Kinderbetreuung

Foto: Stefan Boness/imago/Ipon

Wien – Die Corona-Pandemie hat in Österreich vor allem Frauen im ländlichen Raum beruflich hart getroffen: Die Arbeitslosigkeit ist stark gestiegen, gleichzeitig wurden ab dem zweiten Lockdown besonders viele in Kurzarbeit geschickt, zeigt eine OGM-Studie im Auftrag der Arbeiterkammer (AK) Wien. Als Grund wird neben der Branchen- und Berufsstruktur die fehlende Kinderbetreuung ausgemacht. Die AK fordert nun einen Kraftakt von Bund, Ländern und Gemeinden für bessere Kindergartenangebote.

Frage der Verfügbarkeit

Auf dem Land seien Kindergärten, die mit Vollzeitbeschäftigung vereinbar (VIF-konform) sind, immer noch ein "Minderheitenprogramm", kritisiert Ingrid Moritz, Leiterin der AK-Wien-Abteilung Frauen und Familie. So würden zwar im Österreich-Schnitt fast zwei Drittel der unter Dreijährigen und mehr als die Hälfte der älteren Kinder einen VIF-konformen Kindergarten besuchen (mindestens 45 Stunden pro Woche geöffnet, an vier Tagen 9,5 Stunden, maximal fünf Wochen pro Jahr geschlossen, Anm.). In den dünn besiedelten Gebieten sei es aber gerade einmal ein Drittel.

"Hier verstärkt sich, dass es im ländlichen Raum – auch in Verbindung mit traditionellen Wertvorstellungen – sehr wenig Kleinkindbetreuung gibt, die dann auch noch nicht VIF-konform ist", bemängelt Moritz. Absolute Schlusslichter sind hier laut Auswertung der Statistik Austria Oberösterreich mit 4,8 Prozent bei den Null- bis Dreijährigen und 9,6 Prozent bei Älteren sowie Vorarlberg mit 12,4 bzw. 4,8 Prozent.

Dabei würden mehr VIF-konforme Kindergartenplätze im dünn besiedelten Gebiet den Frauen wesentlich mehr Spielraum am Arbeitsmarkt ermöglichen, betont Moritz. Immerhin sei es eine massive Einschränkung, wenn der Kindergarten nur von 8 bis 13 Uhr geöffnet sei. Dazu komme, dass das Vereinbarkeitsproblem auf dem Land sich bei den Schulen fortsetze.

Frauen öfter in Kurzarbeit

Dieser Faktor hat laut der OGM-Analyse auch bei der Verteilung der Arbeitslosigkeit in der Pandemie eine Rolle gespielt: Während der "Corona-Effekt" bei der Arbeitslosigkeit generell Männer und Frauen ähnlich stark betraf, fiel die Entwicklung im ländlichen Raum bei Frauen deutlich negativer aus, erklärt Studienautor Johannes Klotz. Gleichzeitig sei bei ihnen auch die Kurzarbeit besonders stark in Anspruch genommen worden.

Die Betriebsschließungen im Tourismus hätten diese Gruppe besonders stark getroffen, sei das doch vor allem in Westösterreich eine der wenigen Branchen, in der Frauen am Land relativ gute Beschäftigungschancen finden. Gerade Orte mit "touristischen Monokulturen" wie das Ötztal oder das Paznauntal, wo ganze Täler direkt oder indirekt von einem Skigebiet abhängig seien, seien vom De-facto-Ausfall der Wintersaison 2020/21 stark getroffen worden.

In der Folgezeit sei die Schere bei der Arbeitslosigkeit nach Geschlecht zwar wieder kleiner geworden. Auf dem Land seien aber immer noch mehr Frauen arbeitslos als vor Corona, vor allem jene mit Lehr- und Fachschulabschluss, so Klotz. Und wie die Analyse gezeigt habe, liege dieses Stadt-Land-Gefälle vor allem an der Familienstruktur, den dort vertretenen Branchen und der Abhängigkeit von wirtschaftlichen "Monokulturen" wie dem Tourismus.

Expertinnen sehen Politik gefordert

Gerade in der Kinderbetreuung sieht Klotz einen Hebel zur Verringerung der Frauenarbeitslosigkeit auf dem Land: Sobald Betreuung auch für unter Dreijährige und in einem Ausmaß, das mit Vollzeitbeschäftigung vereinbar ist, angeboten werde, werde diese auch zu einem hohen Prozentsatz genutzt, so Klotz. Damit könnte man nicht nur mehr Frauen in die Berufstätigkeit bringen, auch gegen die Abwanderung von Frauen aus dem ländlichen Raum sei das ein wesentlicher Faktor.

"Permanentes Pingpong"

AK-Expertin Moritz fordert deshalb, dass der Ausbau von Kindergartenangeboten vorangetrieben wird. Die jüngst präsentierte neue 15a-Vereinbarung zwischen Bund und Ländern sei eine vergebene Chance. Wegen der Wechselwirkung von Bund, Land und Gemeinden herrsche hier ein "permanentes Pingpong in Verantwortung und Bezahlung".

Sie fordert, dass alle Akteure sich den Ausbau zur gemeinsamen Aufgabe machen. Dabei müsse man auch schauen, dass die Gemeinden nicht auf den Kosten sitzenbleiben. Von Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP), die auch Familienministerin sei, erwarte sie hier mehr Druck. Es brauche einheitliche Standards in allen Bundesländern, ein Bundesrahmengesetz und eine Finanzierung über den Finanzausgleich.

Um auf dem Land mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu bringen, müssten die Arbeitsplätze auch dort öffentlich erreichbar sein und mehr Diversität in der Wirtschaft vorhanden sein. Außerdem müssten die Arbeitsplätze nachhaltig existenzsichernd sein, wenn man verhindern wolle, dass Frauen in die versteckte Arbeitslosigkeit abwandern.

Raab betonte am Montag in der "ZiB 1", dass der Großteil der beschlossenen Gelder in Einrichtungen fließen solle, "die eben 45 Stunden in der Woche offen sind. Und die 47 Wochen im Jahr auch offen haben. Damit eine normale Familie, Vater und Mutter arbeiten gehen können." (APA, red, 7.6.2022)