Im Schnitt haben Österreichs Goalies bei dieser WM deutlich weniger Treffer in der regulären Spielzeit kassiert als etwa 2019 in der Slowakei. Lag der Schnitt damals über fünf, so hält man aktuell bei unter drei pro Partie.

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Tampere/Wien – Die Sportwelt ist schnelllebig. Durften die ÖEHV-Akteure und mit ihnen die geneigten Fans von Österreichs Eishockey nach dem Punkt bei der 2:3-Overtime-Niederlage gegen die USA und dem sensationellen 2:1 nach Penaltyschießen gegen Tschechien schon ein wenig mit einer im Vorfeld völlig undenkbaren Viertelfinalteilnahme spekulieren, so ist nach dem 3:5 im ersten Schlüsselspiel gegen Norwegen am Mittwoch eine gewisse Ernüchterung eingekehrt.

Fakt ist: Für das Team von Roger Bader geht es wieder einmal um den Klassenerhalt. Von mehr zu träumen war ohnehin nicht angebracht, wäre nahezu vermessen, zumal Österreichs Teilnahme erst durch den Ausschluss Russlands und von Belarus ermöglicht wurde. Allerdings fielen durch die Pandemie zuletzt auch zwei Möglichkeiten aus, den Aufstieg in die Elite zu bewerkstelligen.

Gegen die robust auftretenden Norweger wurde offensichtlich, was angenommen werden durfte, nämlich dass vier Spiele in fünf Tagen Spuren hinterlassen. Österreichs Eishackler wirkten mitunter mental müde, physisch nicht frisch genug, ihr Leistungsvermögen war nicht bei 100 Prozent. Im Gegensatz dazu präsentierten sich die Norweger, Nummer zwölf der Eishockeywelt, solider, spritziger, konzentrierter.

Vier Spiele in fünf Tagen

Sie hatten freilich den Vorteil eines freien Tages vor dem Duell gegen die auf Platz 17 gereihten Österreicher. So war es auch nicht verwunderlich, dass das ÖEHV-Team bei den Zweikämpfen viel zu oft den Kürzeren zog, sofern sie überhaupt zustande kamen. "Das ist eine sehr intensive Zeit, eine irrsinnige Belastung, weit über das hinaus, wie es im Play-off ist", sagte Bader. "Wir wollen vertikales Eishockey spielen, haben aber den einen oder anderen Querpass oder blinden Pass zu viel gemacht. Im letzten Drittel war das ganz anders, da haben wir die Scheibe hinter die Verteidiger gebracht", analysierte der Teamchef.

Die Norweger, seit 2006 durchgehend in der A-Klasse, dominierten das Spiel im neutralen Drittel, hatten Erfolg mit ihrem gut dosierten, aber energisch durchgeführten Forechecking und fanden bei ihren schnörkellosen Vorstößen immer wieder vergleichsweise wenig Gegenwehr vor, während die Österreicher in den ersten zwei Dritteln nur mit großer Mühe ins Angriffsdrittel vorstießen und sich dann just in aussichtsreichen Momenten mit einem blinden Pass oder einem Querpass in Bredouille brachten.

Da Fehler wie diese in den Spielen gegen Schweden (1:3), die USA und Tschechien vermieden werden konnten, besteht Hoffnung, dass das ÖEHV-Team in der A-Klasse angekommen ist. Schon am Freitag (19.20 Uhr, ORF Sport+) steigt das nächste Schlüsselspiel. Diesmal geht es nach einem Tag Pause ausgeruht gegen die klar zu favorisierenden Letten, die am Donnerstag 1:5 (0:5, 0:0, 1:0) gegen Tschechien unterlagen und damit vom angepeilten Kurs auf das Viertelfinale abgekommen sind.

Lettland Stammgast in Elitegruppe

Die seit 1997 ohne Unterbrechung in der A-Klasse spielenden Balten schafften immerhin schon fünfmal den Einzug unter die besten acht. Sie sind die Nummer elf der Weltrangliste, haben mit Goalie Elvis Merzlinskis (Columbus Blue Jackets) und Rudolf Balcers (San Jose Sharks) zwei NHL-Profis in ihren Reihen. Ein Großteil des Kaders ist in Europas Topligen (Finnland, Schweden, Schweiz, Tschechien, Deutschland) engagiert.

