss die Färöer im Heimspiel gegen Österreich am 8. Oktober 2008 mit 1:0 in Führung, und zwischen Boden- und Neusiedler See erschauerte man beim Gedanken an eine Wiederholung des "Wunders von Landskrona". Das Wunder freilich hatte aus Sicht der Färinger stattgefunden, Österreich war 1990 in der EM-Qualifikation in dem Nordseeinselstaat blamabel mit 0:1 untergegangen.

Nun schaute immerhin noch der Ausgleichstreffer heraus, Halbblamage quasi. Einer erinnert sich daran wohl ganz besonders – Marko Arnautović, denn es war sein Nationalteamdebüt. 101 weitere Partien sollten bis heute folgen, die bislang letzte beim 1:2 gegen Dänemark im Nations-League-Gruppenspiel vergangenen Juni.

Ein Gefühl, von dem man nichts hat

Schauplatzwechsel. Am 30. April 2003 hieß Österreichs Testspielgegner Schottland. Im Glasgower Hampden Park wechselte Nationaltrainer Hans Krankl in der 84. Minute Roland Kirchler aus und Andreas Herzog ein. Die sechs Einsatzminuten in seinem 103. Länderspiel waren die letzten des damals hauptberuflich beim SK Rapid tätigen Wieners.

Den alleinigen Rekord an Teamspielen hatte Herzog bereits im Mai 2002 mit seinem 96. Match Toni Polster abgenommen. Noch vor dem Spiel sagte "Herzerl" über die bevorstehende historische Begegnung: "Ein schönes Gefühl, von dem ich aber nichts habe, sollten wir zum Beispiel 0:3 verlieren." 0:3, das wäre angesichts des tatsächlichen Resultats fast ein Erfolg gewesen. Beim Test gegen Deutschland setzte es in Leverkusen eine 2:6-Pleite.

Der Hampden Park beim Anstoß jenes Spiels, in dem Österreichs Rekordteamspieler seinen Rekord aufstellte.
Foto: REUTERS/Ian Hodgson

Herzogs 103 Auftritte stehen also seit über 19 Jahren als Teamspielerekord in den ÖFB-Annalen. In der laufenden Herbstsaison nimmt die Nationalelf noch zwei Nations-League-Termine wahr, am 22. September in Saint-Denis gegen Frankreich und am 25. September in Wien gegen Kroatien. Wenn Teamchef Ralf Rangnick wie bei den vier Juni-Spielen in der Offensive weiter auf Marko Arnautović vertraut, könnte dieser mit Einsätzen in den beiden Partien auf 104 ziehen und Herzogs Rekord hinter sich lassen.

Nehmen wir die mögliche Staffelübergabe als Anlass, die bisherige Jagd nach dem prestigeträchtigen Titel nachzuzeichnen. Und zu schauen, wer von den derzeit Aktiven am ehesten Chancen hat, den Jäger Arnautović zum Gejagten zu machen.

Wenig bekannte Namen

Die Namen der ursprünglichen Titelträger kennen wohl selbst Fußballhistoriker nicht auswendig. Nach dem ersten offiziellen Länderspieljahr, es war 1902, standen elf Kicker auf der Rekordliste. Kein Wunder, nur eine Begegnung war gespielt, und Einwechslungen von der Ersatzbank sollten erst 65 Jahre später ins Reglement finden. Das 5:0 gegen Ungarn am Platz des Wiener AC besuchten laut Wiener Tagblatt "ungewöhnlich viele", nämlich 500 Zuschauer. Am Ende des folgenden Jahres waren drei Partien absolviert, drei Wiener-AC-Akteure hatten sie alle bestritten: Engelbert Schrammel, Johann Studnicka und Josef Taurer.

1905 war Josef Taurer, auch Österreichs Premierentorschütze, mit sechs Spielen erster alleiniger Rekordhalter. Es wurde häufig rotiert in diesen Jahren, und viele Debütanten stießen in die Auswahl vor. So gelang es Taurer, die Höchstmarke für drei weitere Jahre zu behalten, obwohl er seine Teamkarriere noch 1905 beendet hatte.

