Das waren noch Zeiten! Das Büro war zu, die digitale Kachel zeigte nur das Oben. Jetzt geht es vielfach wieder ins Büro, wieder zu Kundenterminen.

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Es gab die Zeit der peinlichen Hoppalas vor laufender Kamera während des Lockdowns. Dann kam nach und nach eine Art Lässigkeit in die digitalen Konferenzen – Führungskräfte ohne Sakko, ohne Krawatte. Manchmal im lockeren Pulli und mit einem Habitus, der so ganz und gar nicht zum üblichen Statusgehabe passte.

Jetzt geht es in den meisten Firmen wieder zurück ins Büro und zumindest teilweise physisch zurück zu Kunden. Das alles geschieht unter den großen Überschriften einer "neuen Arbeitskultur", einem "neuen Normal". Die Frage, was das nun für den Dresscode – bekannt aus vorpandemischen Zeiten – bedeutet, stellt sich damit jetzt auch. Und das ist, wie eine aktuelle Umfrage des Beraterhauses Bearingpoint zeigt, keine leichte Sache.

Harte Fronten

Über 1000 Büromenschen in Deutschland und Österreich haben sich dafür Workshops, Interviews und Befragungen gestellt. Schwerwiegende Erkenntnis: Befürworter und Gegner eines fest in der Organisation kodifizierten Dresscodes stehen einander vollkommen unvereinbar gegenüber. "Das erfüllt alle Merkmale eines Stellvertreterkrieges. Im wahren Kampf geht es um die agile Transformation unserer Arbeitswelt. Es entsteht ein Dresscode-Dilemma für Führungskräfte", erklären die Berater von Bearingpoint.

Denn entweder würden Mitarbeitende, die es nun lockerer wollen, vergrault. Oder man irritiere Kunden und Geschäftspartner, wenn die neue Kleiderordnung zu casual gehalten ist.

Klar jedenfalls: Sich einem Dresscode wie früher zu unterwerfen – das wollen die Befragten nicht. Nur zwei Prozent sehen sich künftig täglich mit Krawatte oder Halstuch am Schreibtisch, auch wenn sie täglich im Büro sind. Man hat sich an die Lockerheit gewöhnt – und offenbar sind Menschen auch nicht mehr gewillt, ihre Schränke mit Businesskleidung vollzustopfen. Laut Bearingpoint lagen die Ausgaben für Businesskleidung während der Pandemiejahre 2020/21 bei rund 480 Euro. 2019 wurden durchschnittlich noch über 1700 Euro für die richtigen Anzüge, Kostüme, Krawatten und Hemden im Jahr ausgegeben.

Dass bei wichtigen Terminen im Büro formal akzeptiert wird, bringt diese Studie auch zutage. Also, Termin mit Chef: Anzug. Am ehesten stimmen da Mitarbeitende der Automotive- und Industrial-Manufacturing-Unternehmen zu. Banking- und Capital-Markets-Mitarbeiter sehen das nicht ganz so strikt.

Insgesamt werde sich, so diese Studie, Bürokleidung wandeln. Denn immerhin fast zwei Drittel sagen mittlerweile Ja zu T-Shirt und Sweatshirt im Büro.

Und der Status?

Allerdings rechnen die Befragten offenbar mit einer gewissen Hartnäckigkeit in der Statuszuschreibung via Bekleidung. Denn über 80 Prozent sehen für Berater in ganz formaler Businesskleidung höhere Tagsätze.

Ein Thema bleibe die Arbeitskleidung ihrer Bürobelegschaft für Führungskräfte so oder so, lautet das Fazit. Denn zu bedenken sei überdies, dass nach über zwei Jahren Pandemie viele gar keine passende Bürokleidung mehr hätten, keine kaufen wollten oder – wenn es um neue Kolleginnen und Kollegen geht – die Orientierung für das Was fehle.

Da sei auch ein möglicher Verlust gemeinschaftlicher Kultur, manifestiert in gemeinsamer Kleidung, im Büro mitzudenken.

Die geforderte Neuordnung der Arbeit nach dem gewaltigen Schub durch die Pandemie hin zu einer Remote World of Work erstreckt sich jedenfalls auch auf die Kleidung bei der Arbeit. Menschen, die man im Unternehmen haben möchte, einfach ins Büro zu befehligen, geht nicht mehr. Menschen, die für die Firma wichtig sind, einfach wieder dorthin zurückzusetzen, wo sie 2019 bereits waren, klappt auch nicht.

Einfach Desksharing anzuordnen führt, das zeigen Umfragen aktuell, nicht zu Zufriedenheit. Die Bestellung des Sitzplatzes, der organisatorische Aufwand und das Gefühl, die Heimat im Büro ganz verloren zu haben, machen nicht happy. Oder bringen zumindest Murren, das der Organisation nicht guttut.

Aushandeln

Einfach jetzt einen Bekleidungscode anzuordnen, der den Chefinnen und Chefs passt, sagt Bearingpoint, sei auch keine gute Idee in Zeiten von Fachkräfte- und Personalmangel. Die Führungsriege müsse sich, erfreut oder nicht, auch um die Bekleidung in der Firma anders kümmern.

Und gibt es einen Rat, wie diese Neuordnung am besten zu bewerkstelligen sei – apropos Dilemma? Besser sei, die Dresscodes für die jeweiligen beruflichen Anlässe und Umfelder mit der Belegschaft auszuhandeln. Den "einen passenden" für jeden Arbeitstag im Jahr werde es wohl nicht mehr geben. "Dann besteht kein Widerspruch zwischen einem Casual im Homeoffice und einem Semi-Formal Business beim Termin mit den Geschäftspartnern." (Karin Bauer, 16.5.2022)