Die Niederlage war absehbar. Bei einer Abstimmung im Senat verfehlten die US-Demokraten am Mittwochabend krachend die erforderliche Mehrheit für ihr liberales Abtreibungsgesetz. "Es ist wichtig, dabei ertappt zu werden, dass wir es versucht haben", erläuterte die Abgeordnete Cheri Bustos die Taktik: "Wir werden alles tun, um das herauszustreichen."

Eine Demonstrantin vor dem Supreme Court am Mittwoch. Viele befürchten wegen des bevorstehenden Supreme-Court-Urteils das Ende des liberalen Abtreibungsrechts – und die Rückkehr in gefährliche Zeiten für ungewollt Schwangere.
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Ob das politische Kalkül aufgeht, wird sich spätestens bei den Kongresswahlen im Herbst zeigen. Die drohen für die Partei zum Debakel zu werden, bei dem sie die bisherigen hauchdünnen Mehrheiten in beiden Kammern verlieren. Doch nun glauben die Strateginnen, mit dem bevorstehenden Urteil des Obersten Gerichts und dem danach drohenden Verbot des Schwangerschaftsabbruchs in vielen Bundesstaaten ein wichtiges Argument zur Mobilisierung ihrer Basis und auch unabhängiger Wähler gefunden zu haben.

Hoffnung auf neuen Anlauf im Jänner

"Das Abstimmungsergebnis zeigt klar, dass die Mehrheit des Senats in der Sache nicht auf der Seite der Mehrheit der Amerikaner steht", erklärte Vizepräsidentin Kamala Harris nach der Ablehnung des Gesetzesentwurfs, der mit der bundesweiten Festschreibung des Rechts auf Abtreibung den erwarteten Supreme-Court-Spruch ins Leere laufen lassen sollte: "Die Priorität für alle, denen dieses Thema wichtig ist, sollte nun sein, Politiker zu wählen, die die Wahlfreiheit unterstützen." Ähnlich äußerte sich Präsident Joe Biden. Wenn die Bevölkerung genügend Demokraten wähle, könne der Kongress "dieses Gesetz im Jänner verabschieden und auf meinen Schreibtisch legen, damit ich es unterzeichnen kann".

Das freilich ist nicht nur angesichts der Umfragewerte eine optimistische Betrachtung. Das jüngste Abstimmungsergebnis im Senat zeigt nämlich, dass derzeit bei dem Thema die Demokraten nicht einmal ihre eigene Mehrheit zusammenbringen. 60 der 100 Stimmen der Kammer wären erforderlich gewesen, um das Abtreibungsgesetz voranzubringen. Demokraten und Republikaner verfügen über jeweils 50 Vertreterinnen und Vertreter. Am Ende votierten 49 Senatoren für das Gesetz und 51 dagegen, weil auch der rechte demokratische Senator Joe Manchin mit Nein stimmte.

Manchin als Hassfigur

Manchin ist mit gutem Grund zur Hassfigur der linken Demokratinnen und Demokraten geworden. Allerdings argumentiert der Vertreter des konservativen Bundesstaats West Virginia im vorliegenden Fall nicht zu Unrecht, dass der von der Partei betriebene Women’s Health Protection Act über das bestehende Abtreibungsrecht hinausgehen würde. Bislang gibt es kein Bundesgesetz. Doch das bahnbrechende Verfassungsgerichtsurteil "Roe gegen Wade" von 1973 untersagt den Bundesstaaten, Abtreibungen bis zur Lebensfähigkeit des Fötus (in der Regel wird diese in der 24. Woche angesetzt) zu kriminalisieren. Wenn diese Vorgabe nun im Sommer, wie erwartet, vom Gericht gekippt wird, wollen mehr als die Hälfte der Bundesstaaten Schwangerschaftsabbrüche de facto verbieten.

Auch der rechte demokratische Senator Joe Manchin stimmte am Mittwoch mit Nein.
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Der Women’s Health Protection Act würde Frauen ein regelrechtes Recht auf Abtreibung einräumen und viele bestehende Auflagen wie verpflichtende Ultraschalluntersuchungen, Wartezeiten und Zulassungspflichten für Abtreibungskliniken verbieten. Zudem würde er Spätabtreibungen legalisieren, wenn der Arzt oder die Ärztin "ein Risiko für das Leben oder die Gesundheit der Mutter" feststellt. Das geht Manchin und auch den beiden moderaten republikanischen Senatorinnen Lisa Murkowski und Susan Collins, die für eine Freigabe der Abtreibung bis zur 15. Woche plädieren, zu weit. Theoretisch könnte eine solche Begrenzung einen Kompromiss darstellen. Doch in der polarisierten öffentlichen Stimmung in den USA erscheint es wenig wahrscheinlich, dass sich der Senat darauf einigt. So könnte das Abtreibungsrecht tatsächlich zum beherrschenden Thema der bevorstehenden Kongresswahlen werden. (Karl Doemens aus Washington, 12.5.2022)