Turin – Die Buchmacher lagen im zweiten Semifinale besser als im ersten. Während am Dienstag einige Überraschungen zu verzeichnen waren, endete die Show am Donnerstag erwartbar. Lediglich das bei den Buchmachern zehnplatzierte Malta schaffte es mit "I Am What I Am" von Emma Muscat nicht ins Finale.

Die einzige Überraschung lieferte der rumänische Latino-Pop-Beitrag von WRS (Urs ausgesprochen). "Llámame" war vor allem in der Turiner Pala-Olimpico-Halle ein Hit, die Inszenierung lud zum Mitsingen und Mittanzen ein. Offenbar steckte diese Freude auch die Menschen vor den Fernsehbildschirmen Europas an.

WRS aus Rumänien performt den Song "Llámame" während des zweiten Halbfinales beim Eurovision Song Contest in Turin, Italien.
Foto: AP/Luca Bruno

Die Buchmacher hatten Andrei-Ionuț Ursu alias WRS nicht auf dem Radar. Der Sänger war bei der rumänischen Vorausscheidung homophoben Attacken ausgesetzt. Der Finaleinzug wird ihn ermutigen.

James-Bond-R&B und schwedischer Reißbrettpop

Die großen Favoriten setzten sich alle durch: Cornelia Jakobs aus Schweden präsentierte "Hold Me Closer" barfuß und stimmsicher. Sie gilt für die Finalshow als eine der Favoritinnen.

Cornelia Jakobs aus Schweden singt "Hold Me Closer".
Foto: EPA/A. Di Marco

Ochman aus Polen, dessen Song "River" an den niederländischen Siegersong von 2019 erinnert, "Arcade" von Duncan Laurence, setzte sich wie erwartet durch. Geschrieben hat diesen Song neben anderen Ashley Hicklin, der am österreichischen Song 2021, "Amen" von Vincent Bueno, beteiligt war.

Das australische Coming-out-Drama "Not the Same" von Sheldon Riley konnte sich ebenso qualifizieren wie moderner Dancepop aus der Tschechischen Republik, James-Bond-R&B aus Belgien, Spaghetti-Western aus Estland und schwedischer Reißbrettpop aus Aserbaidschan. The Rasmus aus Finnland war der bekannteste Name im Line-up des zweiten Halbfinales. Mit "Jezebel" werden sie am Samstag im Grand Final dabei sein.

The Rasmus aus Finnland tritt mit dem Lied "Jezebel" auf.

Serbien war vorab schwer einzuschätzen. Mag Europa Konzeptkunst beim ESC? Die Künstlerin Konstrakta veröffentlichte eine Trilogie mit ironischen Songs und entschied sich, mit einem der Songs beim serbischen Vorentscheid anzutreten.

Konstrakta aus Serbien treten mit dem Lied "In Corpore Sano" auf.
EPA/Alessandro Di Marco

Sie gewann, und in Serbien entstand ein regelrechter Hype um den Song "In Corpore Sano" Die Handchoreografie sei vom K-Pop inspiriert, verriet die Künstlerin dem Podcast "Merci, Chérie".

Gesamtkunstwerk für San Marino ausgeschieden

Ausgeschieden ist Italiens Superstar Achille Lauro. Füllt das Gesamtkunstwerk, das für San Marino antrat, in seiner Heimat sonst die Hallen, konnte er jedoch Europa damit nicht überzeugen. Die laszive Performance fand nicht genug Anhänger.

Achille Lauro trat für San Marino mit dem Lied "Stripper" auf – und schied aus.
Foto: EPA_Alessandro Di Marco

Der exaltierte israelische Beitrag scheiterte ebenso wie das Indie-Projekt Circus Mircus aus Georgien, dünner Balkansound aus Zypern, blasser Pop aus Irland und Balladen aus Montenegro und Nordmazedonien.

Andromache aus Zypern performt den Song "Ela".
Foto: APA_AFP_MARCO BERTORELLO

Die Show war von den Moderatoren Laura Pausini, Alessandro Cattelan und Mika etwas humorvoller präsentiert als das etwas trocken geratene erste Semifinale. Il Volo, die drei Tenöre, die beim Song Contest in Wien die meisten Televote-Stimmen erhielten, konnten nur zu zweit als Pausen-Act auftreten. Ein Corona-Fall sorgte für eine pragmatische Lösung: Der erkrankte Gianluca Ginoble wurde über den LED-Screen eingeblendet.

Ein Fazit kann nach den beiden Halbfinalen gezogen werden: Qualitativ reicht der Jahrgang 2022 nicht an die Vielfalt und Qualität der Songs der Rotterdamer Ausgabe im Vorjahr heran. (Marco Schreuder*, 13.5.2022)

Marco Schreuder ist Mitglied des Bundesrats für die Grünen und seit 2012 für den STANDARD beim ESC als Spezialist vor Ort. Heuer berichtet er aus Turin. Auf seinem Blog https://mercicherie.at gibt es zahlreiche Podcasts zum diesjährigen Song Contest zu hören.

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