Mit Renars Krastenbergs (Villach) und Andris Dzerins (Linz) sind auch zwei Österreich-Legionäre am Start. "Das ist eine gut besetzte Mannschaft. Sie sind defensiv gut organisiert, es wird schwer, zu Torchancen zu kommen. Und sie haben Spieler, die sehr gut Gegenstöße fahren können", sagt Bader. "Wir brauchen eine Topleistung, um an Punkte zu kommen. Lettland kommt gleich hinter den Topnationen. Sie müssen nie Angst haben um den Klassenerhalt." Genau dorthin will Bader auch mit Österreich.

Eine besondere Rolle wird mit Garantie wieder auf Österreichs Goalie zukommen. Nach dem Einsatz von David Kickert gegen Norwegen kommt nun wieder Bernhard Starkbaum zum Zug. Die bisherigen Leistungen der Torleute waren sehr gut, wenn auch nicht herausragend. Starkbaum war etwa gegen Schweden einmal nicht im Bilde, als ihm die Scheibe unter dem Körper durchflutschte und er so das 3:1 für Tre Kronor auf dem Tablett servierte. Und Kickert machte im Norwegen-Spiel beim Shorthander von Rosseli Olsen zum 1:1 nicht die allerbeste Figur. Gröber gepatzt haben aber beide bisher nicht.

Verbesserungspotenzial

Starkbaum war als Einziger schon bei der WM 2013 in Helsinki dabei, als das ÖEHV-Team 6:3 gegen Lettland gewann, am Ende aber trotzdem mit fünf Punkten als Absteiger feststand. Um sich in der A-Klasse etablieren zu können, bräuchte es laut Bader eine "gewisse Breite an internationalen Spielern". Es brauche zwei bis drei ähnlich starke Teams wie das aktuelle, um aus dem Pool eine Mannschaft zusammenstellen zu können und nicht durch Absagen verletzter Spieler in Bedrängnis zu kommen.

Man verfüge über gute Stürmer, aber praktisch keinen Verteidiger, der im Ausland spielt. Und es brauche auch mehr gute Torhüter. "Die Situation ist besser als 2019, aber noch nicht top. In Bratislava war es brutal. Wir hatten damals drei Torhüter, die bei ihren Klubs nur Nummer zwei waren. Wir brauchen Torhüter, die allesamt Nummer eins bei ihren Klubs sind, wie das bei den Topnationen üblich ist." Die bei den Vienna Capitals engagierten Goalies Starkbaum und Kickert kamen jedoch mit ihren zusammengerechneten Einsätzen in der abgelaufenen ICE-Ligasaison in etwa auf so viele Spiele wie ein gesetzter Einsergoalie allein. Allein schon deshalb, weil sie sich – sofern fit – um das Einserleiberl matchen müssen.

Positive Stimmung

Die beherzten, disziplinierten und starken Auftritte gegen die Topnationen Schweden, USA und Tschechien sowie die Steigerung im Schlussdrittel gegen Norwegen geben Hoffnung, dass Österreichs Team erstmals seit der WM 2018 in Dänemark den Klassenerhalt schaffen kann. Die Spieler versichern, nicht mental angeschlagen zu sein. "Die Stimmung passt weiterhin. Kraft sammeln, richtige Schlüsse ziehen und weiter attackieren", sagte Manuel Ganahl. "Ich bin sehr zuversichtlich", sagte Ali Wukovits.

Nach dem Match am Samstag (15.20 Uhr) gegen Gastgeber Finnland folgt am Montag (19.20 Uhr) noch die Partie gegen das mutmaßlich schlechteste Team: Großbritannien. Dann sollte es aller Wahrscheinlichkeit nach zu dem bereits im Vorfeld der WM prophezeiten Showdown um den Klassenerhalt kommen. Der jeweils Letzte der beiden Gruppen steigt ab.

Dass auch die Briten das Spiel mit der Scheibe verstehen, erst recht, wenn man sie gewähren lässt, haben sie gegen Norwegen gezeigt, als sie einen 0:3-Rückstand aufholten, erst im Penaltyschießen 3:4 unterlagen und damit ihren bislang einzigen Punkt bei der WM holten. Am Donnerstag verloren sie Spiel vier gegen die USA 0:3. Am Freitag bekommen sie es mit Finnland zu tun, am Sonntag mit Lettland, ehe es am Montag gegen Österreich geht. (Thomas Hirner, 19.5.2022)