In Italien zelebriert man die Liebe zu allem, was das Leben leichter macht.

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Der Artikel stammt aus dem neuen RONDO Exklusiv "Dolce Far Niente", unserem Italien-Schwerpunktheft.

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Früher gab es dieses geflügelte Wort, das da lautete: In Italien ist eigentlich alles besser – bis aufs Bier. Wenn man es heutzutage seltener hört, dann in erster Linie, weil es inzwischen dank Craft-Beer-Welle auch wunderbares italienisches Bier gibt.

Nun ist mit "alles" freilich auch nicht unbedingt die italienische Infrastruktur gemeint, nicht die Effizienz der Bürokratie und auch nicht (mehr) die Fußballnationalmannschaft. Sondern viel mehr die schönen und genussvollen Dinge des Lebens.

Italien definiert sich geradezu über Schönheit und Genuss – über die Schönheit seiner Kulturstädte und -landschaften, seines Designs, der Mode und des Klimas. Und über den Genuss von gutem Essen und Trinken, über die Freude am Kaffee an der Bar, einem Mittagessen mit der Familie oder einem Aperitivo mit Freunden. Kurz: Italien steht für die Schönheit des Lebens – und für die Liebe zu allem, was das Leben leichter macht.

Qualität des Espressos

Italien definiert sich geradezu über Schönheit und Genuss.
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Vieles, das anderswo gerne als Nebensache betrachtet, als Belanglosigkeit abgetan, als Oberflächlichkeit verschrien wird, hat in Italien nicht nur einen deutlich höheren Stellenwert, sondern wird geradezu zelebriert. Bekanntlich zeigt sich das bereits an der Qualität des Espressos in der erstbesten Raststätte gleich nach einem x-beliebigen Grenzübergang.

Dabei tritt auch gleich eine der zahlreichen, recht kindischen Verhaltensregeln in Kraft, denen hierzulande so viel Bedeutung zukommt. Wer jetzt nämlich einen Cappuccino bestellt, hat sich, außer es ist noch Vormittag und somit Frühstückszeit, als geradezu kulturloser, zum Genuss unfähiger Barbar geoutet.

Reisende früherer Zeiten

Man trinkt also brav seinen Espresso und gedenkt dabei der Reisenden früherer Zeiten. Als man nach einer von Mühsal geprägten Alpenüberquerung, den Wetterkapriolen trotzend, bedroht von Lawinen, Straßenräubern und wilden Tieren, die Berge hinter sich gelassen hatte und endlich in der fruchtbaren und sonnengefluteten Po-Ebene stand – mit Blick auf Weinberge, Reisfelder oder auf einen der pittoresken oberitalienischen Seen. Dazu Palmen, Zitronenbäume und blühende Oleanderstauden. Und alles gebadet im herzerwärmenden Licht des Südens.

Bereits seit der Renaissance ist Italien als touristische Destination beliebt.
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Es war dieses vielgerühmte Licht des Südens, in Kombination mit den Kulturschätzen der Antike und der Renaissance, das schon ab dem 18. Jahrhundert die ersten echten Touristen nach Italien zog. Unter ihnen Maler, Musiker, Dichter, die sich auf die sogenannte Grand Tour begaben.

Es war eine Premiere in der Geschichte: eine Reise nicht aus beruflichen, kriegerischen oder religiösen Gründen, sondern um die Schönheit des Landes aufzusaugen und sich seine Kultur einzuverleiben. Darüber, was sie dabei konkret aßen und tranken, weiß man freilich nicht allzu viel. Anzunehmen ist aber, dass es bereits damals an der sonnenverwöhnten Südseite der Alpen bessere Kost und besseren Wein gab als beispielsweise in Goethes Weimar.

Kulinarische Rahmenbedingungen

So richtig gut italienisch isst man in Wahrheit nur in Italien.
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Heutzutage ist die Küche allemal ein Grund, warum man so gerne nach Italien reist. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es im Ausland von italienischen Restaurants nur so wimmelt. Denn obgleich die italienische die wohl meistexportierte Küche der Welt ist, ist sie zugleich jene, die am schlechtesten reist.

