Ein Reizdarmsyndrom kann die Lebensqualität massiv beeinträchtigen. Doch anders als gedacht sind Unverträglichkeiten fast nie der Auslöser dafür.

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Manchmal ist es nach einem Familienessen in angespannter Stimmung passiert. Ab und zu ist eine Diskussion mit ihrem Freund den Bauchkrämpfen vorausgegangen. Ein stressiger Morgen, wenn sie verschlafen hatte, konnte eine Attacke auslösen. Oder es gab gar keinen Grund dafür. Doch Bauchkrämpfe hatte Susanne B. (Name von der Redaktion geändert) regelmäßig. So starke, dass sie zum Teil nicht mehr aufrecht stehen konnte, sich vor Schmerzen krümmte – Übelkeit, Schweißausbrüche und völlige Erschöpfung inklusive. Erleichterung setzte erst ein, wenn sie nach 30 bis 45 Minuten überfallsartigen Durchfall bekam, bei dem sich der gesamte Darm entleerte.

Heute leidet die 40-Jährige nur noch ganz selten an solchen Attacken. Mittlerweile weiß sie, dass sie mit Stress verbunden sind, in irgendeiner Form zumindest. Jetzt ist ihr auch klar, dass es sich dabei um ein Reizdarmsyndrom handelt. "Aber damals, vor 20 Jahren, hat das noch kein Mensch gekannt. Ich bin zu Ärzten gelaufen, hab mich von oben bis unten durchchecken lassen, aber die Antwort war immer nur: Sie haben nichts."

Kein Befund bei Routineuntersuchungen

Dabei sind zwischen 15 und 20 Prozent der Menschen in Österreich in unterschiedlicher Intensität von einem Reizdarmsyndrom betroffen. Das Problem: Bei Routineuntersuchungen findet man normalerweise nichts. "Man muss dann andere Krankheiten, die für das Beschwerdebild infrage kommen könnten, ausschließen. Es gibt mittlerweile eine Standardabklärung, die sogenannte Basisuntersuchung. Dafür werden Blut- und Stuhlproben entnommen, Entzündungsparameter untersucht und auch Zöliakie ausgeschlossen. Bei Frauen wird dazu auch eine gynäkologische Untersuchung gemacht", erklärt Gabriele Moser, Internistin, Psychotherapeutin und Leiterin der Ambulanz für gastroenterologische Psychosomatik am Wiener AKH.

Mittlerweile gibt es auch offizielle Kriterien, die ein Reizdarmsyndrom beschreiben. Diese Rom-Kriterien für funktionelle gastrointestinale Störungen wurden erstmals bereits vor rund 30 Jahren festgelegt, seit 2015 gelten die Rom-IV-Kriterien. Die wesentlichen Eckpunkte für eine Reizdarm-Diagnose: Symptombeginn mindestens sechs Monate vor Diagnosestellung, Beschwerden durchschnittlich an mindestens einem Tag pro Woche in den letzten drei Monaten und wiederkehrende Bauchschmerzen assoziiert mit mindestens zwei der folgenden Kriterien: Zusammenhang mit Stuhlentleerung, Änderung der Stuhlfrequenz und Änderung der Stuhlkonsistenz. In anderen Worten: Man bekommt überfallsartigen Durchfall.

Im Grunde handelt es sich um eine Störung der Bauch-Hirn-Kommunikation, sagt Moser: "Bei den Betroffenen besteht eine Überempfindlichkeit auf normale Reize. Sie haben eine viszerale Sensitivität und spüren ganz normale Darmdehnungen stärker. Das macht den meisten Patientinnen und Patienten die größten Probleme." Die Trigger sind unspezifisch, man kann oft nicht genau sagen, was die Anfälle konkret verursacht. Moser stellt aber klar: "In den meisten Fällen haben Unverträglichkeiten oder Intoleranzen nichts damit zu tun."

