Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un ist mit der Reaktion seiner Fachleute auf die Corona-Pandemie nicht zufrieden, sagt er.

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Zweieinhalb Jahre hätte es zur Vorbereitung gegeben. Doch die Corona-Welle, die nun Nordkorea erfasst hat, scheint das Land trotzdem fast unvorbereitet zu treffen. 1,2 Millionen Menschen sollen mittlerweile symptomatisch erkrankt sein, mehr als vier Prozent des 25-Millionen-Einwohner-Staats. Von ihnen stehen rund 500.000 laut offiziellen Zahlen in Behandlung. Gestorben sein sollen 50 – sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei aber um eine massive Untertreibung. Denn geimpft ist in Nordkorea, ebenfalls nach offiziellen Angaben, niemand. Und auch Teilimmunität durch frühere Infektionen, so wie mittlerweile fast überall im Rest der Welt, gibt es nicht. Machthaber Kim Jong-un spricht von "den größten Turbulenzen", in denen sich das Land seit Staatsgründung vor einem Dreivierteljahrhundert jemals befunden habe.

Dafür, dass es ernst ist, spricht nicht zuletzt Kims Verhalten. Er hat in einem Treffen des Politbüros das "unverantwortliche Handeln" der Gesundheitsfachleute in seinem Land gerügt. "Kabinettsmitglieder und Beamte in der öffentlichen Gesundheit, die für Medikamente zuständig sind, haben nicht die Ärmel hochgekrempelt", zitiert ihn die staatlich eng kontrollierte Arbeiterzeitung "Rodong Sinmun". Zudem hätten sie das Ausmaß der Krise verkannt. Nun würden vielfach Menschen leiden, weil es nicht genügend Medikamente gebe – oder auch, weil sie mit den vorhandenen Mitteln nicht korrekt versorgt würden, soll Kim laut den Angaben des Propagandamediums weiters gesagt haben.

Tod durch die "Fiebererkrankung"

Tatsächlich scheint es bereits bei der Diagnose der Krankheit grobe Mängel zu geben. Nur etwa 65.000 Tests hat das Land seit Ausbruch der Pandemie vor zweieinhalb Jahren gemeldet, das sind weniger, als Österreich noch immer jeden Tag durchführt. Daher sind strenggenommen auch noch immer kaum Corona-Fälle in Nordkorea bestätigt. In den staatlichen Angaben ist vage von einer "Fieber-Erkrankung" die Rede, die sich im Land ausbreite. Nur einer der bisher angeblich 50 Toten ist nachgewiesenermaßen wirklich an Corona verstorben. Allerdings lässt auch Nordkorea wenig Zweifel daran, dass man als Hintergrund der grassierenden Krankheitswelle das Coronavirus – konkret die Omikron-Variante BA.2 – vermutet.

Der Staat steht nun vor schwierigen Entscheidungen. Bisher hatte Nordkorea sich ja durch strikte Abschirmung vom Ausland vor dem Eindringen des Virus geschützt. Dass es, wie von der Regierung behauptet, seit Februar 2020 wirklich null Fälle gegeben hat, glauben zwar viele Fachleute nicht – offensichtlich ist aber, dass durch die Abschirmung bisher eine große Welle vermieden werden konnte. Für seine Politik hat das ökonomisch ohnehin marode Land lange auch wirtschaftliche Schäden in Kauf genommen. So wurde etwa erst Anfang des Jahres ein weitgehender Handelsstopp mit China wieder aufgehoben, obwohl Nordkorea in dieser Zeit sich am Rande einer Hungersnot befand. Seit Jänner fahren die Züge wieder. Und es ist davon auszugehen, dass sie nicht nur Güter und Nahrungsmittel, sondern auch Omikron ins Land gebracht haben.

Damm gebrochen

Der Grund, wieso Pjöngjang trotz der Schäden so lange auf Abschirmung gesetzt hatte, wird nun deutlich: Das Gesundheitssystem des Landes ist für die explosive Ausbreitung von Omikron – wie sie seit etwa Anfang Mai nun Realität ist – nicht gerüstet. Es fehlt zwar nicht an gut ausgebildetem Personal, aber an Schutzkleidung ebenso wie an Medikamenten.

