Überzeugen mit zurückgenommenem Spiel in "L’Aventure invisible".

Bresadola

Kaum ein Wort sagt man vermutlich so oft und unbedacht dahin wie das Wort "ich". Dabei ist es ein böses kleines Wörtchen, und würde das Gegenüber plötzlich zurückfragen, wer denn dieses Ich sei – was würde man antworten? Die meisten der vermeintlich sicheren Beweise für die Existenz unseres Ichs sind nämlich beileibe nicht so sicher, wie Marcus Lindeen in seiner kleinen, sehr feinen französischsprachigen Festwochen-Produktion L’Aventure invisible zeigt.

Der schwedische Autor, Regisseur und Filmemacher, der seine Karriere als Journalist startete, verarbeitet darin Interviews mit drei Menschen, die alle auf ihre Art etwas zur Frage "Wer ist Ich?" beizusteuern haben.

Das Gesicht transplantiert

Da ist zum einen der Franzose Jérôme Hamon, dem aufgrund einer Erbkrankheit zweimal das Gesicht transplantiert werden musste und der als "Mann mit den drei Gesichtern" in die Sensationspresse-Geschichte einging. Der Abend beginnt damit, dass Hamon darüber spricht, nicht selbst auf der Bühne auftreten zu wollen; er möchte seine Gefühle nicht exponieren. Als Besetzung schlägt er eine sehr junge Person vor. Aber Sie sind 45, entgegnet der Interviewer. "Ja, aber mein Gesicht ist jung." Der Spender war Anfang 20, als er verstarb.

Auf der Bühne wird Hamon nun von einem rothaarigen Milchgesicht (Tom Menanteau) repräsentiert, ein jugendliches Antlitz, das mit der Würde und Erfahrung eines mittelalten Mannes spricht. Daneben steht die Geschichte der Neurowissenschafterin Jill Bolte Taylor (Isabelle Girard), die mit 37 Jahren einen Schlaganfall erleidet und danach von neuem lernen muss, sie selbst zu sein.

Wer wird als Ich erkannt

Eine Art Bindeglied stellt die Künstlerin Sarah Pucill dar. Ihr Film Magic Mirror, der 2013 in der Tate Modern Premiere hatte, reinszeniert die Fotografien der heute kaum bekannten surrealistischen Künstlerin Claude Cahun, die damals zum Kreis des "homophoben Arschlochs" (Zitat Pucill) André Breton gehörte. Pucill, auf der Bühne dargestellt vom queeren Musiker Franky Gogo, und Cahun bringen als nonbinäre Personen die Ebene der sozialen Identität hinein: Wer wird als "Ich" überhaupt anerkannt?

Lindeen findet für komplexe philosophische Fragen ein stimmiges Setting, das verfängt: Es gibt keine Bühne, nur eine kreisförmige Tribüne, auf deren innerster Rundbank die drei Performer:innen inmitten des Publikums Platz nehmen (Bühne: Mathieu Lorry-Dupuy). Sie wiederholen die Interviewsituationen, auf denen das Stück basiert, und befragen sich gegenseitig. Im Verlauf des Abends tauschen sie dreimal die Plätze, sodass das Publikum allen ins Gesicht blicken kann.

Gegliedert wird die hochkonzentrierte, empathische Gesprächssituation von einigen Blacks sowie von Ausschnitten aus Pucills Filmen und Fotografien von Cahun, das Sounddesign von Hans Appelqvist fügt sich organisch ein und sorgt für eine zusätzliche atmosphärische Ebene.

Übersetzung per Handy

Spannend bleibt das über die gesamte Länge von 75 Minuten hindurch – wobei diejenigen, die Französisch verstehen, klar im Vorteil sind. Die Übertitel werden nicht über dem Geschehen projiziert, sondern von den Festwochen als App zur Verfügung gestellt.

So wähnt man sich bisweilen wie in der U-Bahn, umgeben von über ihre Handys gebeugten Gestalten. Ein Teil des Publikums hebt den Blick kaum nach oben – das ist schade, weil sie so um das zurückgenommene und gerade deshalb fesselnde Spiel des Ensembles gebracht werden. (Andrea Heinz, 31.5.2022)