Johannes Rauch denkt über ein Fiakerverbot nach.

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Manchmal neigen unabhängige Medien dazu, ihre Unabhängigkeit zu übertreiben. So gelang dem "Kurier" Donnerstag das Kunststück, die Sitzung des Nationalrates vom Vortag auf Seite 8 in der Rubrik Überblick – Weitere Meldungen in einem Einspalter von 21 Zeilen abzuhandeln. In der Sitzung ging es immerhin – andere Blätter vermerkten es entsprechend – um einen Neuwahl antrag der SPÖ und einen Misstrauensantrag der FPÖ. Sogar "Österreich" war das unter dem Titel Hitziges Gefecht um Neuwahlen eine halbe Seite 6 wert. Das Scheitern der Anträge vermeldete der "Kurier" in einem Satz, ergänzt um einen weiteren: ÖVP-Klubchef August Wöginger sagte, die Regierung gehe nun in die zweite Halbzeit, und "wir werden diese zu Ende spielen". Erfreulich hingegen, dass der "Kurier" am Mittwoch vermelden konnte: Franz Josephs Mutter starb vor 150 Jahren.

In eine maßlose Forderung verstieg sich, auch am Mittwoch, der Leitartikler der "Presse": Wir brauchen jetzt Krisenmanager, nicht hilflose Wohlfühlpolitiker. Die Antwort auf die sich aufdrängende Frage, woher nehmen, blieb er natürlich schuldig. Nicht hingegen die Antwort auf seine Frage: Wer sagt den Regierenden, dass jetzt nicht Fiakerpferde und Radfahrer die großen Probleme des Landes sind, sondern Gaskrise und Strompreisschock?

Das erledigte er unter anderem selbst, wie folgt. Es wäre also nicht ganz verkehrt, würde der Bundeskanzler seinen Vizekanzler bitten, dessen für Energie zuständige Kronprinzessin und einige andere Ministerkollegen darauf hinzuweisen, dass derzeit nicht das Überqueren von Kreuzungen bei Rotlicht durch Radfahrer oder das Verbot von Fiakern in Wien das Hauptanliegen der Menschen im Lande ist.

Damit ließ er eine beachtliche Portion Weltfremdheit erkennen. Erschien doch am selben Tag das Blatt, das für die Hauptanliegen der Menschen im Lande zuständig ist, mit dem Aufmacher Lautes Nein zu Fiaker-Verbot, ergänzt um die Prophezeiung einer kommunalpolitischen Katastrophe: "Wäre für Wien wie Venedig ohne Gondeln." Was für die "Presse" nicht das Hauptanliegen der Menschen sein soll, machte die "Krone" über eine Doppelseite zum Thema des Tages, wobei es um den Kronprinzen des Vizekanzlers ging. Wer politisch gerade keinen guten Lauf hat und bei den Grünen ist, versucht es mit der alten Fiakerdiskussion. Das sorgt für Schlagzeilen – z. B. in der "Krone".

Was bildet sich dieser nach Wien zugelaufene Alemanne eigentlich ein? "Die Forderungen um ein Fiakerverbot lassen wissenschaftliche Fakten komplett außer Acht", dozierte die in Österreich für Wissenschaft zuständige Wirtschaftskammer Wien, und lädt Politiker und Experten zum runden Tisch. Ihnen gibt der Experte der "Krone" die Denkrichtung vor. Er will ein Stück Wien umbringen! Johannes Rauch, der grüne Minister für Soziales und den Tierschutz. Er denkt nämlich über ein generelles Fiakerverbot nach. Warum, um Himmels willen?

Und mit welcher abstrusen Begründung! Weil er den Einsatz von Pferdekutschen in einer Großstadt für nicht mehr zeitgemäß, für aus der Zeit gefallen hält. Na und? Das ist doch gerade das Einzigartige, das Typische, dass sie nicht mehr zeitgemäß, ja, in der Tat aus der Zeit gefallen sind. Da schleudert der Kolumnist dem Minister sein "Non olet" entgegen, und Nostalgie nimmt olfaktorische Züge an. Wenn harbe Rappen auf dem Stephansplatz wiehern und ihre duftenden Knödel (Pferdescheiße stinkt nicht) fallen lassen. Von den Flüssigkeitsabgaben der harben Rappen gilt das weniger.

Der Redaktion springt der weit gereiste Chef des Wien-Tourismus bei und legt nach: "Nirgends auf der Welt haben die Pferde ein so gutes Sozialsystem wie bei uns. Daher, Herr Minister, kümmern Sie sich um die armen Schweine in ihren Pferch-Kobeln, und stören Sie hier nicht das Wiener Sozialsystem!

An Menschen mit begrenzter Lernfähigkeit fehlt es nicht. Bekanntlich ist H.-C. Strache neulich der Versuchung "Ibiza revisited" erlegen. Weil medial begleitet, man kommt ja sonst kaum noch wo vor. "Das Peinlichste war mit Sicherheit das Leiberl, das ich getragen hab", zitierte ihn "Österreich" danach. Der Mann hat offensichtlich gar nichts begriffen. Das verschwitzte Leiberl hätte ihm die "Krone" niemals übel genommen, aber die Peinlichkeit, sich in die Rolle eines Herrn ihrer Blattlinie hineinzufantasieren, hat ihm politisch das Genick gebrochen. Lernt er was daraus? Jetzt will er dieses Nessuskleid einrahmen und für den guten Zweck versteigern. Wer bietet mit? (Günter Traxler, 21.5.2002)