Ob Ecstasy oder Cannabis: Drogen gewinnen zusehends an Stärke. Messengerdienste und Darknet kreieren eine Konkurrenzsituation, in der Potenz zum gefährlichen Wettbewerbsvorteil wird.
Illustration: Fatih Aydogdu

Klein, dunkelrosa, diamantförmig. Erhabener Rand, Bruchlinie auf der Rückseite. Name: Punisher. Auf der Größe eines Fingernagels konzentriert die Ecstasy-Tablette mehr als 240 Milligramm des Wirkstoffs MDMA. Damit würde Punisher für einen rund 160 Kilo schweren Mann reichen, rechnet Matthias Rohrer vor. "Gerade für unerfahrene Erstkonsumentinnen und Erstkonsumenten kann das gefährlich werden", sagt der Jugendkulturforscher. Das Risiko einer Überdosis, gekennzeichnet durch Krampfanfälle, stark steigende Körpertemperatur und Halluzinationen, ist hoch.

Analysiert wurde die Ecstasy-Tablette am 16. April in Bern vom Drug-Checking-Angebot der Schweizerischen Koordinations- und Fachstelle Sucht. "So hoch dosierte Pillen sind sehr stark gepresst", erklärt Bettina Hölblinger, Leiterin von Checkit!, dem Wiener Kompetenzzentrum für Freizeitdrogen, das wie sein Schweizer Pendant regelmäßig bei Partys und Festivals Drug-Checking inklusive psychosozialer Intervention anbietet.

"Aber nicht alles auf einmal!"

Bedenklich ist die starke Komprimierung, da die Wirkung der Pillen dadurch verzögert eintritt. Wer das nicht wisse, lege im schlimmsten Fall nach und riskiere erst recht, eine zu hohe Dosis zu schlucken. "Wenn man Glück hat, erwischt man einen kundenfreundlichen Dealer, der einem sagt: Aber nicht die ganze Tablette auf einmal!", sagt Rohrer.

In Interviews erfährt er vieles aus dem Leben junger Menschen – und die wollen Dinge ausprobieren. Neugier lasse sich kaum unterbinden, experimentieren zu wollen sei in dieser Phase normal. Die zentrale Frage laute: "Wie lässt sich der stattfindende Konsum so risikofrei wie möglich gestalten?"

Wenn der Dealer oder die Dealerin rät, "Nicht alles auf einmal" zu konsumieren, sollte man Vorsicht walten lassen.
Foto: REUTERS/U.S. DEA/

Analyseangebote können hier Schlimmes verhindern. Zumal viele Tabletten und Pulver verunreinigt sind. Zudem entstehen in Laboren laufend neue Stoffe, deren Wirkung, Gefahren und Langzeitfolgen selbst Expertinnen und Experten nicht beurteilen können. Von rund 1000 neuen psychoaktiven Substanzen (NPS) berichtet das Bundeskriminalamt. Meist handelt es sich um Derivate von Amphetaminen, zu denen auch MDMA respektive Ecstasy zählt.

Virtuelle Verkaufsräume

Von einem Glücksspiel spricht Kurt Fellöcker: "Man kann nie sicher sein, was man bekommt", sagt der Experte für Suchtberatung und Prävention der FH St. Pölten. Bei Ecstasy reiche die Palette von Koffeintabletten über extrem hoch dosierte Pillen bis zu Gemischen verschiedenster Substanzen. An Drogen zu kommen ist heute relativ einfach. Tabletten und Pulver sind auf fast jeder Clubtoilette zu erstehen – aber nicht nur dort.

Der Verkauf verlagert sich zunehmend in den virtuellen Raum. Zur Demonstration zückt Rohrer das Handy und öffnet Telegram. Kaum zwei Minuten später hat er eine Gruppe gefunden, in der ein Potpourri an Substanzen zur Wahl steht. Neben dem Darknet setzen Messengerdienste der Verfügbarkeit illegaler Drogen noch mal eins drauf und sind bereits zum bevorzugten Einkaufsweg avanciert.

Synthetische Cannabinoide bereiten Kopfzerbrechen

Innerhalb von fünf Jahren hat das Bundeskriminalamt hierzulande 17.000 Sendungen und zwei Tonnen unterschiedlichster Drogen sichergestellt. Durch virtuelle Vertriebswege ist eine Konkurrenzsituation entstanden, in der sich Anbieter bei Reinheit und Dosierung nach oben orientieren und gegenseitig zu übertrumpfen versuchen. Es seien Werbe- und Verkaufstechniken, "wie wir sie auch im Supermarkt finden", sagt Fellöcker. Zusätzlich treiben ausgefeiltere Fertigungstechniken die Potenz von Drogen in die Höhe. Wo früher in Küchen gepanscht wurde, produzieren nun hochprofessionalisierte Labore.

Auch bei Cannabis ist man mittlerweile nicht mehr vor ungewollten Beimengungen gefeit.
Foto: AP/Paul Sancya

Aus solchen kommen auch jene Stoffe, die Fachleuten derzeit das größte Kopfzerbrechen bereiten. "Hätte mir vor ein paar Jahren jemand gesagt, dass wir Cannabis testen müssen, hätte ich gesagt: Na ja, worauf denn?", sagt Checkit!-Leiterin Hölblinger. Im November 2020, auf Hinweis von deutschen und schweizerischen Kolleginnen und Kollegen, begann die Info- und Beratungsstelle, synthetische Cannabinoide in den Fokus zu nehmen. Manchen Studien zufolge wirken die geruchs- und geschmacklosen Stoffe hundertmal stärker als natürliches Cannabis.

Problematische Prohibition

Sie entstehen meist in chinesischen Laboren, kommen als Pulver nach Europa, werden hier aufgelöst und auf Cannabis mit niedrigem THC-Gehalt gesprüht oder getropft. Dieses wird dann gewinnbringend verkauft, so die Vermutung. Konsumierende rechnen vielfach nicht mit dieser speziellen Wirkkraft ihres Kaufs, was den Stoffen zusätzliches Gefahrenpotenzial verleiht. "Synthetische Cannabinoide machen das, was man Marihuana lange vorgeworfen hat", sagt Fellöcker. Das Worst-Case-Szenario ist das Auslösen von Psychosen, erklärt der Psychotherapeut. Psychische Folgeerscheinungen zu überwinden sei ein jahrelanger und leidvoller Prozess. Doch: "Die Aufklärung ist schlecht, Konsumentenschutz und Qualitätskontrollen nicht vorhanden."

All das sei ein Problem der Prohibition. "Wir warten auf eine Regulierung", sagt er. Hölblinger sieht die Entkriminalisierung der Konsumentinnen und Konsumenten als wichtigsten Schritt. "Wenn Menschen angstfrei über ihren Konsum sprechen können, könnte auch früher eine Intervention stattfinden." Das könnte nun an Relevanz gewinnen: Nach Corona und mit der Normalisierung der Party- und Clubkultur geht oft der Gedanke "Jetzt erst recht" einher, wie Fellöcker bestätigt: "Wir sehen einen Nachholeffekt." (Marlene Erhart, 20.5.2022)