Unverträglichkeiten meist kein Auslöser

Das denken aber viele, sie probieren herum, machen diverse Unverträglichkeitstests oder folgen Ernährungsempfehlungen, bei denen sie immer mehr Lebensmittel weglassen müssen. Dabei ist das frustrierend und in den allermeisten Fällen auch nicht zielführend. Moser weiß: "Ganz vielen Betroffenen ist nicht klar, dass sie einfach hypersensibel auf diese Dehnungen und andere chemische Reize sind."

Wissenschaftliche Studien zeigen nämlich klar, dass Reizdarm-Betroffene häufig eine Vermehrung der sogenannten Mastzellen haben. Die setzen Histamin frei, das passiert im Normalfall unter Stresseinfluss. Und das hat eben die beschriebene Wirkung auf den Darm. "Reizdarm ist ganz klar mit Stress assoziiert, und tatsächlich haben viele daran Leidende auch psychische Belastungen und chronischen Stress. Aber auch ein reduziertes Darmmikrobiom, also eine geringere Vielfalt an Bakterien, oder eine starke Darminfektion kann eine Ursache sein", erklärt Moser. Und sehr oft ist es auch eine Kombination aus mehreren Faktoren.

Zu wenig Vielfalt im Mikrobiom

Ursache für ein reduziertes Darmmikrobiom sind meist mehrfache Antibiotikakuren, oft schon im Kindesalter, die wichtige Bakterienstämme langfristig zerstören. Das ist insofern ein Problem, als diese Reduktion die Darmwand "durchlässig" werden lassen kann. "Studien haben gezeigt, dass bei manchen Betroffenen die Darmbarriere gestört ist, das bedeutet, es können Stoffe durch die Darmwand in den Bauchraum gelangen, die dort nicht hingehören. Das führt dann zu Mikroentzündungen, die wiederum die Schmerzen hervorrufen können", erklärt Thomas Pachtner, Kinderarzt und Leiter der Spitalsambulanz für pädiatrische Gastroenterologie, Ernährung und Endoskopie am St.-Josef-Krankenhaus in Wien. Man nennt das Leaky-Gut-Syndrom.

Dazu kommt, dass die Patientinnen und Patienten häufig eine sehr niedrige Triggerschwelle haben, gerade im Kindesalter. Pachtner erzählt: "Wegen ihrer Leidensgeschichte haben die Kinder oft schon beim Aufstehen Angst, dass sie Bauchweh bekommen, wenn sie etwas essen. Und das verstärkt wiederum die Schmerzen." Langfristig nimmt dadurch die Schmerztoleranz ab, deshalb empfiehlt Pachtner betroffenen Kindern durchaus auch einen Gang zum Psychologen: "Es ist wichtig, dass man den Kindern beibringt, wie sie mit den Bauchschmerzen umgehen können, man darf sie mit dem Problem nicht alleine lassen."

Hilfe durch FODMP-Diät

Ein weiterer wichtiger Behandlungsansatz geht über die Ernährung, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Die sogenannte FODMAP-Diät kann helfen. Bei dieser geht es nicht um Unverträglichkeiten, sondern darum, die Darmbewegungen, die die Schmerzen im Normalfall auslösen, zu verringern. Dabei wird über eine bestimmte Zeit auf gewisse, definierte Lebensmittel, die unter dem Begriff FODMAP zusammengefasst sind, verzichtet. Die Abkürzung steht für Fermentierbare Oligosaccharide (z. B. Fruktane und Galaktane), Disaccharide (z. B. Laktose), Monosaccharide (z. B. Fruktose) und Polyole (z. B. Sorbit, Maltit, Xylit). Man verzichtet also auf bestimmte Zucker- und Alkoholverbindungen, die in Lebensmitteln enthalten sind.

