In der Schule über das Klima zu sprechen macht das Thema für Jugendliche mit Migrationshintergrund besser zugänglich.

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Klimakrise, Umweltschutz, Artensterben – all diese Themen scheinen mittlerweile allgegenwärtig. In der Gesellschaft sind das Wissen und das Problembewusstsein jedoch unterschiedlich stark ausgeprägt. In der öffentlichen Debatte bleibt der persönliche Beitrag zum Klimaschutz etwas, mit dem sich vor allem Weiße mit hohem Einkommen beschäftigen. Menschen mit Migrationshintergrund bleiben dabei oft außen vor, vor allem Jugendliche. Meist liegt das daran, dass die am häufigsten angesprochenen Themen nicht ihrer Lebensrealität entsprechen – obwohl sie von der Klimakrise meist stärker betroffen sind.

"Klima und Umweltthemen werden bei den Jugendlichen ganz anders besprochen, vieles hängt von ihrem sozioökonomischen Hintergrund ab", sagt Terlan Djavadova, Umweltkommunikatorin bei Global 2000. "Wenn man etwa verlangt, die Menschen sollen weniger fliegen, antworten viele der Jugendlichen aus ärmeren Familien: Ich bin doch noch nie geflogen."

Auch ein Verzicht auf ein Auto oder der Kauf von Biofleisch der Umwelt zuliebe wird hier nicht zum Argument: Die meisten Familien besitzen keinen Pkw, und es fehlt schlicht das Geld für hochwertiges Fleisch. Und wer im Alltag mit Benachteiligung und Rassismus zu kämpfen hat, für den hat das Klima oft einfach keine übergeordnete Priorität.

Kein Thema für alle

Das erschwert es Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Zugang zu Klima- und Umweltthemen zu finden. Das spiegelt sich auch in der Umweltbewegung wider. In Deutschland zeigte eine Studie des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung, dass ein Großteil der Jugendlichen bei Fridays for Future deutschstämmig ist, nur wenige haben einen Migrationshintergrund. In Österreich ist die Situation ähnlich, obwohl hierzulande jede vierte Person einen Migrationshintergrund hat. Andere Studien kommen zu dem Schluss: Vor allem Menschen mit höherer Bildung und überdurchschnittlichem Einkommen gehen für das Klima auf die Straße.

Was sind die Gründe, warum Jugendliche mit Migrationshintergrund seltener an Demonstrationen oder Klimaschutzveranstaltungen teilnehmen? "Es ist schwierig, wenn man dort niemanden findet, der ähnlich ist wie man selbst", sagt Djavadova im STANDARD-Interview, "das hält viele ab."

Projekte widmen sich Umweltbildung

Um Jugendliche mit Migrationshintergrund beim Umwelt und Klima besser mitzunehmen, spielt deshalb die Umweltbildung an Schulen aus Sicht von Umweltorganisationen eine große Rolle, um die öffentliche Debatte diverser und gerechter zu gestalten. Umweltbildung knüpft an den Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler an. Sie lernen, wie sich die Klimakrise vor der eigenen Haustür auswirkt und wie das mit ihrem eigenen Handeln zusammenhängt.

Hierzulande gibt es bereits einige Projekte, die sich dafür einsetzen, die Umweltbildung an Schulen stärker zu fördern. Über das Ökolog-Programm, eine Initiative des Bildungsministeriums für Umweltbildung, vermitteln Schulen, wie Jugendliche ihre Zukunft nachhaltig gestalten können. Die Organisation Fridays for Future veranstaltete vor zwei Jahren die Vortragsreihe "Klimabildung for Future", in der Expertinnen und Experten zu verschiedenen Themen sprachen. Solche Initiativen stellen aber oft nur ein Zusatzangebot abseits der Schulen dar und lassen Menschen mit Migrationshintergrund weiterhin außen vor.

Bezug zum Alltag herstellen

Aus diesem Grund untersuchte Global 2000 im Rahmen von Workshops an Schulen, wie Jugendliche mit Migrationshintergrund bei Umweltthemen besser informiert und mitgenommen werden können. Statt Fliegen, Fleisch und fairer Mode kann Bildung bei dem anknüpfen, was dem Alltag der Jugendlichen näher ist, etwa Ernährung, die Alltagsmobilität oder der Kauf von Secondhandmode. Zudem sei es wichtig, dass die Themen von Personen vermittelt werden, die ähnliche Erfahrungen wie die Jugendlichen gemacht haben und bestenfalls auch deren Muttersprache sprechen. Das erhöhe das Identifikationspotenzial, so die Organisation.

Das Gefühl zu vermitteln, etwas bewirken zu können, ist laut vielen Studien ebenso relevant. Viele Jugendliche denken, die Welt an einem Tag retten zu müssen. Die Motivation sinkt schnell, wenn das Gefühl besteht, sich nicht konsequent nachhaltig zu verhalten. Zu vermitteln, dass jeder Schritt im Alltag der Jugendlichen eine Wirkung hat, ist laut Wissenschaftern daher immens wichtig.

Wahlrecht bleibt Hürde

In den österreichischen Schulen macht die Umweltbildung bisher nur einen Bruchteil der Lehrpläne aus. Abseits des Geografie-Unterrichts setzen sich häufig einzelne Lehrerinnen und Lehrer für die Themen ein. Häufig fehlt ihnen aber im Schulalltag die Zeit dafür. Laut den Experten bräuchte es einen Anschub durch staatliche Finanzierung, um die Umweltbildung in die Klassenzimmer zu bringen.

Man sollte bei der Umweltbildung aber vermeiden, die Verantwortung für den Klimaschutz allein auf die Jugendlichen abzuwälzen. "Es ist wichtig, Jugendlichen zu kommunizieren, dass sie auch an den Wahlurnen entscheiden können", sagt Djavadova.

Doch gerade das bleibt noch ein Problem: Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft sind hierzulande von Wahlen ausgeschlossen. Betroffen sind davon auch Jugendliche mit Migrationshintergrund in zweiter oder dritter Generation. Mehr als 30 Prozent der Menschen in Wien ab 16 Jahren sind nicht wahlberechtigt. Für Jugendliche mit Migrationshintergrund bleibt das – trotz Umweltbildung – eine Hürde, um sich wirklich nachhaltig an der Klimadebatte, aber auch anderen politischen Themen zu beteiligen. (Florian Koch, 21.5.2022)