Andrea S. aus Mailand kann das Geräusch, das der Riss des Zugseils verursachte, bis heute nicht genau beschreiben. "Man hörte ein von oben herkommendes Sirren, gefolgt von einer Art metallischem Peitschenschlag", berichtete er am Wochenende dem "Corriere della Sera".

Nur ein Kind überlebte das Seilbahnunglück vor einem Jahr, 14 Menschen starben.
Foto: EPA/ALESSANDRO DI MARCO

Der 39-Jährige befand sich im Augenblick des Unglücks mit seiner Partnerin auf dem Wanderweg unterhalb der Bergstation der Mottarone-Seilbahn und war unmittelbarer Augenzeuge des Unglücks: Die Kabine, die sich bereits bis auf wenige Meter der Bergstation genähert hatte, raste nach dem Seilriss ungebremst über Andreas Kopf hinweg talwärts – ehe sie bei der ersten Stütze aus dem Tragseil katapultiert wurde und auf den darunterliegenden Felsen zerschellte.

Der Mailänder rannte als einer der Ersten zur Absturzstelle, die ein Bild des Grauens bot: Mehrere tote Passagiere lagen verstreut im steilen Gelände, andere leblose Körper befanden sich in der komplett zerstörten Kabine.

Eklatantes Fehlverhalten

Andrea fand einen schwerverletzten Mann, der noch lebte und leise einige unverständliche Worte sprach. "Ich sagte ihm: 'Halte durch!' – aber kurze Zeit darauf starb er in meinen Armen", erinnert sich Andrea.

Von den fünfzehn Passagieren, die sich in der Seilbahn befunden hatten, überlebte nur der sechsjährige Aitan, der beim Absturz der Kabine seine Eltern, seinen kleinen Bruder und zwei Urgroßeltern verlor.

Die Tragödie am Lago Maggiore vor genau einem Jahr hatte weit über Stresa hinaus für Bestürzung gesorgt – nicht zuletzt deswegen, weil sich schon wenige Tage nach dem Unfall herausstellte, dass ein unfassbares menschliches Fehlverhalten zu der Tragödie geführt hatte: Ein Angestellter der Seilbahn hatte das Notbremssystem mit einer Metallklammer außer Betrieb gesetzt. Die Notbremse greift normalerweise bei einem Riss des Zugseils automatisch in die Tragseile und verhindert damit, dass die Kabine unkontrolliert Richtung Tal rast.

Bei der Mottarone-Seilbahn hatte das Notbremssystem in den Wochen vor dem Unglück nicht richtig funktioniert und zu Betriebsunterbrechungen geführt; anstatt die Bremse zu reparieren, wurde sie mit der Klammer kurzerhand funktionsuntüchtig gemacht. Hätte das System funktioniert, wären die Passagiere mit einem Schrecken davongekommen.

Manipuliertes Sicherheitssystem

Während der Grund für das Versagen der Notbremse schon nach wenigen Tagen ermittelt war – der Seilbahnangestellte ist geständig und behauptet, die Manipulation auf Anweisung seiner Vorgesetzten vorgenommen zu haben –, steht nach wie vor nicht zweifelsfrei fest, was die primäre Ursache des Absturzes war, nämlich der Riss des Tragseils. Das entsprechende Gutachten der Experten wird für den 30. Juni erwartet.

Laut einem der beteiligten Sachverständigen, der vom "Corriere della Sera" vergangene Woche zitiert wurde, sei das Zugseil von innen her verrostet gewesen – nötige Routineservicemaßnahmen, die eigentlich alle drei Monate hätte vorgenommen werden müssen, seien fünf Jahren lang unterlassen worden. Mit anderen Worten: Nicht nur beim Versagen der Notbremsen, sondern auch beim Seilriss scheint krasse Fahrlässigkeit im Spiel gewesen zu sein.

Die Staatsanwältin von Verbano, Olimpia Bossi, ermittelt gegen insgesamt zwölf Personen sowie gegen die Betreibergesellschaft der Seilbahn und den international tätigen Seilbahnbauer Leitner, der mit den Unterhaltsarbeiten an der Mottarone-Seilbahn betraut war.

Den Beschuldigten wird von Bossi die Verursachung eines Desasters, mehrfache fahrlässige Tötung, fahrlässige schwere Körperverletzung und die illegale Entfernung von Sicherheitssystemen vorgeworfen. Der Strafprozess gegen die zwölf Angeschuldigten und die zwei Unternehmen wird im Juli beginnen.

Gedenkstunde

Das Unglück am beliebten Aussichtsberg Mottarone über dem Lago Maggiore ereignete sich zu Pfingsten, am 23. Mai des vergangenen Jahres. Es handelte sich um das erste Wochenende nach der Aufhebung des zweiten Covid-bedingten Lockdowns in Italien, das Wetter war prächtig. Die Strandpromenade und die Restaurants waren voller Touristen, die Hoteliers freuten sich darüber, erstmals nach Monaten wieder einmal ausgebucht zu sein.

"Die Tragödie der Seilbahn war ein großes Trauma für die Bürger", sagt Stresas Bürgermeisterin Marcella Severino ein Jahr nach dem Unglück. Am heutigen ersten Jahrestag der Tragödie findet in Stresa ein Gottesdienst zur Erinnerung an die 14 Toten statt; gleichzeitig wird ein Gedenkstein enthüllt, auf dem ihre Namen eingraviert sind.

Die Seilbahn – neben den vorgelagerten Borromäischen Inseln die wichtigste Touristenattraktion des beliebten Ferienorts am Lago Maggiore – ist derweil nach wie vor außer Betrieb. Wie es mit ihr weitergehen soll, ist noch nicht entschieden: Anfang Mai trafen sich dazu Politiker und Sachverständige, wie Bürgermeisterin Marcella Severino erklärt. Die lokalen Touristiker fordern eine sichere und innovative Anlage binnen kurzer Zeit. (Dominik Straub, 23.5.2022)