Die wenigen, die den Story-Modus des Spiels "Star Wars: Battlefront 2" durchgespielt haben, wissen, dass dort eine Frau eine wichtige Rolle spielen durfte.

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"Als ich an Star Wars: Jedi Fallen Order gearbeitet habe, wollte das Team eine Frau als Hauptfigur oder einen schwarzen Protagonisten", schreibt die Spiele-Entwicklerin Nora Shramek via Twitter. Beide Vorschläge seien jedoch abgelehnt worden, und stattdessen war der Held der 2019 veröffentlichten Geschichte, verpackt in ein Action-Spiel, ein weißer Mann – Cal Kestis. Mit der Kritik schlägt sie in eine Kerbe, denn der Games-Branche wird seit Jahren Diskriminierung vorgeworfen. Sich selbst kommentierend und auf ein von einem Ex-Kollegen unpassendes Kommentar antwortend, schreibt Shramek: "Die Games-Branche ist rassistisch, frauenfeindlich und homophob."

Chance verpasst

Dass die Branche ein Problem mit Sexismus hat, wurde in den letzten Jahren mehrfach aufgedeckt und hatte zumindest bei manchen Firmen danach auch personelle Konsequenzen. Was die Darstellung von Frauen in Videospielen angeht, sorgte vor allem die mehrteilige Videoreihe von Medienkritikerin Anita Sarkeesian für Aufsehen. In ihrer Analyse, die Spiele der Jahre 2013 bis 2017 miteinbezog, stellte sie eindrucksvoll dar, zu welch sexistischer Objektifizierung es in der digitalen Unterhaltung oftmals kam. Kenner der Szene erinnern sich an die in der Folge als Gamergate-Kampagne zu traurigem Ruhm gekommenen Angriffe auf Sarkeesian und andere Frauen in der Games-Branche.

Auch wenn seitdem offenbar in vielen Studios der tagtägliche Sexismus kein Ende fand, wurde zumindest die Darstellung von Frauen in Spielen häufiger und auch weniger passiv. Sieht man sich die Verkaufscharts der letzten zehn Jahre an, finden sich kaum noch Spiele in den Top Ten, die offensichtlich von einem männlichen Helden abhängig waren. 2021 führte etwa Call of Duty: Vanguard die Charts in den USA an, in dem man auch die Sanitäterin Polina Petrova spielt, die eindrucksvoll ihre Frau steht. In den meisten Spielen, etwa Far Cry 6, konnte man das Geschlecht wählen, oder es war nicht relevant – Stichwort Madden oder Pokémon.

In "Star Wars: Jedi Fallen Order" ist zumindest die Zusammenstellung des Teams diverser als in anderen Videospielen.
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Vor zehn Jahren waren die doch stark von Männern dominierten Blockbuster Halo 4, Assassin’s Creed 3 und Call of Duty Black Ops 2. Fünf Jahre später zeigte sich vor allem der japanische Konzern Nintendo mit seinen zwei Blockbustern Super Mario Odyssey und Zelda: Breath of the Wild wenig divers – die Breath of the Wild Fortsetzung könnte ja tatsächlich Zelda als spielbaren Charakter haben, will man den vor viel zu langer Zeit veröffentlichten Trailer glauben schenken. Immerhin kämpfte sich schon 2017 ein Spiel namens Horizon: Zero Dawn in die Charts, die sonst erneut von Sportspielen und Shootern dominiert wurden.

Auch schwarze Heldinnen beziehungsweise Helden kann man an einer Hand abzählen. Miles Morales wäre ein gutes Beispiel, der sein eigenes Blockbuster-Spider Man-Game spendiert bekam, während Hollywood weiter an Peter Parker festhält. Im Vorjahr präsentierte sich der spannend inszenierte Shooter Deathloop mit gleich zwei schwarzen Figuren – Colt Vahn und seiner Widersacherin Julianna Blake. Der populäre Shooter Apex Legends hat mittlerweile sogar drei spielbare Heldinnen mit dieser in Spielen noch immer selten zu sehenden Hautfarbe.

"Deathloop" verzichtet vollständig auf weiße Protagonistinnen.
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Zu "woke"

Was uns zur anfänglichen Diskussion zurückbringt, warum das Spiel Jedi Fallen Order einen weißen Spielcharakter gebraucht hat. Die Begründung der Verantwortlichen bei Respawn Entertainment war damals offenbar, dass in der Film-Franchise gerade eine Frau die zentrale Rolle innehatte und im Spiel bereits zwei prominent platzierte Charaktere mit schwarzer Hautfarbe zu finden waren. Shramek nennt es eine "verpasste Chance", an der weder der Publisher EA oder Disney Schuld hätten, sondern einzelne "Individuen", die einen Unterschied hätten machen können.

In den Kommentaren wird – wie immer bei diesem Thema – sehr emotional argumentiert. Viele stimmen Shramek zu und meinen, der Charakter sei ohnehin kein besonders gut inszenierter Charakter gewesen und die Story hätte unabhängig von Geschlecht und Hautfarbe genauso funktioniert. Andere wiederum verstehen die Aufregung nicht. "Können wir bitte mit diesem mit Gewalt auf 'Woke' getrimmten Mist aufhören und darauf hoffen, dass Entwickler einfach gute Spiele machen", versucht ein User die Diskussion im Keim zu ersticken.

Mit Kommentaren wie diesen ist bewiesen, dass wir weiterhin einen langen Weg vor uns haben, den Entwickler und Käufer von Spielen gemeinsam gehen müssen. Der technologische Fortschritt erlaubt mittlerweile, dass man mit Charakter-Editoren sehr einfach einen Avatar erstellen und diesen dann auch in Zwischensequenzen importieren kann. Das soll nicht angewendet werden, wenn ein bestimmter Charakter aufgrund seiner Geschichte eine bestimmte Hautfarbe oder ein Geschlecht haben sollte – aber zumindest bei jenen, bei denen es tatsächlich keine Rolle spielt, darf man ruhig künftig mehr Rücksicht auf weniger repräsentierte Gruppen nehmen. Das ist nicht "woke" oder "politisch korrekt" – das sollte selbstverständlich sein. (Alexander Amon, 14.5.2022)