Es findet sich doch immer wieder jemand, der die Wahrheit – russisch "prawda" – sagt. Russland ist inzwischen eine volle Diktatur, mit Zugriff auf die offiziellen Medien. Wer die "spezielle Militäroperation" gegen die Ukraine einen "Krieg" nennt, riskiert 15 Jahre Haft.

Ein pensionierter Oberst und Militärkommentator bezeichnete in einer beliebten russischen Diskussionssendung Putins Krieg einen schweren Fehler.
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Aber nun trat ein pensionierter Oberst und Militärkommentator in einer der beliebtesten Diskussionssendungen des russischen Staats-TV auf und nannte Putins Krieg den schweren Fehler, der er ist. "Wir sind in totaler geopolitischer Isolation, und die ganze Welt ist gegen uns, auch wenn wir das nicht zugeben wollen", sagte Michail Chodaryonok. Die militärisch-technischen und politischen Ressourcen Russlands seien begrenzt, und die Russen sollten keine "Informationssedative" nehmen. Die Ukrainer seien bereit, zu kämpfen, und erhielten zusehends Unterstützung durch den Westen.

Der Kaiser ist nackt, sagte der hohe Militär de facto. Er ist nicht der Erste. Schon vor dem Krieg hatte ein pensionierter hoher Militär, Michail Iwascho, der auch einem konservativen Offiziersklub vorsteht, gewarnt, Putin viel direkter angegriffen und diesen zum Rücktritt aufgefordert: Die Kriegspläne des Präsidenten seien ein Ausweichen vor den wahren Problemen des Landes und würden Russland als Staat selbst gefährden. Eine zutreffende Analyse, die damals verhallte. Sickert nun die Realität doch über ein Publikumsmedium in die russische Öffentlichkeit ein? (Hans Rauscher, 19.5.2022)