Papas sind für viele Menschen die Helden des Alltags. Sie stehen parat, wenn es darum geht, einen Fahrradreifen aufzupumpen, oder spenden Trost, wenn der Schultag nicht so gut gelaufen ist. Auch später haben Väter oft einen guten Rat parat, wenn man Liebeskummer hat oder es im Job Probleme gibt. Der zweite Sonntag im Juni ist in Österreich der Tag, um sie hochleben zu lassen.

Entstanden ist der "Father's Day" 1910 in den USA, 1972 machte ihn Präsident Richard Nixon zum offiziellen Feiertag. Hierzulande wurde der Vatertag 1956 von dem Wiener Reklamemann Helmut Herz begründet. Die Textilindustrie schwächelte, und Herz hoffte, dass der Vatertag den Konsum ankurbeln würde.

Der Vatertag ist aber nicht nur ein Anlass für Geschenke – sondern auch, um über die Beziehung zum eigenen Vater nachzudenken. Wir haben sechs Töchter und Söhne gebeten, uns mehr darüber zu erzählen. Wir wollten wissen, welche Rolle ihre Papas in ihrer Kindheit gespielt haben, wie sie ihr Vater im Leben geprägt hat und welche ihre schönsten, aber auch traurigsten Erinnerungen an sie sind.

"Heute nutzten wir die Zeit, um Dinge zu sagen, die bisher ungesagt waren"

Ronny Kokert (51) ist in Hohenau an der March aufgewachsen. Er ist Kampfsportweltmeister, Autor und Coach. Als Vater von zwei Töchtern lebt und arbeitet er heute in Wien.

"Ich bin in einem kleinen Ort in Niederösterreich aufgewachsen. In einem sehr guten Elternhaus. Dennoch war meine Kindheit von traumatischen Erlebnissen überschattet, über die ich mit niemandem sprechen konnte. Mein Vater war für mich eine sehr stabile, aber doch konservative Person. Für seine Familie hat er immer große Verantwortung übernommen, aber er hatte immer eine gewisse Distanz zu mir. Mit Emotionen hatte er nichts am Hut, er hat mich immer aus der Ferne betrachtet. Als Kind fühlte ich mich deswegen immer ein bisschen alleingelassen. Ich konnte nicht mit meinen Problemen und Sorgen zu ihm gehen, es war nur diese Instanz Vater da. Er war immer so kontrolliert, da gab es keinen emotionalen Ausbruch oder Schwäche. Oft träumte ich davon, einen Vater zu haben, der mehr mein Freund ist.

Ein erst kürzlich entstandenes Selfie von Ronny Kokert (51) mit seinem Vater Horst Kokert (82). Vor einigen Jahren erkrankte Ronnys Vater an Demenz.
Foto: Privat

Mein Vater selbst ist sehr streng erzogen worden, er durfte eigentlich nie das machen, was er wollte. Er hatte für sein Leben andere Träume, konnte diese aber nie verwirklichen. Was ich ihm deswegen bis heute hoch anrechne, ist, dass er mir aber genau das ermöglichte. Für mein Leben hatte er sich als Vater etwas ganz anderes vorgestellt, etwas, das Ansehen bringt, etwas Anständiges (lacht). Stattdessen mache ich Kampfsport und lebe auf Risiko. Das passt überhaupt nicht in sein Weltbild, aber er hat mich immer auf diesem Weg unterstützt. Das ist etwas, das mich im Leben sehr stark prägte. Dass man nicht sein Weltbild über das eines anderen drüberstülpt, sondern Menschen unterstützt im Anderssein. Da geht es nicht um akzeptieren oder tolerieren, sondern um echten Respekt. Viel später habe ich mich dann einmal in meinen Vater reinversetzt und erst verstanden, wie schwierig das für ihn sein musste, weil er diese positiven Erfahrungen ja selbst nie machen durfte.

Als ich vierzig war, hatte ich dann eine sehr große Lebenskrise. Und da passierte es: Mein Vater ist als alter Mann mit 70 Jahren aufgestanden, nach Wien gefahren und hat mir geholfen, wieder ins Leben zu finden. Er hat da eine Seite an sich gezeigt, die mich heute noch berührt, wo ich ihm noch heute dankbar bin. Wir haben stundenlange Gespräche geführt, gemeinsam geweint und gelacht. Das war so, als hätte er alles nachgeholt, was er damals, als ich ein Kind war, verabsäumte.

