Die Abtei von Whitby, hier in gruseliger Nachtaufnahme, inspirierte Bram Stoker zu seinem "Dracula"-Roman.

Foto: AP / Alastair Grant

Die Miene grimmig und furchterregend, die Nase sehr groß und gekrümmt, die Nasenflügel gebläht, schmal und etwas gerötet das Gesicht": Als Nikolaus Modrussa, Legat des Papstes am Hofe zu Buda, im Jahr 1473 Dracula beschrieb, war dieser schon das zwölfte Jahr ein Gefangener. Tatsächlich bestätigt das Dracula-Porträt aus dem 16. Jahrhunderts, das sich seit 400 Jahren auf Schloss Ambras in Tirol befindet, all dies. Die Nase im schmalen Gesicht ist lang, der Blick aus den großen Augen intensiv, das Kinn ausgeprägt, der Schnurrbart dämonisch. Und da ist Rot, viel Rot. Wenn auch nur als Samt von Kappe und Jacke.

Alexander Braun, "Horror im Comic". 50,40 Euro / 456 Seiten. Avant, Berlin 2022
Cover: Avant

1475 kam Dracula auf freien Fuß. Und starb Ende des folgenden Jahres. Der Kopf der Leiche wurde abgehackt und dem osmanischen Sultan Mehmet nach Istanbul übersandt, der Körper angeblich im Inselkloster Snagov nördlich von Bukarest beigesetzt. Dracula – tot? Unmöglich. Schließlich läuft die Dracula-Industrie seit 100 Jahren auf Hochtouren. Im Film. Auch in der grafischen Bildliteratur, das führt Alexander Braun in seinem horribel schönen Prachtband Horror im Comic vor. Die Belletristik kennt keine beißfreie Zone. Dabei ist alles anders. Denn Dracula ist pure Fantasie.

Fiktion und Propaganda

Schon lange vor dem aus vielen Quellen zusammengestückelten Roman des Iren Abraham "Bram" Stoker, der nach einem Geschichtsstudium Justizbeamter wurde, dann ein Londoner Privattheater managte, war Dracula eine politische Phantasmagorie, das Produkt politischer Fiktion und Propaganda.

Der 1431 geborene Vlad III. aus einer Fürstendynastie der Walachei zwischen Ungarn und dem Osmanischen Reich nahm den Zusatz "Dracula" aus Reverenz an seinen Vater an. Dieser war 1431 von Kaiser Sigismund in den exklusiven Drachenorden aufgenommen worden. Drachen hatte der walachische Woiwode danach nicht nur auf Münzen prägen lassen, er führte das Tier als Beinamen. In walachischer Sprache hieß Drachen "Dracul". Vlad, der Zweitgeborene, fügte ein a an, was bedeutete: Sohn des Dracul.

1457 fiel er über Städte in Siebenbürgen her. Brandschatzungen, Plünderungen, vor allem Massenpfählungen vergaben ihm seine Gegner nie. In den folgenden Jahren lief die ikonografische und politliterarische Denunziationsmaschinerie auf Hochtouren. Denen, die den Walachen als blutrünstigen "Wüterich" zeichneten, spielte in die Hände, dass "dracul" auch "Teufel" bedeutet. Gräuelgeschichten über ihn wurden en gros verbreitet, sodass er 50 Jahre nach seinem Tod Eingang in die Exempelliteratur fand: als Stereotyp des grausamen Schlächters mit dem Beinamen "Tepes", der Pfähler.

Bram Stoker, "Dracula". Übersetzt von Andreas Nohl. 30,70 Euro / 540 Seiten. Steidl, Göttingen 2022
Cover: Steidl Verlag

Hinter dem Mythos verschwand Vlad III. Dracula. Und wurde als Chiffre des Schreckens unsterblich. Erst recht durch Stokers am 26. Mai 1897 erschienenen Schauer-Montage-"Hybridroman", der gespickt ist mit Briefen, Zeitungsausschnitten und neumodischen audiovisuellen Aufschreibeapparaturen wie Schreibmaschine und Grammofon. Andreas Nohls prägnante Übersetzung ist nach zehn Jahren bissgenau neu aufgelegt worden.

Das Wort "Vampyri" wurde in Mitteleuropa erstmals 1725 bekannt, im WienerischenDiarium. Der Ausdruck "Vampir" ist schon seit dem elften Jahrhundert belegt, er bezeichnete das Mitglied einer häretischen Sekte der Bogomilen. Im 18. Jahrhundert dann wurden Vampire stilisiert zum Inbegriff einer rückständigen Welt voller Aberglauben. Vampire als Blutsauger wurden zum Schimpfwort, so bei Voltaire.

