"Wir müssen nicht nur von Wissenschaft und Politik, sondern auch von Wissenschaft als Politik sprechen, weil es nämlich keinen politikfreien Raum gibt", sagt Migrationsforscherin Judith Kohlenberger in diesem Gastkommentar. Dieser Beitrag basiert auf ihrer Festrede anlässlich der Preisverleihung des Theodor-Körner-Fonds.

Gesellschaftlich relevante Forschung muss auch in der Gesellschaft ankommen.
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Die Wissenschaftsskepsis in Österreich ist laut Eurobarometer-Umfrage auf einem historischen Höchststand. Nicht nur der Wissenschaft als solches, sondern vor allem auch Wissenschafterinnen und Wissenschaftern wird misstraut. Für diesen "wissenschaftsbezogenen Populismus", der unter anderem in der Ablehnung von Impfungen und Covid-Maßnahmen mündet, gibt es zahlreiche Erklärungsversuche, etwa der Einfluss der Esoterik oder eine fehlende Grundbildung. All diese Hypothesen sind sicherlich zutreffend, und doch beschreiben sie nur einen Teil des Ganzen.

Was ich als weiteren Erklärungsansatz in den Raum stellen möchte, ist der Einfluss einer Art von Wissenschaft, vor allem aber von Wissenschafter-Sein, das man nur als "disengaged", als nicht zuständig, losgelöst bezeichnen kann. "Disengaged", das trifft im Kern das weiterhin vorherrschende Ideal, wie ein Wissenschafter – noch immer häufiger als eine Wissenschafterin – zu sein hat, nämlich am Ideal von Distanz, "Objektivität", Neutralität und (örtlicher wie inhaltlicher) Abgehobenheit orientiert. Eben oben im Elfenbeinturm. Vor allem aber bedeutet "disengaged" ein Schweben über dem Morast des politischen Alltags, eine Beliebigkeit und Entrücktheit in anderen Sphären.

Kritischer Dialog

In so einem Verständnis des Wissenschafters, der Wissenschafterin ist es für populistische Strömungen rechts, aber auch links der Mitte ein Leichtes, sie als Teil der Mächtigen zu charakterisieren; als jene abgehobenen Eliten zu zeichnen, die fernab von den Problemen der Welt agieren und sich hinter Daten oder Theorie verstecken. Dabei wäre es gerade in Zeiten wie diesen von zentraler Bedeutung, dass sich Forschende sehr wohl in den kritischen Dialog mit der Gesellschaft und, ja, auch mit der Politik begeben, sich im besten Wortsinn engagieren. An Herausforderungen mangelt es bekanntlich nicht: Krieg, Pandemie, Klimakrise, Teuerung, Getreideknappheit und drohende Hungersnöte. Die Welt brennt, und der Feuerlöscher schlechthin, nämlich die Wissenschaft und ihre Proponentinnen und Proponenten, sollen sich dem Brandeinsatz verweigern?

Gesellschaftlich relevante Forschung muss auch in der Gesellschaft ankommen. Dabei sollten sich Wissenschafterinnen und Wissenschafter nicht vom populistischen Ruf nach Vereinfachung und Verkürzung verführen lassen, sondern eine zugängliche Komplexität schaffen. Aufgabe der Wissenschaft ist es gerade bei heiklen, umkämpften Themen, den Stand des Wissens aufzuzeigen, aber auch auf die notwendige Vorläufigkeit jeglichen Wissens zu verweisen. Problematisch wird es dann, wenn in der Kommunikation von Forschungsergebnissen suggeriert wird, es handle sich nicht um Wahrscheinlichkeiten, sondern um absolute Wahrheiten. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie fatal diese Haltung ist.

"Die Wissenschafterin hat immer und zwangsläufig einen eigenen Standpunkt, ist als Mensch, als Bürgerin genauso ein Kind ihrer Zeit wie der Bäcker, die Busfahrerin und der Bundeskanzler."

Auch deshalb muss Objektivität als das offenbart werden, was sie ist: ein Mythos. Die Wissenschafterin hat immer und zwangsläufig einen eigenen Standpunkt, ist als Mensch, als Bürgerin genauso ein Kind ihrer Zeit wie der Bäcker, die Busfahrerin und der Bundeskanzler. Deshalb braucht es ein selbstbewusstes Bekenntnis dazu, dass "Wissen schaffen" nie im sozialen oder politischen Vakuum passiert oder jemals passieren kann. Wissensproduktion ist immer historisch und kulturell bedingt und durch bestehende Machtverhältnisse beeinflusst. Dazu zählt auch, dass die Deutungshoheit in der Wissenschaft weiterhin zu großen Teilen männlich, weiß und eurozentrisch ist und somit die Erfahrungswelten vieler Bevölkerungsgruppen ausgeblendet werden.

