Töchtern Gleichberechtigung in einer nicht gleichberechtigten Welt vermitteln – das ist alles andere als einfach.

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Kinder mit Fragen von Gleichberechtigung und Diskriminierung zu konfrontieren ist eine Herausforderung. Doch sei es das Patriarchat oder Rassismus: Kinder bemerken schnell, dass große Unterschiede zwischen Menschen gemacht werden – und diese bewertet werden. Viele Mütter wollen heute ihre Töchter frei von Stereotypen und geschlechterspezifischen Beschränkungen aufwachsen lassen. Doch viele Kindergärten, Schulen, die Spielzeug- und Unterhaltungsindustrie oder andere Eltern verfestigen weiter Klischees und Vorurteile. Hinzu kommt, dass viele Mütter noch selbst mit ihrer sexistischen Sozialisation und somit mir ihren Körpern oder Erwartungen an sie kämpfen. Die Kleinkindpädagogin und Familienbegleiterin Susanne Mierau hat ein Buch darüber geschrieben, wie Eltern Töchtern Gleichberechtigung vermitteln können.

STANDARD: Vor welchen Herausforderungen stehen Mädchen heute?

Mierau: Einerseits leben sie in einer Welt, in der es viele positive Entwicklungen bei der Emanzipation und Stärkungen ihres Selbstbewusstseins gibt. Auf der der anderen Seite sind sie aber auch mit sehr traditionellen Rollenbildern in Kontakt. Wir sagen ihnen, du kannst werden, was du willst, gleichzeitig haben wir Spielzeugkataloge, in denen das Spielzeug in Jungs- und Mädchensachen aufgeteilt ist, in Rosa und Blau. Ebenso bei den Anziehsachen. Und dann sind da noch stark retraditionalisierende Entwicklungen im Ausland, die natürlich auch hier Einfluss nehmen können, betrachten wir beispielsweise die Abtreibungsverbote in den USA, aber auch in Polen.

Susanne Mierau, "New Moms for Rebel Girls. Unsere Töchter für ein gleichberechtigtes Leben stärken". € 19,– / 320 Seiten. Beltz-Verlag, 2022
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STANDARD: Wo sehen Sie Stolpersteine für feministische Eltern?

Mierau: Es gibt die Stolpersteine durch die Umgebung. Auch wenn man eine feministische Mutter, ein feministischer Elternteil ist, sind die Kinder ja mit diversen Stereotypen konfrontiert. Im Kindergarten finden etwa alle Freundinnen Prinzessin Lillifee großartig oder später "GNTM". Zwar findest man das selbst total doof, andererseits will man dem Kind die Sicherheit geben, über alles reden zu können. Hinzu kommt, dass wir ja selbst mit bestimmten Mustern aufgewachsen sind, die sich manifestiert haben – und die uns manchmal gar nicht bewusst sind. Gerade in Hinblick auf Schönheitsideale. Manchmal sind es Wörter oder Sätze, über die man sich nachher denkt, das war jetzt aber blöd zu sagen oder warum denk ich das?

STANDARD: Was, wenn das Kind etwa eine Serie mit vielen Geschlechterklischees sehr mag? Sagen, dass man die Serie blöd findet?

Mierau: Das kann man durchaus sagen. Kinder können es sich anschauen, aber sie sollen gleichzeitig ein Gegengewicht angeboten bekommen. Und es ist wichtig zu sagen, warum einem das nicht gefällt – etwa dass man eine Folge nicht gut findet, weil zu einem Mädchen dies oder jenes gesagt wurde. So sind Kinder dem nicht einseitig ausgesetzt, sondern sie bekommen gleichzeitig vor Augen geführt, wie sie das auch betrachten könnten, und es kann gemeinsam diskutiert werden. Die Kinder sollen wissen, dass sie darüber reden können und es nicht tabuisiert wird. Sie wissen dann auch, dass die Eltern daran etwas auszusetzen haben – und das arbeitet dann in ihnen.

STANDARD: Viele Mädchen wollen sich in einem bestimmten Alter besonders "mädchenhaft" kleiden, alles glitzert und glänzt. Das wird oft als Entwicklungsphase betrachtet, in der sie sich nun einmal ihrer Identität als Mädchen ganz intensiv widmen würden. Stimmt das?

Mierau: Die Kinder haben im Vorschulalter eine Phase, in der sie das Geschlecht, zu dem sie sich zuordnen, überspitzen. Zum Beispiel eine extreme Einhorn-Glitzer-Zeit bei Mädchen oder Bagger-"Paw Patrol"-Phase bei Buben. Wichtig ist hier wieder, ein Gegengewicht zu bilden. Wenn ein Mädchen viel mit Barbies spielen möchte, ist es gut, auch Puppen anzubieten, die anders aussehen, und auch andere Spielsachen anzubieten. Oder Kinderbücher, in denen nicht nur normschöne Kinder und Frauen abgebildet sind, sondern Menschen in ihrer Vielfalt.