Weiblicher Vampirismus

Joseph T. Sheridan Le Fanu, "Carmilla". 8,20 Euro / 136 Seiten. BoD, Norderstedt 2022
Cover: BoD

Die von Jänner bis März 1872 gedruckte Erzählung Carmilla des irischen Autors Joseph Sheridan Le Fanu setzte dann den Goldstandard in Sachen weiblicher Vampirismus plus lesbische Sexualität plus außerweltliches Transformationspotenzial. "Denn alle, die als Opfer eines Nicht-Toten sterben", heißt es in Stokers Dracula, "werden selbst Nicht-Tote und gehen selbst auf Beute aus. So weitet sich der unheimliche Kreis immer mehr, wie ein ins Wasser geworfener Stein immer größere Wellenringe hervorruft."

Darüber hat Andreas Puff-Trojan den langen Essay Vampire! Schattengewächse der Aufklärung. Über uns aufgeklärte Menschen im Angesicht der Un-Totengeschrieben, der einiges leichthändig abhandelt, an anderem mit verblüffender Souveränität wortlos vorbeirauscht.

1922 klagte die Witwe Bram Stokers wegen Bruchs des Urheberrechts. Anlass: ein Horrorfilm. Sein Titel: Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens. Im Juni 1922 ging Prana-Film, die Nosferatu produziert hatte, in Konkurs.

1925 entschied ein Berliner Gericht: da kein Geld, sei der Film zu zerstören. Das widerfuhr in den nächsten Jahren den Kopien. Wenige blieben erhalten. 1981 stieß Enno Patalas, der rührige Leiter des Münchner Filmmuseums, eine Rekonstruktion an, die 1995 ergänzt wurde. 2005/2006 wurde der Film digitalisiert und aufwendig bearbeitet.

Andreas Puff-Trojan, "Vampire! Schattengewächse der Aufklärung. Über uns aufgeklärte Menschen im Angesicht der Un-Toten". 18,– Euro / 144 Seiten. Sonderzahl, Wien 2021
Cover: Sonderzahl

1927 verkaufte Stokers Witwe die Bühnenrechte, eine Adaption war ein Jahr lang am Broadway. So wurde Hollywood aufmerksam. 1931 kam der erste "offiziöse" Dracula-Film, Regie: Tod Browning, in die Kinos – und machte den Ungarn Bela Lugosi zum Star. Wie sehr Dracula da schon Allgemeingut geworden war, zeigte 1938 eine obskure Kurzgeschichte, Little Miss Dracula vom obskuren Pulp-Magazin-Autor Ralston Shields. Inhalt: Die Hauptfigur mit dem gloriosen Namen Graf Nigel Becker-Hazi täuscht seine Frau, indem er ihr vampirische Liebe vorgaukelt, um einer Femme fatale zu verfallen – die ein echter Vampir ist. Alles aber halb so grauenerregend wie Nosferatu.

Nosferatu, ein böser Name, so Jack Kerouac 1960, "er beschwört die roten Lettern der Hölle". Was der Horrorfilm sei, beantwortete die Filmhistorikerin Frieda Grafe: "ein Zwitter, in dem die Natur des Kinos sich versinnbildlicht und die reale Macht, die es hat, zu Unglaublichem verführt". Regisseur Éric Rohmer: "Murnaus Kino ist Kino der Präsenz und zugleich Kino im Präsens." Denn: "Alles in Murnaus Welt ist mit dem gleichen Grad von Wirklichkeit ausgestattet."

Symphonie des Grauens

Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens: Friedrich Wilhelm Murnaus Film, der am 4. März 1922 in Berlin seine Premiere hatte. Nosferatu: ein grausiger, noch heute Schauer einjagender Zeitkommentar zu Krieg, Spanischer Grippe, Inflation. Es war Grusel, Trash, schierer Horror. Rolf Giesen: "Das besonders Interessante an Nosferatu ist, dass das Grauen im Kinosaal war – aber auch außerhalb des Kinosaals."

Albin Grau, Plakatmaler und Grafiker, verantwortlich für Kostüme und Make-up, auf den angeblich die Ur-Idee von Nosferatu zurückging – er will sie im Winter 1916 in Serbien bekommen haben, als eines Nachts eine Öllampe flackernde Bilder an die Wand warf –, war Okkultist. F. W. Murnau, bürgerlicher Nachname: Plumpe, starb 1931 in Kalifornien bei einem Autounfall. 2015 wurde sein Grab geschändet, sein Kopf gestohlen. Bis heute ist er nicht aufgetaucht. (Alexander Kluy, ALBUM, 22.5.2022)