Bereits fünf Mal regnete es für Iga Świątek in diesem Jahr Luftschlangen. Die Weltranglistenerste legt eine Siegesserie hin, wie es sie seit neun Jahren nicht mehr auf der WTA-Tour gab.
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Iga Świątek entspannt sich, wenn sie eine quadratische Gleichung löst. Zur Vorbereitung auf ein Tennismatch baut sie gern Lego. Andere sitzen auf dem Ergometer, Świąteks Trainerin reicht ihr ein Sudoku. Und im Anschluss gewinnt sie derart deutlich, dass ihr die Gegnerinnen am Netz nur schulterzuckend die Hand schütteln.

Die Polin dominiert seit Februar das Spitzentennis. Zuletzt gelangen ihr 28 Siege in Folge. Die 20-Jährige gewinnt nicht nur, sie plättet ihre Gegnerinnen: In 35 ihrer letzten 61 Sätze gönnte sie ihnen nicht mehr als zwei Games. Heuer gewann sie bereits fünf Titel: in Doha, Indian Wells, Miami, Stuttgart und Rom.

Nach dem Rücktritt von Ashleigh Barty erbte Świątek Platz eins in der Weltrangliste. Diese Rolle hat sie nicht nur bestätigt, sie hat sie einzementiert. Bei den am Sonntag beginnenden French Open in Paris ist Świątek die Favoritin auf den Titel. Zum Auftakt trifft sie auf eine Qualifikantin.

Offensiv und sicher

Bis vor zwei Jahren stand die Polin noch ohne Schulabschluss da. Vor dem Training erledigte sie die Hausübung in Mathematik. Auf dem Platz misst ihr Betreuerstab die Herzfrequenzvariabilität und stellte einmal fest: Wenn Świątek davor ins Denken kommt, sich mental anstrengt, sind ihre Messwerte niedriger – und damit ihr Stresspegel.

Der Philosoph René Descartes zweifelte einst die menschliche Existenz derart an, dass er sich in seinem ersten Grundsatz auf einen simplen Kern seiner Überlegungen beschränkte: Ich denke, also bin ich. Bei Świątek könnte man sagen: Sie denkt, also gewinnt sie. Was macht sie so stark?

"Sie spielt sehr offensiv, gleichzeitig irrsinnig sicher", sagt Barbara Haas. Die 26-Jährige war von 2017 bis vergangenen Dezember Österreichs beste Tennisspielerin. Vor knapp vier Jahren unterlag sie Świątek im Halbfinale eines Turniers in Budapest. Haas: "Sie hatte schon damals ein hohes Niveau. Ihr Aufstieg war für mich logisch."

Barbara Haas erarbeitet sich nach einer Handgelenksoperation im vergangenen Herbst langsam wieder einen Turnieralltag. Die Qualifikation zu den French Open ließ sie noch bewusst aus.
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Flink und gefühlvoll

Świąteks Grundschläge kommen mit hohem Tempo daher. Zudem spielt sie auf der Vorhand einen für die WTA-Tour ungewöhnlich intensiven Topspin. Der verleiht mehr Möglichkeiten im Winkelspiel. Als Gegenmittel bei offensiven Spielerinnen, sagt Haas, hilft es, sie ins Laufen zu bringen. Es gebe da nur ein Problem: Świątek bewegt sich auch exzellent. Sie klebt an der Grundlinie, erkennt früh, wohin der Ball kommt, und raubt den Gegnerinnen Zeit zur Vorbereitung auf den nächsten Schlag.

Świątek ist in der laufenden Saison die beste Rückschlägerin, sie gewinnt mehr Return-Games, als sie verliert. Zu allem Überfluss schlägt die 1,76 Meter große Świątek stark auf, am Netz zeigt sie beim Volley viel Gefühl. Haas fasst zusammen: "Świątek ist mental extrem stark, hat keine Schwächen."

Appetit vom Essen

Świątek (sprich: Schwi-ontek) wurde am 31. Mai 2001 in der polnischen Hauptstadt Warschau geboren. Vater Tomasz sorgte für den sportlichen Einschlag. Er war Teil des polnischen Ruder-Doppelvierers bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul und holte 1987 Gold bei der Universiade. Mama Dorota ist Kieferorthopädin.

Zum Tennis kam Iga über ihre ältere Schwester Agata: geschwisterliches Nacheifern, geschwisterliche Konkurrenz. Świątek war ein introvertiertes Kind: "Ich habe nicht viel gefeiert, lieber Musik gehört oder ein Buch gelesen", sagte sie im April dem spanischen Magazin Mujer Hoy. Dabei deutete nicht viel auf ein Leben der Świąteks im Profitennis hin: Agata beendete die Karriere wegen einiger Verletzungen früh, Iga hatte "eigentlich mehr Spaß beim Fußball. Weil es mir nicht so einsam erschien."

In Polen sagt man: "Apetyt przychodzi w miarę jedzenia." Der Appetit kommt beim Essen. Mit 14 wechselte Świątek in die Tennisabteilung des Warschauer Großklubs Legia, feierte Erfolge auf der ITF-Juniors-Tour, bevor sie 2016 ins Erwachsenentennis aufstieg. Bis 2018 gewann sie alle sieben Single-Finals, in denen sie antrat. 2019 gelang Świątek die Qualifikation zu den Australian Open und zog in die zweite Runde ein. Die junge Polin stellte sich einmal vor.

Hektische Zeit

Und wie: Bei ihrem ersten direkten Antreten in einem WTA-Hauptfeld zog sie 2019 in Lugano ins Finale ein, musste sich aber der Slowenin Polona Hercog in drei Sätzen geschlagen geben. Der große Wurf sollte im Oktober 2020 gelingen: Die 19-Jährige zog ohne Satzverlust ins Finale der French Open ein, dort setzte sie ihrer überragenden Leistung mit einem Zweisatzsieg über Sofia Kenin die Krone auf. Ohne je einen WTA-Titel gewonnen zu haben, sicherte sich die Polin eine Grand-Slam-Trophäe.

Roland Garros

Später sollte sie über ihren ersten großen Triumph sagen: "Ich musste mich zuerst zügeln. Ich musste mir verbieten zu realisieren, dass ich einen Grand-Slam-Titel gewonnen hatte. Es war eine sehr hektische Zeit." Doch der Erfolg veränderte ihr Leben. Seither kennt und erkennt man sie in Polen.

Keine Achterbahn

Menschen, die ihr nahestehen, beschreiben Świątek als smarte, witzige Person, die das Leben gern überdenkt. Ihre Art ist ehrlich und direkt. Zu Beginn des Ukraine-Krieges verurteilte sie rasch und mit klaren Worten die russische Invasion. Bis heute spielt sie mit einer gelb-blauen Schleife auf ihrer Kappe und ärgert sich, dass andere Spielerinnen ähnliche Solidaritätsbekundungen inzwischen stillgelegt haben.

Świątek mit ihrer Mentaltrainerin Daria Abramovicz (links), ihrem Fitnesstrainer Maciej Ryszczuk (Zweiter von links) und ihrem Tennistrainer Tomasz Wiktorowski (rechts)
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Neben Trainer und Physio ist auch Psychologin Daria Abramovicz Teil von Świąteks Team. Die Ex-Seglerin unterstützt mental, das Ziel ist, die Leidenschaft zu erhalten und die mentale Achterbahn des Profisports zu vermeiden. Es scheint zu funktionieren. Świątek sagt: "Ich habe den besten Job der Welt." (Andreas Hagenauer, Lukas Zahrer, 20.5.2022)