Besser als Decken im Bett sind Schlafsäcke für Babys. Diese können sich nicht über die Atemwege legen.

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Für viele Eltern ist es eine der größten Sorgen in den ersten Lebenswochen- und -monaten ihres Säuglings – der plötzliche Kindstod. Die Angst ist groß, dass das Baby einfach nicht mehr aufwachen könnte. Vor allem, weil es im Vorfeld keine Anzeichen oder ähnliches dafür gibt, die auf dieses Krankheitsbild aufmerksam machen.

Zwar konnten in den vergangenen Jahren mögliche Risikofaktoren bestimmt werden, die die Gefahr des plötzlichen Kindstods verstärken, jedoch blieb der Auslöser immer noch unbekannt. Das könnte sich jetzt ändern. Ein Forscherteam unter der Leitung von Carmel Therese Harrington hat eine mögliche Ursache ausfindig gemacht: das Enzym Butyrylcholinesterase. Das zeigt ihre neue Studie, die in der Fachzeitschrift "eBiomedicine" veröffentlicht wurde.

Dieses Enzym ist wichtig für die Kommunikation zwischen Atmung und Gehirn. Die Forscherinnen nehmen an, dass Babys die zu wenig von diesem Enzym besitzen, nicht rechtzeitig aufwachen, wenn sie im Schlaf keine Luft bekommen. Und das wiederum führt dazu, dass diese Babys im Schlaf ersticken.

Seit mittlerweile 30 Jahren erforscht die Australierin Carmel Therese Harrington nun bereits den plötzlichen Kindstod. Und das hat einen sehr persönlichen Grund: Sie selbst verlor ihren Sohn dadurch. Um genügend Geld für die Forschung auftreiben zu können bat sie auf einer Fundraising-Website um Spenden.

Ursachen können nur vermutet werden

Der plötzliche Kindstod oder auch SIDS – Sudden Infant Death Syndrome – ist ein Krankheitsbild, dass per Definition im ersten Lebensjahr auftritt. Es kommt ohne erkenntliche Ursache zum plötzlichen Tod eines Babys, während es schläft. Jährlich versterben in Österreich rund zehn bis 15 Neugeborene am plötzlichen Kindstod.

Die Leiterin der klinischen Abteilung für Neonatologie im AKH Wien, Angelika Berger, erklärt dazu: "Ganz generell wird im Moment vermutet, dass die Ursache für den plötzlichen Kindstod darin liegt, dass diese Kinder eine Störung im sogenannten Arousal-System haben." Dieses System im Gehirnstamm führt dazu, dass Menschen, die keine Luft bekommen, weil die Nase verlegt ist oder ein Kissen die Atemwege blockiert, normalerweise aufwachen. "Man nimmt an, dass bei Kindern die an SIDS versterben, dieses System in irgendeiner Form gestört sein muss", erklärt Berger.

Kein Gamechanger

Und genau da haben die Forscherinnen angesetzt. Sie haben Filterkärtchen mit getrocknetem Blut von 67 Babys, die im Alter zwischen einer Woche und zwei Jahren plötzlich verstorben sind, mit den Proben von gesunden Babys verglichen. Zur Erklärung: Jedem Neugeborenen wird nach der Geburt etwas Blut aus der Ferse entnommen und auf ein Filterkärtchen getropft. Damit wird dann ein Stoffwechselscreening durchgeführt. Anhand dieser aufgehobenen Filterkärtchen entdeckten die Wissenschafterinnen, dass bei den Babys, die am plötzlichen Kindstod verstorben sind, eine deutlich geringere Aktivität des Enzyms Butyrylcholinesterase vorhanden war als bei der Kontrollgruppe an gesunden Babys.

Allerdings ist Kinderärztin Berger zurückhaltend: "Ich bin etwas skeptisch, ob diese Studie jetzt wirklich der große Gamechanger sein wird." Denn eine medikamentöse Behandlung wird es durch diese Erkenntnis allein nicht geben können. Eine Möglichkeit wäre, dieses Enzym mit in das Neugeborenen-Screening aufzunehmen. Jedoch sieht Berger das "als nicht zielführend an." Denn es gab auch Babys in der Studie, die ebenfalls einen niedrigen Wert des gefundenen Enzyms aufwiesen und nicht an SIDS verstorben sind. "Wir würden bei diesen Eltern vermutlich nur unnötig Angst und Panik auslösen," erklärt die Expertin.

Denn selbst wenn man diese Babys ständiger Überwachung aussetzen würde, indem man beispielsweise über einen Monitor Atmung und Herzschlag beim Schlafen überwachen würde, wäre das keine Garantie, dass sie nicht trotzdem am plötzlichen Kindstod sterben könnten. Denn die Kinderärztin weiß: "Es gibt Fälle, bei denen Kinder trotz Überwachung am Monitor plötzlich im Schlaf verstorben sind."

Dennoch ist sich Berger sicher, dass es sich hier um "eine sehr spannende Studie handelt, die uns einmal mehr zeigt, dass bereits bestehende Theorien – dass der plötzliche Kindstod vermutlich mit einem Mangel an Botenstoffen zusammenhängen könnte – in die richtige Richtung führen. Hier kann die Forschung jetzt ansetzen, um auch eventuelle therapeutische Ansätze zu finden."

Risiken ausschließen

Auch wenn es bis jetzt keine endgültige Antwort auf die Frage gibt, warum der plötzliche Kindstod bei einigen Kindern eintritt, gingen seit den 1980er-Jahren die Fälle deutlich zurück. "Damals waren es noch um die 140 Fälle pro Jahr, jetzt sind es noch zehn bis 15", weiß Berger. Das hat damit zu tun, dass Eltern seitdem immer besser über mögliche Risikofaktoren aufgeklärt werden.

Auf folgende Dinge sollte geachtet werden: Babys lieber auf dem Rücken schlafen lassen, nicht in Seitenlage oder auf dem Bauch. Die Temperatur im Schlafzimmer sollte nicht zu hoch sein, und ganz wichtig ist auch, dass nicht geraucht wird. "Vor allem schon in der Schwangerschaft sollte auf das Rauchen komplett verzichtet werden, denn diese Babys haben ein deutlich erhöhtes Risiko, am plötzlichen Kindstod zu sterben", sagt die Kinderärztin. (Jasmin Altrock, 26.5.2022)