1908 zog Ludwig Hussak mit Taurer gleich und drehte die Rekordmarke bis 1912 auf 14 Spiele. In seine Nationalteamzeit fiel eine für den Wiener Fußball nachhaltige Sezession: Mit der Mehrheit seiner Mannschaftskollegen verließ Hussak wegen interner Querelen den Vienna Cricket and Football-Club, einen der ersten Fußballvereine Österreichs, und gründete 1911 einen eigenen Klub mit unüblichen, weil violetten Dressen: den Wiener Amateur SV, heute bekannt als FK Austria Wien.

1914 hatte Johann Studnicka zu Hussak und dessen 14 Einsätzen aufgeschlossen. Der Erste Weltkrieg tat dem Fußballbetrieb keinen Abbruch. 1917 trat Österreich zu sieben internationalen Spielen an, so vielen wie nie zuvor. "International" ist freilich ein starkes Wort, fünfmal hieß der Gegner Ungarn, zweimal Schweiz. Die Vielzahl an Spielen erlaubte es "Jan" Studnicka, die Bestmarke innerhalb der vier Jahre bis zu seinem Karriereende 1918 auf 28 Einsätze zu verdoppeln.

Ein Spieler war Studnicka die ganzen 1910er-Jahre hindurch auf den Fersen: Der spätere Hertha-BSC- und Lazio-Rom-Trainer Alexander Popovich nahm Studnicka im April 1921 mit seinem 29. Länderspiel, einem 4:1-Sieg gegen Ungarn, die Krone weg. Drei Partien legte Popovich im selben Jahr noch drauf und kam so auf 32 Spiele. Als er 1923 sein Abschiedsspiel bestritt, hatte den Rekord schon ein anderer übernommen.

Dessen Name war Josef Brandstätter, langjähriger Rapid-Spielmacher und bereits 1911/12 Gewinner der ersten offiziellen österreichischen Fußballmeisterschaft (eine reine Wiener Angelegenheit, versteht sich). 1922 entriss "Seppl" Brandstätter mit seinem 33. Spiel Popovich den Rekord und schraubte den Höchststand weiter auf 42 Spiele. Brandstätters Rekord war keiner für die Ewigkeit, insgesamt trug er den Titel aber neun Jahre, so lange wie keiner vor ihm.

1931 schickte sich Josef Blum an, das zu ändern. Der Left Back der Vienna schaute bereits auf eine elf Jahre währende Nationalteambiografie zurück, als er zu seinem 43. und also dem Rekordmatch antrat. Blums 45. Spiel war schließlich die Geburtsstunde des "Wunderteams" im Mai 1931, das ruhmreiche 5:0 gegen die Weltklasseauswahl Schottlands auf der Hohen Warte. Sechs weitere Spiele bestritt Blum noch, bis er 1933 abtrat. Die 51 Partien sollten erst in den 1950er-Jahren wieder überboten werden.

Der, der sie überbot, gilt heute noch als einer der besten Fußballer seiner Zeit. Ernst Ocwirks 50. Länderspiel war nichts weniger als der größte Erfolg einer ÖFB-Elf: der Sieg über Uruguay im Duell um Platz drei bei der WM 1954 in der Schweiz. Ein Spiel später zog der Austrianer mit Blum gleich und baute den Rekord bis 1956 auf 61 Spiele aus. Da war er erst 30 Jahre alt und nahm noch ein sechsjähriges Engagement bei Sampdoria in Genua an. Teamspiel machte "Ossi" in dieser Zeit aber keines mehr – erst 1962 ein letztes, ehrenhalber.

Ocwirks dreijährige und damit relativ kurze Zeit als Rekordinhaber lag daran, dass sich seine aktive Laufbahn teils mit der eines anderen Giganten im heimischen Fußball überschnitt. Gerhard Hanappi, Galionsfigur ausgerechnet vom Hütteldorfer Lokalrivalen, löste ihn schon 1957 ab und trieb die Bestmarke in nur fünf Jahren auf 93 Spiele empor. Sie hielt weitere 38 Jahre – ganze Karrieren von klingenden Namen wie Herbert Prohaska, Hans Krankl oder Bruno Pezzey zogen vorbei, an Hanappis Performance kratzte aber keiner.

