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Eine ukrainische Mitarbeiterin der Delegation fasste recht pragmatisch zusammen, was passierte: Im Grunde kann ein Europäer wenig gegen den Angriffskrieg Russlands unternehmen. Machtlos sieht man täglich Brutalität, Tod, Flucht, Horror. Was man zumindest machen kann, ist beim Eurovision Song Contest einen Anruf tätigen. Das hat man selbst in der Hand. Genau das dachten sich viele Europäer und riefen in Rekordzahl an. 439 Punkte beim Televoting, die an die Ukraine beim heurigen Song Contest gingen, sind ein Rekordergebnis,.

Eurovision Song Contest

Die Jurys sahen die Ukraine nicht vorne. In deren Ergebnis erreichte "Stefania" den vierten Platz. Großbritannien war der große Jurysieger. Der Kandidat Sam Ryder musste sich mit "Space Man" am Ende mit dem zweiten Platz begnügen. Einer Karriere dürfte das jedoch nicht im Weg stehen.

Eurovision 2023

Bis zum Herbst wird wohl offen bleiben, wo 2023 der Eurovision Song Contest ausgetragen wird. Die ukrainische Delegation betont selbst, dass der Austragungsort einer sein muss, in dem Frieden herrscht und die Sicherheit aller gewährleistet werden kann. Man hofft freilich auf baldigen Frieden und Sicherheit im eigenen Land. Oder zumindest im Westen des Landes. Stockholm und Polen haben sich bereits als Alternativen angeboten. Wien noch nicht. Die EBU bleibt neutral und sagt, es gäbe Fristen und Vorgaben, die eingehalten werden müssen.

Erster Hip-Hop-Sieg

1995 wurde zum ersten Mal Rap zum Eurovision Song Contest geschickt. Seither gab es zahlreiche Versuche mit dem Genre zu punkten, doch wenige erfolgreiche. Der sehr kreative Umgang von Kalush als Rap-Truppe mit Folklore öffnet auch hier Perspektiven für Hip Hop beim Wettbewerb.

Kalush betont in der Siegerpressekonferenz, dass Hip Hop die beliebteste Musikrichtung der Welt sei. Er glaubt, dass man sich in acht Jahren wundern wird, wenn mal kein Hip Hop-Song den Wettbewerb gewinnen wird.

Der ukrainische Sieg kam nicht unerwartet. Wer glaubt, es gehe beim ESC nur um den besten Song, irrt. Die Formel lautet: Emotionen bei den Menschen wecken, um sie zu mobilisieren, damit sie sich am Ende der Show an den Beitrag erinnern und anrufen. Der Song muss zudem künstlerisch, gesanglich und handwerklich gut inszeniert und gesungen sein, damit man Fachjurys überzeugt. Dem Kalush Orchestra gelang genau das.

Authentizität gefragter als Perfektion

Bei den Televotes verstärkte sich eine Tendenz, die bereits seit einigen Jahren zu beobachten ist. Technisch perfekte Songs, die für das Formatradio angepasst werden, haben kaum noch Erfolg. Der Siegersong aus der Ukraine, Folk-Punk aus Moldau und ironische Kunst aus Serbien waren besonders gefragt. Nur Spaniens Chanel punktete mit "Slo-Mo" und Latino-Pep bei beiden, was ihr schlussendlich den 3. Platz einbrachte.

Chanel punktete bei der Jury und beim Publikum.
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Im Gegensatz zum Televote dürften Jurys anfällig für Korruption sein. Die EBU hat kurz nach dem Finale bekannt gegeben, dass sie Unregelmäßigkeiten in den Jurypunkten der Semifinales festgestellt hat und Untersuchungen anmeldet. Mehr ist vorerst nicht bekannt.

Perspektiven für Österreich

Das Finale fand ohne österreichischer Beteiligung statt. Seit Cesár Sampson 2018 konnte sich kein Song mehr fürs Finale qualifizieren. Auch "Halo" von Lum!x und Pia Maria nicht.

Österreich schied im ersten Semi aus.
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Die größte Musikshow der Welt war für eine 18-jährige Sängerin ohne Erfahrung wohl zu groß. Der ORF sollte aus diesem Fehler lernen. Zum Beispiel mit einer österreichischen Vorausscheidung. Der ORF wäre gut beraten hier längerfristig mit der Branche zu planen.

Auf Radiotauglichkeit zu setzen kann jedenfalls keine Lösung sein. Das bewies Deutschland. Der NDR ließ alle Radiosender im ARD-Verbund eine Auswahl treffen. Ergebnis: Letzter Platz.

Vielleicht schafft es 2023 ein österreichischer Beitrag wieder ins Finale des Song Contests. Vielleicht in einer Ukraine ohne Krieg. Was Schöneres kann man Europa nicht wünschen. (Marco Schreuder* aus Turin, 15.5.2022)