Stand zuletzt nicht nur bei den Wiener Festwochen, sondern auch beim Ukraine-Benefiz auf der Bühne: Rapper Yung Hurn.

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Wer darf wann, wo und womit auftreten? Wer soll wo und wozu publizieren? Welchen Reizthemen bereitet man willentlich oder versehentlich welche Bühne? Und ist das dann richtig oder falsch? Diese Fragen mussten sich in den letzten Wochen zwei heimische Avantgardefestivals stellen, die traditionell von sich behaupten, Diskursivität in ihrer DNA zu tragen. Gesehen hat man davon im nun eingetretenen Ernstfall wenig.

Was ist passiert? Zunächst geriet das popkulturelle Donaufestival in Krems in den Fokus. Das von Kulturtheoretiker Thomas Edlinger verantwortete Festival wollte sich in diesem Jahr mit kultureller Aneignung und Wiederaneignung beschäftigen. Erschienen ist dazu ein Theoriebegleitband, der unter anderem den Text "Paint it Black" des deutschen Pophistorikers Karl Bruckmaier enthielt.

In diesem Text beschäftigt sich der Autor mit der Geschichte der teils rassistischen Minstrel-Shows in den USA um 1900, aus denen das "Blackfacing" hervorgegangen ist. Bruckmaier setzte damit zu einem "Versuch der Ehrenrettung für eine unverschuldet in Not geratene Kulturtechnik" an, da diese Shows afroamerikanische Karrieren befördert und großen Einfluss auf die entstehende Popkultur gehabt hätten.

Einsicht und Auslöschung

An dieser Reinwaschung einer heute relativ konsensual als rassistisch abgelehnten "Kulturtechnik" setzte es gegen Ende des Festivals Kritik: Die antirassistische Performancegruppe Mei Ling nützte ihren geplanten Festivalauftritt, um gemeinsam mit Studierenden öffentlich den Text als "rassistisch" und "chauvinistisch" zu kritisieren, und forderte eine Reaktion der Festivalleitung ein – die auch kam.

Entschuldigend: Thomas Edlinger beim Donaufestival.
Foto: Heribert Corn

Thomas Edlinger gab sich einsichtig, ließ den Verkauf des Begleitbands stoppen, veröffentlichte eine Entschuldigung, auch weil er auf interne Kritik seines Teams vor der Publikation des Textes nicht gehört habe, und versprach, dass man den Band ohne den problematischen Text online gratis verfügbar machen werde. Passiert ist das bislang nicht.

Dafür blieben bei all jenen, die den Text noch nicht kannten und sich nun ihr eigenes Bild davon machen wollten, viele Fragezeichen. Denn kein Wort verlor Edlinger über den Inhalt des Textes, geschweige denn darüber, was ihn zu seinem – letztlich vielleicht wohlbegründeten – Meinungsumschwung bewogen hatte. Auch die Kritisierenden wollten ihr Urteil inhaltlich nicht weiter begründen. Dem Stein des Anstoßes sollte aus ihrer Sicht keine weitere Aufmerksamkeit zuteilwerden. Deckel drauf, Debatte beendet?

Abkanzeln der Kritik

Szenenwechsel Wiener Festwochen, wenige Tage später: Das Mehrspartenfestival ließ den Regisseur David Schalko für die traditionelle Eröffnung auf dem Rathausplatz neben Bilderbuch und anderen auch den Wiener Rapper Yung Hurn buchen. Irritation und Kritik gab es wegen dessen pornografischer bis frauenverachtender Songtexte, die nicht jeder etwa als ironische Persiflage auf gängige Hip-Hop-Klischees verstanden haben will. Es gibt auch jene, die in Sexismus nichts als Sexismus sehen, selbst dann, wenn sich dieser als Kunst verkauft.

Demonstrativ gelassen: David Schalko bei den Festwochen.
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David Schalko sprach jedenfalls davon, mit Yung Hurn "Welten hereinholen" zu wollen, die normalerweise nicht bei den Festwochen vertreten sind – und meinte damit hoffentlich nicht den Sexismus, sondern die junge Fanschar Yung Hurns, die tatsächlich zahlreich antanzte. Im Vorfeld habe es allerdings einen "starken Cancel-Drang" gegeben, sagte Schalko weiter, beklagte also ein angebliches Drängen zur Absage des Auftritts.

Öffentlich geworden ist allerdings nur normale, legitime Kritik in Internetpostings und mit Protestschildern vor der Bühne. Mit "Cancel-Culture" – ein Wort, das zunehmend oft als Kampfbegriff gegen linke Kritik verwendet wird – per se hat das noch nichts zu tun. Inhaltliche Auseinandersetzung vonseiten Schalkos und der Festwochen mit Fragen wie Sexismus im Rap gab es keine bislang.

In beiden Fällen – Donaufestival wie Festwochen – zeigt sich also, dass die selbsternannten Diskurs- bzw. Avantgardefestivals bei mehr oder weniger unvorhergesehenen Streitthemen recht hilflos agieren.

Hätte Thomas Edlinger beim Donaufestival den problematischen Text nicht mit Anmerkungen versehen zumindest für begrenzte Zeit öffentlich verfügbar lassen können? Führt nicht die Auslöschung eines Kritikgegenstands erst Recht zu Mystifizierung und letztlich Überhöhung desselben? So, dass der Reiz des Verbotenen statt Verständigung nur Polarisierung hinterlässt?

Und hätte David Schalko, anstatt sich in die beleidigte Pose des angeblich zum Canceln Gedrängten zu begeben, nicht vielmehr eine Diskussionsveranstaltung dazu initiieren können? Ja, dazu braucht es immer eine Gegenseite, die gewillt ist, zu diskutieren – bei Themen wie Sexismus im Rap und "Blackfacing" hätten sich aber wohl Leute gefunden.

Deliberative Documenta

Bei den Vorbereitungen zur deutschen Großausstellung Documenta sieht man andererseits auch, wie ein Diskussionsangebot in der Einbahnstraße enden kann. Das Intendantenkollektiv Ruangrupa, dem ein zu sorgloser Umgang mit der umstrittenen Israel-Boykott-Initiative BDS vorgeworfen wurde, wollte als Reaktion offen über den Nahostkonflikt diskutieren lassen – und scheitert seither an der deutschen Angst, Kritik an Israel antisemitisch ausgelegt zu bekommen.

Von Ruangrupa lernen können Kritiker wie Kritisierte dennoch. Denn das zehnköpfige Kollektiv aus Indonesien unternahm zumindest den Versuch, Diskutables nicht durch Rückzugs- oder Trotzreaktionen wegzuwischen, sondern im Gespräch auf einen Austausch von Argumenten zu setzen.

Es ist Kern dessen, was der deutsche Philosoph Jürgen Habermas vor vierzig Jahren mit "deliberativer Demokratie" skizzierte: Es gelte, so viele Gelegenheiten wie möglich zu schaffen, in denen man sich ohne Hierarchie und Untergriff die Meinung geigt. (Stefan Weiss, 21.5.2022)