Man muss nicht lange in die Wissenschaftsgeschichte zurückgehen, um die negativen Folgen solcher Machtverhältnisse aufzuspüren. Das trifft auf jene Forscher zu, die unter dem Deckmantel der damaligen Definition von Wissenschaft Phrenologie oder Eugenik betrieben, oder "Krankheiten" wie Hysterie und Homosexualität erforschten.

Historisch betrachtet, hat die wissenschaftliche Deutungsmacht viele Gräueltaten legitimiert. "Neutral" ist da gar nichts, viel eher wird offenkundig, wie Wissenschaft immer auch ein Spiegel für gesellschaftliche Vorstellungen, Erwartungen und Diskurse ist – und vice versa.

"Es gibt keinen politikfreien Raum."

Auch deshalb müssen wir nicht nur von Wissenschaft und Politik, sondern auch von Wissenschaft als Politik sprechen, weil es nämlich keinen politikfreien Raum gibt. Größere gesellschaftliche Zusammenhänge und Machtverhältnisse bedingen eben immer auch die Wissenschaften als Teil des Gemeinwesens. Dabei geht es nicht nur um "große" Fragen wie jene der Freiheit der Wissenschaften, sondern auch um Bedingungen der Wissensproduktion und -legitimation. Diese gilt es nicht durch einen unerreichbaren Objektivitätsanspruch zu übertünchen, sondern transparent und kritisch zu reflektieren.

Darüber hinaus bedeutet "Wissenschaft als Politik" aber auch eine Wissenschaft mit Haltung, die sich nicht nur mit einem Freiheitsanspruch verträgt, sondern, im Gegenteil, diesen sogar stärkt. Haltung für eine – Vorsicht, kitschig – bessere, gerechtere Welt, die den Grund- und Freiheitsrechten verpflichtet bleibt und nach einem klaren Wertekompass agiert. Die Emotionen nicht als "unwissenschaftlich" abtut und sich damit einem wesentlichen Erklärungssystem alles Menschlichen entzieht, sondern im Gegenteil sich ihrer bedient.

Wie viel Neutralität?

Im politischen Bereich haben wir zuletzt eine Differenzierung der neutralen Positionierung erlebt: Der russische Angriffskrieg in der Ukraine ging dann doch zu weit, um sich auf eine bequeme "Both sides"-Position zurückzuziehen. Er zeigt uns: "Neutral" im Angesicht des Unrechts zu bleiben ist gleichbedeutend damit, es stillschweigend gutzuheißen.

Und doch wünschen sich viele genau diese "Gesinnungsneutralität" in der Wissenschaft. Der Wunsch äußert sich in meinem Fall in kreativen Vorwürfen, doch bitte auch mal "kontra" Migration zu sein, kühl zu analysieren, aber keinesfalls anzuprangern, was an den EU-Außengrenzen passiert, keinerlei emotionale Reaktion auf geschehenes Unrecht und die systematische Untergrabung unserer Menschenrechte zu zeigen – als ob mich jegliche persönliche Betroffenheit zu einer minderwertigen, weniger scharfsichtigen Beobachterin machen würde. Ich glaube ja, das Gegenteil ist der Fall.

"Nehmen wir die Ungleichheiten, Widersprüchlichkeiten und Schieflagen dieser Welt als Antrieb für unsere Forschung."

Jede Forschung, aus der sich ableiten lässt, dass die Menschheit ihre Konzepte, ihre Vorstellungen und damit meist auch ihr Verhalten ändern muss, ist per se politisch. In diesem Sinne: Nehmen wir die Ungleichheiten, Widersprüchlichkeiten und Schieflagen dieser Welt als Antrieb für unsere Forschung. Seien wir "engaged scholars", engagierte Forschende, die sich nicht vom Ungemach der Welt loslösen und in den "Elfenbeinturm" flüchten, sondern sich davon antreiben lassen, akademisch wie politisch. (Judith Kohlenberger, 10.6.2022)