Eine Frau war beim Aussteigen nach einem Flug von Griechenland nach Wien gestürzt.

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Fluggesellschaften haften auch dann für Verletzungen ihrer Fluggäste, wenn sich Unfälle nicht direkt im Flugzeug, sondern auf der Zustiegsrampe ereignen. Das hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) am Donnerstag im Verfahren einer Frau gegen die Austrian Airlines klargestellt (EuGH 2.6.2022, C-589/20).

Laut dem EU-Höchstgericht ist im aktuellen Fall das Übereinkommen von Montreal anwendbar. Das Besondere daran: Fluggesellschaft haften für jegliche Verletzungen – unabhängig davon, ob sie Schuld haben. Die AUA könnte sich aber von der Haftung befreien, indem sie beweist, dass die gestürzte Frau selbst für ihre Verletzungen verantwortlich war, weil sie etwa unaufmerksam gewesen ist.

Sturz beim Ausstieg

Die Frau war zusammen mit ihrem Mann und ihrem zweijährigen Sohn von Thessaloniki nach Wien geflogen. Beim Aussteigen kam der Ehegatte, der in beiden Händen einen Trolley hielt, beinahe zu Fall. An der gleichen Stelle stürzte dann die Frau, die hinter ihm ging – mit einer Handtasche in der rechten Hand und ihrem Sohn auf dem linken Arm.

Dabei brach sie sich den linken Unterarm und verlangte wenig später 4600 Euro Schadenersatz von der AUA. Das Landesgericht Korneuburg war sich im Verfahren allerdings nicht sicher, ob das Übereinkommen von Montreal, das die Haftung für Flugunternehmen festlegt, auf eine derartige Situation anwendbar ist.

Freibeweis möglich

In seinem Urteil hat das höchste EU-Gericht nun entschieden, dass das der Fall ist – und zwar unabhängig davon, ob die Fluggesellschaft selbst schuldhaft gehandelt hat oder nicht. Gleichzeitig hat der EuGH aber klargestellt, dass Unternehmen nicht zahlen müssen, wenn Fluggäste selbst für Verletzungen verantwortlich sind.

Das EU-Höchstgericht hat in seiner Entscheidung zwar darauf hingewiesen, dass sich die Frau beim Aussteigen nicht am Handlauf festhielt. Sie habe sich dabei aber um ein Kind kümmern müssen – was ihr nicht vorwerfbar sei. Die endgültige Entscheidung liegt nun beim Landesgericht Korneuburg. (japf, 2.6.2022)