Vor einigen Jahren ist mein Vater an Demenz erkrankt. Bei aller Schrecklichkeit dieser Krankheit begegnen wir uns heute auf einer sehr emotionalen Ebene. Wir reden jetzt über das Wesentliche im Leben. Wovor hat man Angst? Was liebt man? Was würde man heute anders machen? Wir nutzten die Zeit, um Dinge zu sagen, die bisher ungesagt waren."

"Er war derjenige, der uns das Leben rettete"

Liri (27) ist im Kosovo geboren. Als er fünf Jahre alt war, ist er gemeinsam mit seinen Eltern und seiner großen Schwester in die Schweiz geflüchtet. Heute lebt und arbeitet er in Wien.

"Ich komme aus dem Kosovo. Meine ersten Kindheitserinnerungen sind nicht schön. Ich war gerade drei Jahre alt, als der Krieg begann. Ich erinnere mich an meinen Vater, der bei uns in der Wohnung am Boden lag, Soldaten, die ihm Waffen an den Kopf hielten, und später an unsere Flucht in die Schweiz. Eine Szene ist mir dabei besonders im Kopf geblieben: Als wir 2001 vom Kosovo zu Fuß in die Schweiz flüchteten, mussten wir bei starkem Regen einen Fluss überqueren. Ich saß auf den Schultern meines Vaters, das Wasser stand ihm bis zum Hals. Die Strömung des Flusses war irrsinnig stark, vor mir wurden einige Menschen einfach weggespült. Doch mein Vater ging stillschweigend mit mir durch diesen Fluss. Es war für mich eine heroische Szene. Mein Vater war mein Held. Er war derjenige, der uns das Leben rettete.

Liri, damals fünf Jahre alt, mit seinem Vater Nreka, damals 32 Jahre alt, nach ihrer Flucht in die Schweiz.
Foto: Privat

Auch später in der Schweiz tat er alles dafür, um uns ein schönes Leben zu ermöglichen. Er stand um 4 Uhr morgens auf und kam um 8 Uhr abends von der Arbeit nach Hause. Nie hat er gejammert oder geklagt. Stattdessen fand er in den wenigen Stunden, die er zu Hause war, noch Zeit, um mit uns zu spielen. Es war ihm immer total wichtig, einen guten Platz in der Gesellschaft zu finden. Nicht nur für ihn selbst, sondern für uns als Familie. Nach einigen Monaten hat er trotz der Sprachbarriere eine echte Karriere in der Schweiz hingelegt. Er leitete mehrere Bäckereifilialen. Und das alles, obwohl er, genau wie meine Mutter, vom Krieg traumatisiert war. Obwohl er seine dreijährige Tochter, meine Schwester, im Krieg verloren hatte. Bis heute frage ich mich, wie er die Kraft für all das aufbringen konnte. Wie er immer wieder aufstehen und weitermachen konnte, wie er überhaupt noch Freude empfinden konnte.

Ansonsten ist mein Vater ein typischer Balkanvater (lacht): Er redet viel und laut, schimpft bei jeder Kleinigkeit, schaut grantig drein, obwohl er ein ganz Lieber ist. Nach drei Jahren in der Schweiz mussten wir das Land verlassen und sind nach Österreich gekommen. Wieder musste mein Vater von vorne anfangen. Damals war es als Flüchtling in Österreich noch viel schwieriger als heute. Man hat nicht einfach so arbeiten können, mein Vater musste jahrelang schwarz am Bau hackeln. Dort wurde er behandelt wie ein Tier, hatte sich oft verletzt, konnte dann aber nicht zum Arzt, und wenn die Kontrollen kamen, musste er weglaufen. Aber was hätte er denn machen sollen? Von dem wenigen Geld der Caritas konnten wir als vierköpfige Familie kaum leben. Später drohte uns dann die Abschiebung. Nur durch das Engagement der Gemeinde Neunkirchen durften wir als Familie in Österreich bleiben und endlich ein Leben aufbauen.