Laut der Agentur Reuters, die sich auf Berichte aus Nordkorea stützt, werden schwere Corona-Fälle dort unter anderem mit dem Schmerzmittel Ibuprofen, aber auch mit dem Breitbandantibiotikum Amoxicillin behandelt. Dieses kann zwar zusätzliche Infektionen mit Bakterien behandeln, nicht aber das Coronavirus selbst. Zudem rät "Rodong Sinmun" auch zu Hausmitteln wie traditionellen Tees oder Gurgeln mit Salzwasser. Standford-Forscher Daniel Sneider gibt in einem Artikel Berichte über Bierflaschen, die als Infusionsbehältnisse genützt werden, weiter und über Nadeln, die schon vor Corona so lange wiederverwendet wurden, bis sie rosteten.

Hilfen nur über Umwege

Abhilfe könnten Lieferungen aus dem Ausland schaffen, doch gegen diese hatte sich die Regierung in Nordkorea bisher auch aus politischen Gründen gesperrt. Sie passen nicht in die Propaganda des auf Autarkie ausgerichteten kommunistischen Juche-Systems. Zudem will Pjöngjang keine neuen Abhängigkeiten schaffen. Angeboten haben Hilfe sowohl China als auch Südkorea. Doch Pekings Impfungen hat Pjöngjang bisher abgelehnt – auch deshalb, weil man ihre Wirksamkeit nicht als sehr hoch einschätzt und deshalb lieber westliche mRNA-Impfungen hätte.

Diese wiederum hat Südkorea – gemeinsam mit vielen anderen medizinischen Produkten – soeben angeboten. Aber darauf will Pjöngjang nicht direkt eingehen, steht man doch besonders seit der Wahl des neuen konservativen Präsidenten Yoon Suk-yeol wieder auf Konfrontationskurs mit dem Süden. Möglich ist, dass die Hilfen aus Seoul am Ende über ein UN-Programm geschleust werden. Doch bis sie ankommen, ist es für eine breite Impfkampagne wohl zu spät.

Nicht zuletzt deshalb setzt Nordkorea offiziell auf einen Lockdown. Doch auch das ist nicht so einfach. Denn erst kürzlich hat in dem Land die Aussaat von Reis begonnen, auf die Nordkorea unter keinen Umständen verzichten kann. Sollte die Ernte nämlich schlecht ausfallen, würden dadurch wohl noch mehr Todesfälle ausgelöst werden als durch die Omikron-Welle. Zudem würde das die Bevölkerung weiter schwächen. Schon bisher gelten elf der 25 Millionen Menschen in Nordkorea als mangelernährt. Auch das dürfte die Kräfte, um einen schweren Corona-Verlauf zu überstehen, weiter schwächen. Vermutlich geht auch deshalb die Arbeit auf den Feldern vorerst weiter. Die auf das Land spezialisierte Webseite NK News zeigte Bilder vom Grenzgebiet zu Südkorea, wo auf den Feldern normaler Betrieb herrschte. Kim soll demnach auf einen sektoralen Lockdown setzen – also auf den Versuch, bestimmte Gesellschaftsgruppen nicht miteinander in Kontakt kommen zu lassen.

Verhandeln aus einer Stärkeposition

Weil sich verschiedene Gesellschaftsgruppen so nicht treffen, dürfte das auch dabei helfen, die sich womöglich aufstauende Unzufriedenheit über die Pandemiepolitik nicht zum Durchbruch kommen zu lassen. Dass der Krankheitsausbruch die Stabilität des Landes gefährden könnte, glauben die meisten Fachleute auch daher nicht. Nach außen hin hat Nordkorea ja zuletzt weiter konfrontative Schritte gesetzt – etwa durch weitere Raketentests. Zudem gehen Analystinnen in den USA davon aus, dass das Land auch einen neuen Atomtest plant. Entsprechende Arbeiten in den Nukleartestanlagen des Landes wurden beobachtet. Dass das Land darauf nun, in der Krise, verzichtet, gilt nicht als wahrscheinlich. Gerade jetzt dürfte es vielmehr auf Abschreckung setzen. Zudem lässt sich aus einer Position der Stärke auch leichter verhandeln – auch dann, wenn es nur darum geht, ob man Hilfsangebote des Auslands annimmt.

Vor diesem Hintergrund plant auch US-Präsident Joe Biden seinen Besuch bei Südkoreas neuem Staatschef Yoon in der kommenden Woche. Dieser soll ihn unter anderem an die demilitarisierte Zone führen – jenes streng überwachte militärische Sperrgebiet, das Nord- und Südkorea voneinander trennt. (Manuel Escher, 16.5.2022)