So richtig gut italienisch isst man in Wahrheit nur in Italien. Was allerdings weniger am Können der im Ausland tätigen Küchenchefs liegt, und schon gar nicht an der komplexen Zubereitung der Gerichte, sondern ausschließlich an den nichtreproduzierbaren Rahmenbedingungen. Am nichtexportierbaren sozialen, familiären und kulturellen Stellenwert, den das Essen hierzulande nun einmal hat.

Liebe zur Pasta

Man denke nur an die Pizza. Die bekommt man anderswo, etwa in New York, von wo aus sie die Welt eroberte, aber auch in Wien, in vielen Fällen in besserer Qualität als in ihrer ursprünglichen Heimat. Doch ein regelrechtes Erlebnis ist der Pizzeriabesuch nur in Italien, wo er zum geselligen Ereignis für die ganze Familie wird, inklusive Großvätern, Tanten und Taufpaten.

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Oder an das zweite Stereotyp: die Pasta. Zufall ist es keiner, dass es immer wieder heißt, dass die Liebe zur Pasta eines der wenigen Dinge ist, die die Italiener von Norden bis Süden einen. In Wahrheit eint die Pasta aber die Menschheit. Denn welcher Erwachsene, welches Kind, mag keine Nudeln? Und doch werden sie nirgendwo so zelebriert wie in Italien. Das belegen auch die etlichen Dogmen und Verhaltensregeln: Parmesan auf die Penne mit Pilzen? Eine Untat. Obers in der Carbonara? Barbarei. Spaghetti im Löffel drehen? Teutonische Unkultur. Sie womöglich gar mit dem Messer zerschneiden? Zurück hinter den Brenner und lebenslanges Nudelverbot.

Verspielte Eleganz

Nun könnte man das alles freilich als kindischen Firlefanz abtun (was es ja auch ist). Doch womöglich liegen Zauber und Anziehungskraft des Landes nicht zuletzt darin, dass sich die Italiener gegen den Ernst des Lebens, gegen das Erwachsenwerden stemmen. Mit dem Resultat, dass hier alles ein Stück leichter und verspielter erscheint.

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Man braucht nur während der "passeggiata" – des im ganzen Land gepflegten, allabendlichen Spaziergangs durchs Stadtzentrum – beobachten, wie Herren im besten Alter in viel zu engen Jeans, Designerturnschuhen und aufgestellten Polokrägen sich zu kitschigen orange-roten Drinks auf Caféterrassen treffen. Oder wie selbst in tiefster Provinz Frauen allen Alters elegant und selbstsicher durch Fußgängerzonen stöckeln, als handle es sich um die Mailänder Via Montenapoleone oder die Piazza Navona in Rom.

Respekt für die Italiener

In Anbetracht der zur Schau gestellten Leichtigkeit, Verspieltheit und der Kindereien vergisst man nur allzu leicht, welchen Respekt die Italiener eigentlich verdienen. Nämlich dafür, dass sie so vieles unter einen Hut bekommen. Zumal die allermeisten unter ihnen nicht nur Vorbilder in Sachen Genusskultur und Lebensfreude sind, sondern – abseits aller fest verankerten Klischees – auch hart arbeitende Menschen.

In Wahrheit ist das Land, trotz zahlreicher nicht wegzuleugnender Probleme, eine volkswirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Mit einem Bruttosozialprodukt, das unter den zehn höchsten der Welt rangiert; mit effizienten Dienstleistungen, moderner und produktiver Industrie, wettbewerbsfähiger Landwirtschaft mit hohem Bioanteil sowie funktionierendem Sozial- und Gesundheitssystem. Und inzwischen auch mit sehr gutem Bier. Sowie einer Fußballmannschaft, die zwar wieder einmal die WM verpasst, aber immerhin regierender Europameister ist. (Georges Desrues, RONDO exklusiv, 9.6.2022)