Ich hatte als Jugendlicher mit Migrationshintergrund teilweise "schlechten Umgang", wie man so sagt. Ich hätte wohl auch auf die falsche Bahn geraten könnten, aber ich wusste, dass ich meinen Vater damit enttäuscht hätte. Er hatte so für unsere Zukunft gekämpft, für ein neues, friedvolles Leben, das vergesse ich ihm nie. Mein Vater ist vom Krieg traumatisiert, das steht fest. Doch er war immer ein anständiger Mann. Wenn mein Vater Fehler machte, hat er Reue gezeigt, hat offen darüber gesprochen, sich entschuldigt. Das rechne ich ihm bis heute hoch an. Das ist etwas, das mich als Person sehr geprägt hat. Mir ist es auch wichtig, dass man sich Fehler eingestehen, reflektiert, besser wird. In den letzten Jahren ist unser Verhältnis noch einmal schöner geworden. Wir reden jetzt auf Augenhöhe miteinander und respektieren uns."

"Als ich vier war, ging mein Vater in den Krieg"

Herlinde B. ist 87 Jahre alt und in Niederösterreich aufgewachsen. Ihr Vater Fritz war Wagnermeister in Herzogenburg.

"Mein Vater hieß Fritz und war Wagnermeister. Er hat Leiterwagen aus Holz, Rodeln oder Ski erzeugt. Das waren Eschenskier. Da hat er selber das Holz geholt, und ich habe immer dabei zugeschaut, wie er die Skier über dem Feuer gebogen hat. Besonders gut konnte er Stiele für Gebrauchsgegenstände wie Hammer. Er machte das schön und mit Begeisterung. Da haben die Leute gesagt: Das ist das schönste Werkzeug.

Herlinde B. mit einem Foto ihres Vaters. Es zeigt ihn in seiner Werkstatt in Herzogenburg.
Foto: lib

Abgesehen davon habe ich nicht viele Erinnerungen an ihn. Als ich vier war, ging er in den Krieg. Nach dem Krieg war er jahrelang eingesperrt. Ein Erlebnis aber gibt es, das werd' ich mir mein ganzes Leben merken. Zu Weihnachten, da hat es auf einmal am Tor geläutet. Es war schon spät. Da ist er auf Urlaub gekommen vom Krieg. Das war mein schönstes Weihnachten.

Dass mein Vater ein Nazi war, das habe ich erst später verstanden. Als Kind wusste ich nicht, was das ist. Als Erwachsene fand ich es furchtbar und habe mich gefragt: Wie konnte er sowas machen?

Wie mein Vater so war? Zu mir war er gutmütig, hatte aber auch Eigenheiten, wie die meisten Menschen. Ein bisserl neidig war er und auch geizig. Als ich bereits erwachsen war und selbst Kinder hatte, habe ich einmal für sie Schokolade gekauft. In der Packung waren mehrere Tafeln – er hat mich zam'geschimpft und gesagt: Wieso kannst du nicht nur eine kaufen?

Mein Vater wollte sich nie gerne untersuchen lassen, er ist nie zum Arzt gegangen. In seinen 70ern erkrankte er an Prostatakrebs, und daran ist er auch gestorben."

"Er hat uns auch ohne Mama eine schöne Kindheit ermöglicht"

Martina (33) ist in Baden aufgewachsen. Sie ist selbstständige Grafikerin und lebt mit ihrem Lebensgefährten und Kind in Wien.

"Als ich vier war, ist meine Mutter verstorben. Mein Vater ist von einem auf den anderen Tag mit zwei kleinen Kinder dagestanden – zum Glück aber mit viel Unterstützung der Großeltern. Trotz dieses Schicksals habe ich großteils schöne Erinnerungen an meine Kindheit mit einem unglaublich liebevollen Vater, der immer einen Schmäh auf den Lippen hat. Bis heute (lacht). Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, sehe ich vor meinem Auge Brettspiele, Drachen, die wir steigen ließen, oder Skiurlaube. Er hat sein Bestmögliches gegeben, dass er uns auch ohne Mama eine schöne Kindheit ermöglicht.