STANDARD: Für viele Frauen ist das Thema Körper ein schwieriges. Sie wissen zwar in der Theorie, dass sie aufgrund eines patriarchalen Blickregimes glauben, so oder so aussehen zu müssen – in der Praxis kämpfen sie trotzdem oft mit Diäten. Wie sollen Mütter gegenüber ihren Töchter mit negativen Gefühlen gegenüber ihrem eigenen Körper umgehen?

Es sei wichtig für Töchter, dass Mütter ein gutes Beispiel für Selbstfürsorge abzugeben, sagt Susanne Mierau.
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Mierau: Es ist wichtig, dass man über diese Ambivalenz spricht, sie erklärt. Beispielsweise dass es einem aufgrund der eigenen Prägungen schwerfällt, gut damit umzugehen bei sich selbst. Auf der anderen Seite können wir viel tun, damit unsere Kinder dieses Thema anders wahrnehmen. Während bei Jungs eher kommentiert wird, was sie getan haben, dass sie beispielsweise sportliche oder schulische Erfolge gezeigt haben, wird bei Mädchen die Bewertung eher auf das Äußerliche gerichtet – dass sie die Haare schön haben oder etwas Süßes anhaben. Wenn wir so etwas vermeiden, können wir den Fokus auf etwas anders richten – und gleichzeitig sagen, dass das für einen selbst noch schwer ist.

STANDARD: Unsere Gesellschaft ist voll von Geschlechterstereotypen. Inwieweit würden Sie raten einzugreifen – etwa Pädagoginnen darum zu bitten, nicht jedes Mal die Kleidung der Tochter zu kommentieren? Oder müssen Kinder lernen, selbst damit zurechtzukommen?

Mierau: Es gibt glücklicherweise immer mehr Angebote für Fortbildungen zur Sensibilisierung für pädagogisches Fachpersonal. Nicht nur in Bezug auf Mädchen, sondern für alle Kinder. Denn es ist genauso schlecht, wenn Jungs ständig in Schubladen gesteckt werden. Es ist sehr wichtig, dass Schulen und Kindergärten hier eine sensible Arbeit machen, denn es geht dabei darum, psychische Gesundheit für alle zu gewährleisten. Aber auch Eltern können das ansprechen, etwa auf Elternabenden. Doch in erster Linie ist es die Aufgabe der Institutionen, sich darum zu kümmern und moderne Erziehungskonzepte zu verfolgen.

STANDARD: Wie sehen Sie sie die Rolle von Vätern bei der Aufgabe, Mädchen ein gleichberechtigtes Weltbild nahezubringen?

Mierau: Väter sind da sehr wichtig, sofern sie in der Familie vorhanden sind. Sie haben einen prägenden Einfluss auf ihre Töchter und ihr Selbstwertgefühl. Auch bei ihnen geht es darum, was kommentiert wird, wie mit ihnen gespielt wird. Und sie beeinflussen ihre Töchter auch dadurch, wie sehr sie an der Fürsorge beteiligt sind. Dass wir Fürsorge gleichwertiger verteilen müssen, das ist ein wesentliches Thema der feministischen Erziehung, dass Frauen nicht immer denken, sie müssten sich zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit aufreiben. Die Mädchen können durch die Arbeitsteilung der Eltern ein Bild davon bekommen, dass Fürsorge gleich verteilt werden kann.

STANDARD: Wie können wir es vermeiden, dass eine feministische Erziehung Müttern Druck macht? Dass sie das Gefühl haben, noch etwas Zusätzliches hinbekommen zu müssen? Ihre eigene Sozialisation so in Bahnen zu lenken, dass sie ihren Töchtern nicht schadet – das klingt auch anstrengend.

Mierau: Ja, das ist ein wichtiger Punkt, denn wir sind ja schon durch die viele Fürsorgearbeit überlastet. Wir sollten es nicht als Zwang verstehen, etwa dass man sich so und so viel mit feministischer Literatur beschäftigen muss. Wichtig ist hingegen, selbst ein anderes Beispiel für Selbstfürsorge abzugeben. Dass Mütter auch für sich selbst da sind, das ist eine wichtige Grundlage für unsere Töchter, um anders aufwachsen zu können. Es geht also primär darum, Mütter so zu stärken, dass sie selbstbestimmte Wege gehen können. (Beate Hausbichler, 31.5.2022)