Erst Anton Polster gelang es bei der WM 1998 in Frankreich, ein 94. Match draufzulegen. "Ich müsste schon lügen, würde mich das nicht stolz machen", sagte er vor der 1:2-Niederlage gegen Italien. Nach 15 Partien ohne Polster holte ihn Teamchef Otto Barić im September 2000 noch einmal in den Kader, sodass er sich beim 95. Einsatz, einem Freundschaftsspiel gegen den Iran, unter Standing Ovations im Ernst-Happel-Stadion gebührend vom Nationalteam verabschieden konnte.

Und damit sind wir im Mai 2002 beim 2:6 gegen Deutschland angekommen, als Andreas Herzog in seinem 96. Teamspiel Toni Polster überholte. Sieben Einsätze legte "Herzerl" noch drauf, den letzten als Wechselspieler im Hampden Park. Seither steht also der Rekord und wartet darauf, gebrochen zu werden.

Zehn bisherige Titelträger haben wir nun kennengelernt. Während ihrer jeweiligen Rekordzeit agierten natürlich auch andere Spitzenkräfte im Nationalteam, die es vielleicht nur unglücklicher Umstände wegen nicht ganz nach oben geschafft haben. Schauen wir also auf die Elf* mit den heute meisten Einsätzen in der ÖFB-Geschichte.

Von den historischen Rekordspielern befinden sich Andreas Herzog (103 Spiele), Toni Polster (95) und Gerhard Hanappi (93) nach wie vor in diesem Pool. Und Marko Arnautović (102), der nun nach der Krone greifen könnte. Vervollständigt wird die Liste von den ebenfalls noch aktiven Aleksandar Dragović (100) und David Alaba (93) sowie von Karl Koller (86), Friedrich Koncilia (84), Julian Baumgartlinger (84), Bruno Pezzey (84) und Herbert Prohaska (83).

Dabei hatten weit nicht alle Kandidaten gleichwertige Voraussetzungen, in der finalen Liste zu landen. Denn die Zahl ihrer möglichen Einsätze hängt nicht nur von der jeweiligen Karrieredauer ab, sondern auch von der Menge an Länderspielen, die der ÖFB und seine Dachverbände Jahr für Jahr ansetzen. Und dieses Potenzial nahm über die vergangenen Jahrzehnte tendenziell zu – von durchschnittlich 6,9 Partien pro Jahr in den 1920er-Jahren auf 7,3 in den 1970er-Jahren und schließlich zehn im laufenden Jahrzehnt.

Momentan tätige Fußballer können in einer Karriere von theoretischen 15 Jahren also rund 150-mal im Teamtrikot auftreten. Vor hundert Jahren mussten sich ihre Vorgänger wegen des Pechs der frühen Geburt mit gut zwei Dritteln davon begnügen.

Das folgende Diagramm zeigt die Top Elf der ewigen ÖFB-Einsatzliste noch einmal inklusive all jener Spiele, die sie während ihrer aktiven Zeit im Nationalteam hätten ableisten können. Dadurch wird klar, dass Gerhard Hanappi und Karl Koller deutlich bessere Quoten erzielten als ihre Nachfolger; beide absolvierten jeweils gut 84 Prozent der möglichen Spiele. Der Rest schwankt zwischen 62 und 76 Prozent.

Marko Arnautović bestritt 70,3 Prozent der Teamspiele, die in den Jahren seiner aktiven Zeit ausgefochten wurden. Mit einer Rate wie Hanappi oder Koller würde er heute bei mehr als 120 Spielen halten und hätte Herzogs Rekord bereits 2019 pulverisieren können. Sogar noch mehr wäre für Toni Polster drin gewesen.