Vor seiner Pension war er Lehrer in einer Berufsschule. Er hat ein enormes Allgemeinwissen und hat uns immer vermittelt, wie wichtig es ist, etwas zu lernen. Das Wichtigste, das ich aber von meinem Vater fürs Leben gelernt habe, ist, dass man sich etwas trauen muss, wenn man etwas erreichen will im Leben. "Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben", sagt er immer. Ein Beispiel aus meiner Jugend: Nach der vierten Klasse Unterstufe wollte ich in eine berufsbildende höhere Schule, wurde wegen zu vieler Anmeldungen aber nicht mehr aufgenommen. Ich erinnere mich noch so gut daran, wie ich traurig dort vor der Schule stand, weil auf der Liste mein Name nicht zu finden war. Ich bin nach Hause, habe geweint, und mein Vater gab mir den Rat: 'Wenn du das wirklich willst, dann fährst du jetzt zur Direktorin und schilderst ihr, warum du in diese Schule gehen solltest.' Ich bin dann mit meinen 13 Jahren los, habe vor der Direktorin für mich eingestanden und wurde tatsächlich aufgenommen. Er hat mir beigebracht, dass man ein Nein nicht immer gleich akzeptieren muss und dass es sich für manche Dinge zu kämpfen lohnt.

Martina (33) mit ihrem Vater Herbert (63). Martina ist mittlerweile selbst Mutter einer Tochter.
Foto: Privat

Mein Vater war überhaupt nicht streng, es gab eigentlich keine Verbote bei uns. Ganz im Gegenteil: Er hat uns so frei erzogen, ohne große Regeln, eher freundschaftlich. Egal was war, er hat immer auf Augenhöhe mit mir gesprochen, er hat zugehört und mich ernst genommen. Das gab mir ein großes Selbstbewusstsein. Vielleicht ist es aber auch der Grund, warum ich heute Probleme mit Autoritätspersonen habe und mittlerweile mein eigener Chef bin (lacht). Ich arbeite als selbstständige Grafikerin und kann mir dadurch meine Arbeitszeit flexibel einteilen. Das ist jetzt als Mutter von einem Kleinkind auch sehr wertvoll.

Jeden Dienstag kommt mein Vater mit seiner Lebensgefährtin Rose zu uns. Die beiden passen gemeinsam auf unsere eineinhalbjährige Tochter auf. Es ist extrem schön zu sehen, wie er sich als Opa engagiert, und ich bin ihm unglaublich dankbar für alles, was er für mich und meine Tochter leistet."

"Mein Vater war schon immer ein Feminist"

Cecilia Capri (31) ist mit ihren Eltern und ihrer Schwester in einem Haus in Graz aufgewachsen. Heute ist sie Designerin und Unternehmerin in Wien.

"Mein Papa ist mein großer Held. Das wusste ich natürlich nicht immer. Es gab Zeiten, relativ lange Zeiten sogar, in denen ich meinem Papa verflucht habe und ihn am liebsten auf den Mond geschossen hätte. So geht es wahrscheinlich jedem Kind einmal, aber meine Pubertät war auf jeden Fall relativ lange und intensiv (lacht). Aber in all den Jahren hat mein Papa nie gesagt 'Mir reicht's' oder 'Du gehst jetzt'. Ganz im Gegenteil: Er hat mir die Hand gehalten, wenn ich geweint und getobt habe. Er hat versucht, mich zu verstehen, wenn es eigentlich unmöglich war, mich zu verstehen. Weil man eben ein Teenager ist, weil man ja selbst nicht weiß, was man will. Heute weiß ich, wie sehr sich mein Papa bemüht hat, immer das Richtige zu tun. Wie sehr er versucht hat, meine Schwester und mich bei allem zu unterstützen, das wir uns wünschten. Und das alles ohne Bedingungen.

Cecilia (31) mit ihrem Vater Gerhard (60) auf ihrer Hochzeitsfeier im Sommer 2021.
Foto: Privat