Kinder-Gastroenterologe Pachtner weiß aus seiner Praxis: "Hält man sich daran, kann man davon ausgehen, dass sich die Symptome deutlich bessern. Man muss aber wirklich konsequent sein in der Anwendung." Und man sollte diese Ernährungsumstellung nicht ganz alleine machen, sondern sich diätologisch begleiten lassen. Denn auf eigene Faust könnte die Ernährung langfristig zu einseitig werden, was wiederum Mangelzustände bedingen kann.

Den Bauch hypnotisieren

Internistin Moser setzt vor allem auf die Behandlung der Bauch-Hirn-Achse. Dafür gibt es die wissenschaftlich untersuchte und in ihrer Wirksamkeit bestätigte Methode der Bauchhypnose: "Die kann man sich wie eine Art Meditation vorstellen, die sich auf die Bauchorgane bezieht. Man arbeitet mit der eigenen, warmen Hand und einigen speziellen Griffen, kombiniert mit Atemübungen. So gelangt man in einen Entspannungszustand." Eine Einheit dauert 30 bis 45 Minuten, an der Ambulanz für gastroenterologische Psychosomatik kann man die Methode lernen.

Moser weiß: "70 Prozent aller Betroffenen haben bereits nach zehn Sitzungen eine signifikante Minderung der Beschwerden, die Lebensqualität verbessert sich deutlich, Depressivität und Ängstlichkeit nehmen ab." Die Wirkung ist nachhaltig, im Gegensatz zu Medikamenten, die nur symptomorientiert sind. Und die Betroffenen können wieder ein normales Leben führen: "Menschen mit starkem Reizdarmsyndrom schränken sich oft sehr ein, weil das Phänomen tabuisiert ist. Sie trauen sich dann nicht mehr richtig raus, weil sie ständig und ganz unvorhergesehen Blähungen, Krämpfe und Durchfall haben."

Manchen Betroffenen empfiehlt Moser auch Psychotherapie, vor allem Menschen mit traumatischen Belastungen und chronischem Stress. "Aber bei weitem nicht alle mit dem Problem haben eine psychische Symptomatik. Da ist die Bauchhypnose das perfekte Tool."

Darmsanierung und Yoga

Auch die Einnahme von Probiotika kann unterstützen. Moser erklärt: "Es gibt viele Studien zu dem Thema, aber man kann sie nicht wirklich miteinander vergleichen, die Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich, und oft sind sie auch von den Herstellern der Präparate in Auftrag gegeben. Ich würde ein breites Produkt empfehlen, mit vielen Bakterienstämmen, Bifido- und Laktobazillen." Schaden könne das nicht, sagt die Internistin, aber "man darf sich auch keine Wunder davon erwarten".

Susanne B. hat ihr Reizdarmsyndrom mittlerweile seit vielen Jahren gut unter Kontrolle, nur noch in ganz seltenen Fällen bekommt sie Bauchkrämpfe. Erstmals gebessert haben sich die Beschwerden, als sie eine Darmsanierungskur machte, nach der Methode von F. X. Mayr, bei der man altbackene Semmeln so lange kaut, bis sie im Mund zu Brei werden, und diesen dann mit kleinen Schlucken Milch hinunterspült. Als sie dann auch noch begann, regelmäßig Yoga zu machen, kamen die Attacken immer seltener.

"Bei mir hat diese Kombination aus Darmsanierung und Entspannungstraining wahre Wunder gewirkt. Doch es war in Wirklichkeit ein Glücksgriff. Ich habe einfach aus der Not heraus vieles ausprobiert und irgendwann gemerkt, es geht besser. Heute wird man mit dem Problem von den Ärztinnen und Ärzten auch ernst genommen, das war vor 20 Jahren bei den allermeisten noch nicht so." Umso wichtiger findet sie es, dass man inzwischen ein Bewusstsein für dieses Problem entwickelt hat und es auch konkrete und vor allem wissenschaftlich erwiesen wirksame Therapieansätze gibt. Denn sie weiß, das steigert die Lebensqualität unendlich. (Pia Kruckenhauser, 9.6.2022)