In dieser Woche soll es um ein Kleidungsstück gehen, das schon in der Vergangenheit kaum jemanden kaltgelassen hat. Die Korsage? Ein Folterinstrument, das den weiblichen Körper zu einer Männerfantasie zusammenquetsche, meinten die einen. Das stimme so nicht, relativierten die anderen und hoben die stützenden Eigenschaften des Accessoires hervor.

Irgendwann schienen sich die Debatten erledigt zu haben. Die Blütezeit der Korsage war vorbei. Doch dann kam die Sanduhrsilhouette: Praller Po und schmale Taille, so sieht das weibliche Körperideal spätestens seit Kim Kardashian aus. Um diesem nahezukommen, wurden in den vergangenen Jahren aber eher die plastische Chirurgie oder das Fitnessstudio konsultiert als eine Korsage übergestreift. Mehr noch: Figurformende Shapewear à la Skims schien ihr den Rang abgelaufen zu haben.

Auch das hat sich, nun ja, schon wieder verändert. Während der letzten Met-Gala war eine Rückkehr des guten Stücks zu beobachten. Wenn schon Sanduhr, dann ordentlich verpackt, schienen die Auftritte vieler weiblicher Gäste zu rufen.

Billie Eilish, die schon vor einem Jahr für die "Vogue" ihre Baggy Pants gegen ein Korsagenoberteil eintauschte und erst einmal einen Proteststurm erntete, trug zur Feier des Abends ein Gucci-Kleid aus Elfenbein und Satin. Musikerin Lizzo setzte noch eins drauf. Sie versteckte unter ihrem Mantel ein maßgeschneidertes Modell von Thom Browne, das dem golden bestickten Umhang zu später Stunde die Show stahl.

Und dann erst die Männer! Lenny Kravitz kam zur Met-Gala in Spitzenhemd, Korsage, Lederhose und Umhang. "Gossip Girl"-Darsteller Evan Mock bewies, dass das starre Oberteil (vom jungen Label Head Of State) auch mit Hüftblitzer getragen werden kann.

Lenny Kravitz
Evan Mock
Foto: Mike Coppola/Getty Images/AFP

In Cannes, wo die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer passenderweise ihren Film "Corsage" vorstellt, wurde das Motto fortgesetzt. Schauspielerin Eva Longoria kombinierte einen apricotfarbenen Zweiteiler mit einer silbernen Korsage, die auch Barbie gut gestanden hätte.

Doch damit nicht genug, mag kaum ein Modeunternehmen im Herbst auf das versteifte Oberteil verzichten. Man könnte sogar von einer geschlechter- wie generationenübergreifenden Begeisterung für das sexy Stück sprechen: Die französische Designerin Marine Serre (Jahrgang 1991) mag ebenso nicht ohne wie Jean-Paul Gaultier (70), der einst mit einem kegelförmigem Bustier für Madonna Modegeschichte geschrieben hatte. Die Stylistin Lotta Volkova hat es eben erst ins Jahr 2022 übersetzt.

Und ja, auch an Menschen, die nicht ständig über rote Teppiche laufen, denken die Unternehmen ab und an. Gucci und Adidas schlagen einen Rollkragenpullover, Fendi eine Bluse als Kombinationspartner vor.

Sportliche Korsage aus der Kooperation von Gucci und Adidas
Fendi: Unten drunter Bluse tragen
Foto: AP Photo/Antonio Calanni

Ob das auch die Skeptikerinnen und Skeptiker überzeugen wird? Die Frage kann mit einem Schulterzucken beantwortet werden: Muss ja nicht. (Anne Feldkamp, 18.5.2022)