Wofür ich ihm bis heute wirklich dankbar bin: Er hat nie versucht, uns Mädchen in irgendwelche Rollen zu zwängen. Unser Papa hat uns nie zu irgendetwas erzogen, er hat nie versucht, seine Töchter zu formen oder in eine Richtung zu beeinflussen. Stattdessen hat er uns dazu inspiriert, zu sein, wer auch immer wir sein wollen. Wir haben Sätze wie 'Sowas macht man als Mädchen nicht' niemals gehört. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich meinem Papa mit neunzehn Jahren offenbarte, dass ich nach Berlin gehen und Modedesign studieren will. Ich kann mir nur ausmalen, wie es ihm in diesem Moment ging. Als Arzt aus einem konservativen Elternhaus stammend, hätte er sich für sein Töchterchen sicher eine Anwalts- oder Arztkarriere gewünscht (lacht). Doch anstatt mir einen Vortrag darüber zu halten, dass heutzutage keiner mit Modedesign Geld verdient, meinte er nur: 'Brauchst du Hilfe bei der Bewerbung?' Dann hat er einen Kleinlaster ausgeliehen und hat mich neun Stunden nach Berlin gefahren. Mein Papa ließ uns immer und lässt uns noch unsere eigenen Fehler machen. Und wenn wir mal fallen, dann sagt er niemals 'Ich hab's ja gewusst!'. Nein, er hält uns die Hand hin und hilft uns wieder hoch.

Er hat meine Schwester und mich zu selbstständigen und selbstbewussten Frauen erzogen, die keine Angst haben zu scheitern, keine Angst haben, ihre Meinung zu sagen, keine Angst haben, Risiken einzugehen und Fehler zu machen. Erst heute ist mir klar, dass mein Vater schon immer ein Feminist war.

Ich erinnere mich noch genau, ich war keine zehn Jahre alt, als er zu mir gesagt hat: 'Besser du lebst mit der Liebe deines Lebens unter einer Brücke und hast keinen Groschen in der Tasche als mit dem falschen Menschen in einem Schloss mit allem Reichtum der Welt!' Und genauso lebe ich heute, danke, Papa."

"Was ich von meinem Vater habe, ist eine Fülle skurriler Geschichten"

Peter Pressnitz hat seinen Vater nie getroffen – aber vor kurzem ein Buch über ihn veröffentlicht. Es trägt den Titel: "Halber Vater, ganzer Sohn"

Peter Pressnitz mit einem Bild seines Vaters, eines 1915 geborenen "Grenzgängers", den er nie kennengelernt hat.
Foto: lib

"Ich habe meinen Vater nie kennengelernt. Meine Mutter sprach nie über ihn, er war bei uns zu Hause ein Tabu. Dass mein Stiefvater nicht mein leiblicher Vater ist, wusste ich. Ich traute mich aber auch nicht, nach meinem echten Vater zu fragen. Die Situation war nicht leicht für mich.

Als ich in meinen 30ern war, beschloss ich, mehr über meinen Vater herauszufinden. Es war ein komisches Gefühl, dass da jemand ist, von dem ich genetisch abstamme, dem ich auch sehr ähnlich sehe – über den ich aber gar nichts weiß. Ich begab mich auf die Suche und erfuhr, dass mein Vater Franz Paul einige Jahre nach seiner Rückkehr aus dem Krieg mehrmals in der Psychiatrie war, davon sieben Jahre in Gugging. Die Kriegserlebnisse als Sanitäter an der Ostfront haben ihn wohl seelisch erkranken lassen. Ich durchstöberte das Archivmaterial zu den Psychiatrie-Aufenthalten, aus denen hervorging: Mein Vater litt an einem religiösen Wahn, sah sich als Messias, wollte Leichname mumifizieren lassen und setzte sich für die Auflassung aller Friedhöfe und Schlachthöfe ein. Mein Vater war auch Vegetarier und sammelte für den Tierschutz. In Zeitungsartikeln aus den 70er-Jahren las ich, dass er offenbar Spendenbetrug beging.

Ich entschied mich, meine Erkenntnisse in Buchform zu veröffentlichen. Es war mir wichtig, meinem Vater, diesem Außenseiter, Sonderling und Grenzgänger, etwas an Würde und Respekt zurückzugeben. Durch das Aufschreiben seiner Geschichte löste sich auch mein ureigenes Thema, also das des 'vaterlosen Sohnes'. Gelegentlich sage ich zu Freunden: Wenn ich sonst schon nichts von meinem Vater hatte, ist seine Hinterlassenschaft eine Fülle dramatischer und skurriler Geschichten. Was hätte ich denn schon Packendes über ihn schreiben können, wäre er ein Buchhalter, ein Beamter oder ein arbeitsamer Handwerker gewesen?" (Nadja Kupsa, Lisa Breit, 12.6.2022)