Auch eine möglichst frühe erste Einberufung hat Einfluss darauf, wie weit eine Teamkarriere gedeihen kann. Das folgende Diagramm zeigt die Laufbahnen der Rekord-Elf nach ihren Nationalteameinsätzen. Farblich hervorgehoben sind Noch-Spitzenreiter Andreas Herzog und sein erster Verfolger Marko Arnautović.

Die Verlaufskurven ähneln einander; das ist naheliegend, da Nationalteamkarrieren oft noch im Teenageralter oder den frühen Zwanzigern beginnen und bis Anfang, Mitte dreißig fortdauern.

Die langjährige Darstellung zwischen Gerhard Hanappis Debüt 1948 und heuer erleichtert den Vergleich nicht unbedingt. Normiert man aber das jeweilige Alter der elf Spieler und legt die Kurven übereinander, so zeigen sich deutliche Unterschiede. Die beiden rechten Linien stehen für die Spätzünder Karl Koller und Friedl Koncilia.

Córdoba-Goalie Koncilia hielt mit 24 Jahren erst bei vier Länderspielen. Das war einer dichten Konkurrenz auf der Position des Schlussmanns geschuldet, Teamchef Leopold Stastny rotierte von 1970 bis 1972 zwischen nicht weniger als sieben Torhütern. David Alaba hingegen hatte im Jahr seines 24. Geburtstags bereits mehr als 50 Spiele in den Beinen.

Andreas Herzog und Marko Arnautović bewegten sich stets etwa in der Mitte des Feldes, Herzogs Kurve flachte in der zweiten Hälfte seiner Zwanziger aber etwas ab. So kam es, dass Arnautović sein 102. und bisher letztes Länderspiel mit 33 Jahren und einem Monat absolvierte, Herzog war bei seinem 102. Match bereits 34 Jahre und sechs Monate alt.

Ohne gröbere Verletzung und bei für einen Knipser anhaltender Fitness wäre es Arnautović also zuzutrauen, einen etwaigen Rekord noch deutlich auszubauen. Wie lange der dann halten könnte? Damit begeben wir uns natürlich ins Reich der Spekulationen.

Alaba ist der heißeste Kandidat

Fest steht, dass es unter den derzeit Aktiven zwei Kandidaten für weitere Rekordhalter gibt. Denn David Alaba liegt mit 94 Spielen nur acht Stück hinter Arnautović, ist aber ganze drei Jahre jünger. Wenn der Real-Madrid-Legionär noch fünf Jahre auf internationalem Niveau kickt und seinen Jahresschnitt hält, könnte er den Rekord bis 2027 auf deutlich über 130 Spiele drehen.

Noch knapper auf den Fersen ist Arnautović der ebenfalls serbischstämmige Innenverteidiger Aleksandar Dragović. Im Frühjahr hätte sich diese Geschichte gut und gerne um Dragović drehen können, denn bei seiner Lage von 100 Spielen hätten dem 31-Jährigen die vier Juni-Spiele in der Nations League genügt, um Herzog hinter sich zu lassen. Allein, Neo-Teamchef Rangnick verzichtete überraschend auf eine Einberufung der vormaligen Stammkraft.

Abseits von Alaba und Dragović ist derzeit kein ernstzunehmender Herausforderer in Sicht. Ex-Kapitän Julian Baumgartlinger steht mit 34 Jahren bei 84 Spielen. Obwohl er offiziell noch verfügbar ist, liegt sein letztes Match in der Auswahl 15 Monate zurück.

Dahinter folgen auf der Liste der noch Aktiven mit den meisten Spielen Marcel Sabitzer (28 Jahre, 64 Einsätze), Stefan Ilsanker (33 Jahre, 61 Einsätze) und Michael Gregoritsch (28 Jahre, 39 Einsätze). Ohne einen Totalausfall Alabas wird es sowohl für sie als auch für alle anderen momentanen Teamkicker schwierig bis unmöglich, sich ganz oben auf der ewigen ÖFB-Einsatzliste festzusetzen. (Michael Matzenberger, 19.9.2022)